Vorurteile
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Vorurteile gegen sozial Schwache und Behinderte


13.1.2006
In einer Gesellschaft, die Erfolg und Leistungsfähigkeit zum Leitbild erhebt, haben es Behinderte und sozial Schwache schwer. Sie werden ausgegrenzt, als "Versager" und "Faulenzer" wahrgenommen.

Am Paralympischen Tag 2007 spielt die deutsche U22-Mannschaft gegen das chinesische Team.Am Paralympischen Tag 2007 spielt die deutsche U22-Mannschaft gegen das chinesische Team. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



Menschen, die man gemeinhin als sozial schwach betrachtet, erfahren immer wieder stille Ausgrenzung und offene Feindschaft. Ein Teil der Bevölkerung folgt dabei stereotypen Zerrbildern und pauschalen Urteilen, betrachtet Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Wohnungslose, aber auch Behinderte als Störfaktor in einer auf Leistung und Konkurrenz ausgerichteten Gesellschaft.

Sozial Schwache als Feindbild



Der "Sozialbetrüger", der es sich auf Kosten der Allgemeinheit in der "sozialen Hängematte" bequem macht, ist eine bekannte Figur der öffentlichen Debatte. Boulevardzeitungen versorgen das Publikum regelmäßig mit Geschichten über "Schmarotzer", die mit listigen Tricks die Sozialämter um hunderttausende von Mark prellen. Die Leser können den Eindruck gewinnen, große Teile des deutschen Sozialbudgets wanderten in die Taschen gewitzter Nichtstuer, denen Verwaltung und Steuerzahler hilflos aufsitzen.

Während der asoziale Trickbetrüger die Sensationsberichte beherrscht, ist auf der Straße der Wohnungslose der sichtbare Normverletzer. Als "Penner", "Alki" oder "Tippelbruder" tituliert, sieht er sich dem Vorwurf ausgesetzt, er habe sich die Lebensform frei gewählt, im Vertrauen darauf, dass ihn die Allgemeinheit subventioniert. Erwarten darf er bestenfalls Mitleid, oft genug schlägt ihm Aggression entgegen. Jugendliche Rechtsradikale machten seit der deutschen Vereinigung immer wieder Wohnungslose zu Opfern ihrer Gewalttaten.

Auch die Bewohner sozialer Brennpunkte sind ein beliebtes Objekt von Vorurteilen. In fast jeder Stadt sind Quartiere als "Asozialensiedlung" oder "Glasscherbenviertel" verrufen. Wer dort wohnt, trägt das Stigma seiner Umgebung. Allein die Adresse auf dem Briefumschlag kann die Chancen einer Bewerbung um eine Arbeitsstelle oder eine bessere Wohnung verringern.

Wie andere Vorurteile sind auch die gegen sozial Benachteiligte erlernt. Eltern, die ihren Kindern Wohnungslose als warnendes Beispiel präsentieren, setzen den Lernprozess in Gang. Auch das abfällige Reden über Sozialhilfeempfänger fördert das Entstehen entsprechender Kategorien bei den Nachwachsenden.

Das Leitbild des Erfolgreichen und Leistungsfähigen macht den sozial Schwachen zum Normverletzer. Der Beobachter, der nur den "Versager" oder "Faulenzer" wahrnimmt, hinterfragt die eigenen Kategorien selten. Dabei enthalten sie eine Reihe von Widersprüchen. Dass mancher Steuerhinterzieher für die Allgemeinheit mehr Kosten verursacht als viele Sozialhilfeklienten, führt beim Steuerhinterzieher nicht zu einer vergleichbaren Stigmatisierung. Darüber hinaus fußt die Feindschaft gegen sozial Schwache oft auf der Fiktion der Vollbeschäftigung. Sie drückt sich im Alltag in der Parole aus: "Wer arbeiten will, findet auch Arbeit." Die pauschale Herabsetzung von Sozialhilfeempfängern und Arbeitslosen erhält ihre Schärfe im Ausblenden der wirtschaftlichen Realität, besonders der Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt.

Wie andere stigmatisierte Gruppen erscheinen auch sozial Schwache durch die Brille des Vorurteils als gleichförmige Masse. Individuelle Armutskarrieren verblassen. Wie einer in eine schwierige Lebenslage gerät und wie schwer dabei seine persönliche Verantwortung wiegt, erschließt sich nur dem differenzierten Blick. Den typischen Armen gibt es nicht. Wie sozialwissenschaftliche Forschungen ergaben, trifft Armut unterschiedliche Menschen unterschiedlich lange, und dabei verfolgen die Betroffenen individuelle Strategien im Umgang mit ihrer Lage.

Ebenso uneinheitlich ist die Gruppe der Wohnungslosen, deren Situation viele Ursachen haben kann. Der Verlust der Arbeitsstelle, Mietschulden, die Entlassung aus einem Heim oder aus der Haft, seelische Probleme, Sucht oder das Zerbrechen einer Beziehung können am Beginn eines Lebens auf der Straße stehen. Dabei erklärt selten persönliches Fehlverhalten allein die Wohnungslosigkeit. In der Zahl der Obdachlosen spiegelt sich auch das Fehlen von Arbeitsstellen sowie der Mangel an billigem Wohnraum wider.

Armut als soziale Wirklichkeit



Berichte aus der Praxis zeigen, wie stark Vorurteile den Blick auf die Wirklichkeit verstellen. Weder Wohlfahrtsverbände noch Verwaltungen bestätigen die Annahme, dass eine größere Zahl der Sozialhilfeempfänger das soziale Netz missbraucht. Vielmehr heben Experten hervor, dass ein beträchtlicher Teil der Berechtigten aus Scham oder Unwissenheit seine Ansprüche nicht geltend macht.

Wie einschlägige Statistiken zeigen, leben in Deutschland mehr Arme, als Sozialhilfeempfänger registriert sind. Im Jahr 2002 bezogen dem Statistischen Bundesamt zufolge 3,3 Prozent der Bevölkerung Laufende Hilfe zum Lebensunterhalt. Im selben Jahr zählte der Datenreport des Statistischen Bundesamtes 11,1 Prozent der Bevölkerung als arm. Das Einkommen dieses Teils der Bevölkerung betrug weniger als die Hälfte des jeweiligen regionalen Mittelwertes aller Einkommen.

Länger andauernde Arbeitslosigkeit ist ein Hauptgrund des Bezugs von Sozialhilfe. Der Anstieg der Empfängerzahlen in den 1980er Jahren erklärt sich vor allem aus den sich verschlechternden Bedingungen des Arbeitsmarktes. Besonders nicht oder schlecht ausgebildete Arbeitnehmer verloren aufgrund verbesserter Produktionstechniken ihre Stelle.

Armut trifft Kinder in überdurchschnittlichem Maß. 8,7 Prozent der Kinder unter sieben Jahren lebten im Jahr 2002 von Sozialhilfe. Auch die besonders von Arbeitslosigkeit betroffene Gruppe der Nichtdeutschen ist in überdurchschnittlichem Maß auf Laufende Hilfe zum Lebensunterhalt angewiesen. Ihre Quote lag im Jahr 2002 bei 8,4 Prozent, bei nichtdeutschen Kindern unter sieben Jahren sogar bei 15,9 Prozent. Zu den Risikogruppen der Armut gehören außerdem allein erziehende Mütter und kinderreiche Familien.

Befunde der dynamischen Armutsforschung widerlegen die Behauptung, die Sozialhilfe sei die Hängematte der Faulen. Eine Untersuchung zum Sozialhilfebezug in Bremen zeigte, dass die meisten Empfänger nur kurze Zeit Sozialhilfe erhielten. Der Anteil der Kurzzeitbezieher ist dabei in den 1990er Jahren im Vergleich zu den 1980er Jahren gestiegen. Nur ein knappes Zehntel der Empfänger erhielt ununterbrochen fünf Jahre oder länger Sozialhilfe. Bei einem großen Teil der Langzeitbezieher handelte es sich um Alleinerziehende, allein stehende Frauen und Ältere. Die meisten Antragsteller brauchten die Sozialhilfe nach kurzer Zeit nicht mehr. Den Bremer Zahlen zufolge nutzten die meisten Empfänger die Hilfe so, wie der Gesetzgeber sie gedacht hatte: Als Hilfe, um wieder in den Stand zu kommen, für sich selbst aufzukommen.

Sensationsberichte und öffentliche Debatten erwecken mitunter den Eindruck, man müsse seine Bedürftigkeit nur behaupten, um Sozialhilfe zu erhalten. In Wirklichkeit sind die bürokratischen Hürden hoch. Der Antragsteller muss Lebens- und Einkommenssituation offen legen, lückenlose Kontoauszüge der vergangenen Jahre und persönliche Dokumente vorlegen und sich detaillierten Fragen aussetzen. Auto, Schmuck und Bausparverträge muss er zu Geld machen und nachweisen, dass Angehörige nicht für ihn aufkommen können. Viele Berechtigte verzichten auf den Antrag, um Angehörigen nicht zur Last zu fallen.

Mit dem "Vierten Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" (Hartz IV) vereinigte die Bundesregierung im Januar 2005 die Sozialhilfe für Erwerbsfähige und die Arbeitslosenhilfe zum "Arbeitslosengeld II". Sozialhilfe oder Sozialgeld erhält seither nur noch, wer nicht erwerbsfähig ist. Ob und wie sich der Umbau auf die Stigmatisierung von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern auswirkt, werden die kommenden Jahre zeigen.

Quellentext

Kinderarmut mit Hartz IV auf Rekordniveau

Die Kinderarmut hat in der Bundesrepublik eine historisch neue Dimension erreicht. Nach einer Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DPWV) hat die Einführung von Hartz IV zum Jahresbeginn die Zahl der von Armut betroffenen Kinder auf eine Rekordsumme von 1,7 Millionen steigen lassen.
"Hartz IV heißt zu wenig für zu viele", so das Fazit von Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des DPWV, am Donnerstag in Berlin bei der Präsentation der Studie.
Nach Berechnungen des Verbandes leben über 1,5 Millionen Kinder auf Sozialhilfeniveau. Auf weitere 200.000 schätzt der DPWV die Dunkelziffer der Kinder, die zwar ein Anrecht auf eine Sozialleistung hätten, diese jedoch nicht in Anspruch nehmen. Insgesamt leben 14,2 Prozent der Kinder in Armut - also jedes 7. Kind in Deutschland. Dabei unterscheiden sich die Zahlen stark zwischen Ost- und Westdeutschland. In Westdeutschland beträgt die Kinderarmutsquote 12,4 Prozent, in Ostdeutschland 23,7 Prozent.
In etlichen Städten wird sogar die 30-Prozent-Marke deutlich überschritten. Auch in Westdeutschland sind für einige Städte erschreckende Zahlen zu registrieren. Eklatante Beispiele aus Ost und West sind: Berlin (29,9 Prozent), Schwerin (34,3), Görlitz (35), Halle (34,6), Offenbach am Main (28,7), im bayerischen Hof (20 Prozent), Pirmasens (25,3), Bremerhaven (38,4), Kiel (29,6), Hamburg (20,4). [...]
Der DPWV fordert: Beim Bezug von Arbeitslosengeld II und Sozialgeld muss künftig wieder die Möglichkeit eingeräumt werden, einmalige Leistungen für Ausgaben wie beispielsweise die Einschulung zu gewähren. "Schulranzen, Schultüte, Turnbeutel, Turnkleidung, Federmappe und Schreibhefte addieren sich schnell zu 180 Euro. Wie soll dies bei einem Kinder-Regelsatz von 207 Euro im Monat bestritten werden?" fragte Schneider.
Sozialhilfe, Arbeitslosengeld II und Sozialgeld müssten zudem um mindestens 19 Prozent erhöht werden, damit wenigstens annähernd von Bedarfsdeckung gesprochen werden könne. Deutschland brauche darüber hinaus ein Bildungs- und Erziehungssystem, das es schaffe, auch für Kinder aus bildungsfernen Familien Chancengerechtigkeit herzustellen.

Presseerklärung des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes vom 25. August 2005.


Armut und Ausgrenzung



Armut gilt als Makel. Aus Scham ziehen sich die Betroffenen zurück. Sie beteiligen sich kaum an der öffentlichen Debatte und solidarisieren sich selten. Die Auseinandersetzung über Armut bestimmen Menschen ohne eigene Armutserfahrung. Deshalb bleiben Vorurteile gegen sozial Schwache oft unwidersprochen.

Ein Teufelskreis kommt in Gang, wenn Vorurteile die Betroffenen hindern, ihre Lage zu verbessern. Das gilt etwa für die Bewohner der "sozialen Brennpunkte", stigmatisierter Stadtviertel also, von denen die Stadtbevölkerung sich distanziert. Manche der Viertel sind das noch heute sichtbare Ergebnis einer bis in die 1970er Jahre hinein verfolgten Strategie der Stadtverwaltungen. Die kommunalen Behörden wiesen vermeintlich oder tatsächlich sozial abweichende Menschen in bestimmte Siedlungen ein, etwa Mietschuldner, Alkoholkranke oder so genannte Landfahrer, um sie aus anderen Wohngebieten fernzuhalten. Die Wohnungen in solchen Siedlungen verfügten oft weder über ein Bad noch über ausreichende Heizung und Isolation. Die Verwaltungen schufen damit Zonen der Deklassierten, aus denen herauszukommen besonders die Nachwachsenden geringe Chancen hatten.

Die Siedlungen fußten auf der Logik von Schuld und Bewährung. Die Bewohner sollten sich in den primitiven Unterkünften erst einer besseren Bleibe als würdig erweisen und damit das Recht auf eine Sozialwohnung in anderen Stadtvierteln erwerben.

Inzwischen haben Kommunalverwaltungen ihren Kurs geändert. Sozialpädagogische Konzepte führten dazu, dass städtische Ämter und Wohlfahrtsverbände gezielter auf individuelle Notlagen eingehen. Trotzdem blieben viele Quartiere soziale Brennpunkte. Steigende Arbeitslosigkeit besonders unter Jugendlichen sowie die Wohnungsnot in vielen Städten beschränken die Chancen der Bewohner, ihre Lebenslage zu verbessern.

Wer es sich leisten kann, verlässt ärmere Stadtviertel, zurück bleiben diejenigen, die keine andere Wahl haben. So konzentrieren sich die Notlagen in manchen Bezirken: Arbeitslosigkeit, Bildungsferne, Armut, Demoralisierung, Drogensucht und ein schlechter Ruf. Die Wohnbedingungen provozieren einen Zirkelschluss: Der Beobachter schließt aus der verwahrlosten Optik der Viertel, deren Bewohner wollten sich nicht integrieren. Gleichzeitig verringert eben dieses Vorurteil die Chance Betroffener, ihre Situation zu verbessern.

Aufklärung



Vorurteilen gegen sozial Schwache kann eine Öffentlichkeitsarbeit entgegentreten, die über die Ursachen von Armut und sozialer Benachteiligung informiert: Im Jahr 2005 legte die Bundesregierung den "Zweiten Armuts- und Reichtumsbericht" vor; das Deutsche Kinderhilfswerk analysierte Armut und Ausgrenzung von Kindern 2004 in einem "Kinderreport". Auch auf lokaler Ebene versuchen Verbände wie etwa die Caritas, im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit Informationen über sozial benachteiligte Gruppen zu verbreiten.

Die Betroffenen selbst tragen ebenfalls zur Öffentlichkeitsarbeit bei, etwa mit Straßenzeitungsprojekten. Rund dreißig Straßenzeitungen erscheinen regelmäßig in Deutschland, zum Beispiel "die Stütze" in Berlin, "Hinz&Kunzt" in Hamburg oder "Trottwar" in Stuttgart. Im Juni 2005 schätzte der "Bundesverband der sozialen Straßenzeitungen" die Auflage der Blätter in Deutschland auf rund eine Viertelmillion. Die Projekte sollen Wohnungslosen als Verkäufern Arbeit und Einkommen verschaffen und die Bürgerinnen und Bürger auf die Notlage ausgegrenzter Menschen aufmerksam machen.