Vorurteile
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Stereotype des Ost-West-Gegensatzes


13.1.2006
In den Jahrzehnten der Teilung lebten sich Ost- und Westdeutsche auseinander. Seit sie wiedervereinigt den schwierigen Alltag gemeinsam bestehen müssen, haben stereotype Erklärungsmuster Konjunktur.

Berliner Bürger feiern singend und tanzend die Öffnung der Ost-West-Grenze zwischen beiden deutschen Staaten auf der Berliner Mauer. Tausende ostdeutsche Bürger gingen nach Öffnung der Grenze durch die DDR-Behörden in den Westteil der Stadt.Vor über 20 Jahren feierten die Berliner die Öffnung der Ost-West-Grenze. Bis heute hegen Ost- und Westdeutsche Vorurteile gegeneinander. (© AP)

Einleitung



"Typisch Ossi, typisch Wessi" - unter diesem Titel erschien im Februar 2005 ein Buch, in dem ein Westjournalist und eine Ostjournalistin zu einer "längst fälligen Abrechnung unter Brüdern und Schwestern" antraten. Das Buch stand wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste, die Autoren tourten durch mehrere Fernsehshows. Das öffentliche Interesse zeigt, dass auch 15 Jahre nach der deutschen Einheit Vorurteile zwischen Ost und West eine Rolle in der deutschen Gesellschaft spielen. Nach wie vor kommt es auch in der Politik in regelmäßigen Abständen zu Irritationen zwischen Ost und West, etwa im Wahlkampf 2005, als westdeutsche Politiker Ostdeutsche als "Frustrierte" bezeichneten bzw. Prägungen durch das SED-System für aktuelle Gewalttaten verantwortlich machten.

Karikatur: Ost- und WestdeutscheKarikatur: Ost- und Westdeutsche
Im Westen ist die Vorstellung verbreitet und deshalb leicht instrumentalisierbar, die Bevölkerung der ehemaligen DDR kranke an selbst verschuldeter Leistungsschwäche und mangelndem Leistungswillen, fehlender Initiative, Untertanenmentalität und Undankbarkeit gegenüber westlicher Aufbauhilfe. Im Osten sind viele überzeugt, dass die Bewohner des Westens materiellen Wohlstand höher zu schätzen wüssten als menschliche Wärme, dass Ellbogenkraft wichtiger genommen werde als Solidarität, dass der Vereinigung ein "Okkupationsregime" gefolgt sei, bei dem arrogante Westler den Osten ausgeplündert und regiert hätten.

Im Zuge der Umbrüche nach der Vereinigung verloren viele Bürgerinnen und Bürger der neuen Bundesländer ihre Arbeitsplätze und die gewohnte soziale Sicherheit. Ferner mussten sie ein niedrigeres Lohnniveau als im Westen hinnehmen. Manche sahen dies als Teil einer Strategie, die darauf abziele, den Osten niederzuhalten und seine Bewohner zu Bürgern zweiter Klasse zu machen. Zu hohe Erwartungen an die Leistungsfähigkeit der Marktwirtschaft, Enttäuschung darüber, dass der Rechtsstaat nicht Gerechtigkeit garantieren kann, trieb manche zur nostalgischen Verklärung der sozialen Verhältnisse in der DDR (was von Westdeutschen wiederum als Ausdruck von Rückständigkeit und Inflexibilität gewertet wurde). Die Stimmung, Opfer einer verhängnisvollen Entwicklung westlichen Ursprungs zu sein, erreichte 2004 einen Höhepunkt, als die "Hartz IV"-Reformen des Sozialsystems beschlossen wurden.

Der organisierte Rechtsextremismus nutzte die Stimmung im Osten, baute Bastionen in Sachsen und Brandenburg aus und errang bei Landtagswahlen Mandate. Ökonomische Krise und soziale Verunsicherung trieben der NPD in Sachsen und der DVU in Brandenburg Wähler in die Arme. Ursache dafür waren nicht Mentalität oder Veranlagung der Menschen oder grundsätzliche Unfähigkeit oder Abneigung gegenüber der parlamentarischen Demokratie in den neuen Bundesländern; alle, die mit solchen Erklärungsmustern argumentieren, nutzen statt rationaler Argumente die bequemeren Stereotype.

Die Euphorie der Wende, zusammengefasst in den Parolen "Wir sind ein Volk" und nun müsse "zusammenwachsen, was zusammengehört", wich nach einiger Zeit gegenseitiger Skepsis bis hin zum neuen Schlagwort vom "Supergau Deutsche Einheit". Beobachtungen, Missverständnisse sowie Erfahrungen begründeten Vorurteile und Stereotype. Sie seien "arrogant wie Besatzer", sie fühlten sich "als Sieger", seien "überheblich, gönnerhaft", sie "können sich nicht in unsere Lage versetzen, sondern reden überheblich über unsere Köpfe weg", klagten Ostdeutsche über Westdeutsche. Sie seien "oft überheblich und wollen uns für dumm verkaufen", listete das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" die am häufigsten genannten negativen Eindrücke auf, die eine Umfrage 1991 ergeben hatte. Die Westdeutschen "sehen in uns ehemaligen DDR-Bürgern die Deppen der Nation", und sie "denken, sie sind die Größten, lassen keine andere Meinung gelten", mit diesen Worten wurden Kränkungen zu Protokollgegeben, die im Vorwurf gipfelten: Sie "behandeln uns Ossis geringschätzig". Diese Vorurteile festigten sich in eineinhalb Jahrzehnten.

Das Bild der Westdeutschen über die andere Seite war mindestens so unfreundlich und kam in stereotypen Wendungen zum Ausdruck wie "Es ist ein faules Volk", die Ostdeutschen wollten "nur bedient werden", sie hätten nicht arbeiten gelernt, seien charakterisiert durch "übergroße Faulheit und Aggressivität" und, das war die deutlichste Ausgrenzung der Ostdeutschen, "sie sind nicht so fleißig wie wir Deutschen". Später kam der Vorwurf der Undankbarkeit hinzu, mit dem die westdeutsche Seite dem Osten die finanziellen Leistungen der Aufbauhilfe vorrechnete.