Vorurteile

13.1.2006 | Von:

Sinti und Roma als Feindbilder

Verfolgung und Ermordung

Aus der Sicht der Bevölkerungsmehrheit befanden sich Sinti und Roma lange Zeit außerhalb der festgefügten gesellschaftlichen Strukturen. Deshalb eigneten sie sich als Projektionsfläche für vielerlei Fantasien, Ängste und Wünsche der Mehrheitsgesellschaft. Man verdächtigte sie der Spionage ebenso wie der Kindesentführung oder der Zauberei. Dass es für die Vorwürfe keine Belege gab, verhinderte die Verfolgung der Volksgruppe nicht. Besonders intensiv wurde der Druck auf die Minderheit in Deutschland mit der Gründung des deutschen Kaiserreichs im Jahr 1871. Durch den Zusammenschluss der deutschen Länder konnten die Behörden effektiver zusammenarbeiten. Ein Verwaltungskonzept bildete sich heraus, das scharfe polizeiliche Überwachung und strenge Aufenthaltsbeschränkungen mit sich brachte und damit Sinti und Roma zum ständigen Weiterziehen zwang. Die Aggressivität der Politik spiegelte sich schon in der Sprache wider: Als "Bekämpfung der Zigeunerplage" bezeichneten die Bürokraten ihr Vorgehen.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 bot die Voraussetzung, die Verfolgung der Sinti und Roma im Deutschen Reich zu verschärfen. In den ersten Jahren der Diktatur führten die Behörden zunächst die Überwachungspolitik der Weimarer Republik fort. Doch mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 begann sich die nationalsozialistische Rassenpolitik auch gegen Sinti und Roma zu richten. Neben den Juden erklärte das NS-Regime auch die "Zigeuner" zu "Angehörigen artfremder Rassen" und verbot ihnen Ehen mit "Deutschblütigen". Ab 1935 errichteten viele deutsche Städte, etwa Berlin, Frankfurt am Main und Köln, "Zigeunerlager", in denen sie Sinti und Roma internierten. Die kommunalen Lager boten die Voraussetzung zur Deportation in Konzentrations- und Vernichtungslager. Über die Gesamtzahl der in Europa ermordeten Sinti und Roma existieren nur Schätzungen. Gesichert ist aber, dass allein in Deutschland die NS-Verfolgung rund 15.000 der 20.000 bis 25.000 als "Zigeuner" oder "Zigeunermischlinge" stigmatisierten Menschen das Leben gekostet hat. Nahezu jede Familie unter den deutschen Sinti und Roma hat Mitglieder im Völkermord verloren. Viele Sinti und Roma, die nicht ermordert wurden, ließen die NS-Behörden zwangsweise sterilisieren.

Quellentext

Von der Schulbank nach Auschwitz

[...] Das entscheidende Mittel, um die deutschen Sinti und Roma endgültig aus den Schulen zu vertreiben, war der Erlass des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 15. Juni 1939, der bewusst nicht veröffentlicht wurde. Nach diesem Erlass konnten "Zigeunerkinder" von der Schule verwiesen werden, so weit sie in "sittlicher und sonstiger Beziehung für ihre deutschblütigen Mitschüler eine Gefahr bilden". [...]

Ein weiterer Runderlass des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 22. März 1941 hat die Überschrift "Zulassung von Zigeunern und Negermischlingen zum Besuch öffentlicher Volksschulen". In diesem Erlass wurde folgendes festgelegt: "Die Zulassung von Zigeunerkindern, die die deutsche Staatsangehörigkeit nicht besitzen und demgemäß nicht schulpflichtig sind, ist grundsätzlich abzulehnen." Weiter hieß es:
"Bei Zigeunerkindern, die die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen und daher schulpflichtig sind, wird eine grundsätzliche Ablehnung der Aufnahme in die öffentlichen Volksschulen nicht angängig sein. Da die Zahl der Zigeunerkinder in der Regel hierfür nicht ausreicht, wird es auch nicht möglich sein, für sie besondere Schulen einzurichten. So weit solche Kinder in sittlicher oder sonstiger Beziehung für ihre deutschblütigen Mitschüler eine Gefahr bilden, können sie jedoch von der Schule verwiesen werden. In solchen Fällen wird es sich empfehlen, die Polizeibehörde entsprechend zu benachrichtigen. Bei der Behandlung von Negermischlingen ist nach den gleichen Grundsätzen zu verfahren. Dieser Erlass ist nicht zu veröffentlichen." [...]

Von der Gestapo aus der Schulbank geholt: Der Bericht des Sinto Herbert (Ricky) Adler
"Ich bin am 18. 12. 1928 in Dortmund geboren und bin dort fast drei Jahre zur Schule gegangen. Wir sind dann nach Frankfurt umgezogen, als mein Vater Postangestellter in Frankfurt im Postamt Süd wurde. Wir bewohnten hier eine Vierzimmerwohnung. So wurde ich in die Frankensteinerschule umgeschult und besuchte diese Schule von 1937 bis 1940.
Eines schönen Tages klopfte es an der Tür des Klassenzimmers, und wir als Lausbuben meinten, wir hätten etwas angestellt und dachten: Au, jetzt kriegste wieder eine druff. Der Rektor kam und sagte zu mir: 'Komm mal raus!' Der Lehrer fragte: 'Was ist denn los?' Der Rektor entgegnete: 'Ich muss mit dem Ricky mal sprechen.' Der Lehrer fragte: 'Was wollen Sie von ihm?' Sie gingen beide heraus, sprachen miteinander, und nach zehn Minuten kamen sie wieder herein. Der Lehrer sagte zu mir: 'Ricky, pass auf, da sind zwei Kriminalbeamte und die wollen dich mitnehmen. Du hast da was angestellt.' [...]
Wie ich raus kam, stand bereits mein Bruder Heinz, der eine Klasse höher war, unten auch mit Kriminalbeamten. Die schnappten uns, steckten uns in ein Polizeiauto. Wir wurden in die Lehrgasse gefahren. Dort hatten sie schon meinen Vater von der Post geholt sowie meine anderen Geschwister von der Freiherr-vom-Stein-Schule (früher Kaiser-Friedrich-Gymnasium). Nun waren wir in unserer Wohnung in der Lehrgasse. Dort sagten sie uns: 'Das und dies können Sie mitnehmen. Alles andere wird Ihnen morgen gebracht.' Mein Vater fragte: 'Was ist denn los, weshalb?' - 'Ich kann Ihnen nichts anderes sagen, nehmen Sie diese Sachen mit, alles andere bekommen Sie später.'
Wir wurden dann auf ein Lastauto geschmissen und in die Dieselstraße gebracht. Es war ein Zwangslager - ungefähr 200 mal 70 Meter groß. [...] Der Platz war eingezäunt und auf ihm stand eine Holzbude. In ihr saßen zwei Polizisten: Herr Müller und Herr Himmelheber. Wir mussten uns dort einzeln reinstellen und wurden aufgeschrieben. Ich bin von einer Vierzimmerwohnung in einen Wohnwagen gekommen; das war ein alter ausrangierter Möbelwagen, ohne Fenster, keine Toilette, kein Licht - gar nichts. Dort lebten wir zu neunt. Wir wussten gar nicht, was wir machen sollten. Wir waren Kinder und dachten, der Papa wird das schon regeln.
Da war ich 13 Jahre alt. Wir hatten nun den Wagen und in ihm befand sich ein Holzbett, ein Tisch und zwei Holzstühle und ein Fußboden - sonst gar nichts. Wir mussten um 18.00 Uhr dann alle zum Appell raus, dort wurde dann gezählt. So ging es eine ganze Zeit lang. Die Familien mussten sich alle einzeln melden. [...] Wir Kinder durften gar nicht mehr raus. Nur die Männer und Frauen, die Arbeit in Frankfurt hatten, durften das Lager verlassen. Ich war bis 1942 dort gewesen.
[...] Die Nazis meinten, das Lager müsse evakuiert werden, nämlich in das Lager in der Kruppstraße, das noch größer war. Dieses Lager war bewachter. Nachts lief die Polizei mit Hunden herum, damit keiner abhauen konnte, obwohl sowieso keiner raus konnte. [...]
Wir waren bis Mitte 1943 in der Kruppstraße gewesen. Dann wurde ein Transport nach Auschwitz zusammengestellt. [...] Wir wurden zum Ostbahnhof gebracht. Dort standen Viehwagen. In einen solchen Viehwagen wurden etwa 80 bis 100 Menschen eingepfercht. Es dauerte etwa drei Tage, bis wir in Auschwitz ankamen." [...]

Benjamin Ortmeyer, Schulzeit unterm Hitlerbild, Frankfurt/Main 2000, S. 132 ff.

Chancenungleichheit

Mit dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Staates und dem Ende der deutschen Okkupation Europas endete zwar die Rassenverfolgung, die Ausgrenzung der Sinti und Roma bestimmte jedoch auch nach dem Zweiten Weltkrieg die Lage der Minderheit in der Bundesrepublik. Anders als gegen-über den Juden entwickelte sich gegenüber Sinti und Roma kein Bewusstsein dafür, dass die Minderheit unter dem NS-Regime ein Opfer der Rassenverfolgung geworden war. Über das Schicksal der Sinti und Roma gab es keine öffentliche Auseinandersetzung in den Medien, die Justiz erkannte sie nur zu einem kleinen Teil als berechtigte Empfänger von Wiedergutmachungsleistungen an. Selbst die Alliierten interessierten sich kaum für die Lage der Sinti und Roma. So konnte sich auch keine Auseinandersetzung mit gängigen Vorurteilen entwickeln, wie es beim Antisemitismus der Fall gewesen ist.

Die Stereotypen über "Zigeuner" wirkten weiter. Gerade auf der Ebene der Städte und Gemeinden orientierte sich die Verwaltung nach dem Zweiten Weltkrieg wieder an der Praxis aus der Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Das hatte Folgen für die rechtliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Sinti und Roma in der Bundesrepublik, vor allem aber auch für ihre wirtschaftliche Lage: Sie hatten weniger Chancen als andere Bevölkerungsteile, am wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik teilzuhaben.

Erst in den 1960er Jahren fanden sich die Kommunen damit ab, dass Sinti und Roma Nachbarn auf Dauer waren. Aus den provisorischen Unterkünften in Wohnwagen und selbstgebauten Holzhütten wurden einfache Betonbarackensiedlungen. Sie lagen weit außerhalb der städtischen Wohngebiete. Ein Beispiel dafür war etwa die Mundenhofer Siedlung in Freiburg im Breisgau. Sie befand sich unmittelbar neben dem Freiburger Rieselfeld, in dem die Abwässer der Stadt versickerten. In dieser und anderen Siedlungen wuchs ein Teil der jungen Generation wie in einem Getto heran - mit geringen Chancen auf gute Schulbildung sowie sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg.

Für die Mehrheitsbevölkerung schienen die Wohnbedingungen vieler Sinti und Roma die stereotypen Ansichten über sie zu bestätigen. Der Anblick der zum Teil verarmten, in Baracken lebenden Menschen passte zu den Vorstellungen von einem bestenfalls halbsesshaften Volk, das sich angeblich für die Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft nicht interessierte. Ein Teufelskreis war in Gang gekommen: Das Ergebnis der Ausgrenzung konnte man zur Rechtfertigung der Stereotype heranziehen, die zu weiterer Ausgrenzung führten.