Vorurteile

13.1.2006 | Von:

Stereotype des Ost-West-Gegensatzes

Gegenseitige Wahrnehmung vor 1989

Die (alte) Bundesrepublik ist in dieser Perspektive nur Fortdauer oder Wiedergeburt des "monopolkapitalistischen", "imperialistischen", "ausbeuterischen" Systems davor. Solche pauschale Abwertung des Weststaats als Fortsetzung des Hitlerregimes stärkt das Selbstbewusstsein, als DDR-Bürger im einzig antifaschistischen und deshalb historisch und ethisch besser legitimierten Teil Deutschlands gelebt zu haben. Sie ersetzt aber die Wahrnehmung der Realität der pluralistischen demokratischen Gesellschaft im Westen durch ein Zerrbild, das auf Stereotypen beruht. Die Realität der Wendezeit und die spätere Vereinigungskrise werden deshalb als Leben wie unter einem einer "Besatzung" ähnlichen Regime verstanden, als Verlust gewohnter Strukturen, Wertorientierungen und gesicherter Verhältnisse.

Die im Kalten Krieg verinnerlichten Schuldzuweisungen an die Bundesrepublik dienen zur Aufrechterhaltung von Selbstwertgefühlen: Man habe im moralisch und politisch besseren Staat gelebt, der sich nur aus ökonomischen Gründen nicht behaupten konnte. Als Beweis gilt Staatssekretär Hans Globke, der als enger Mitarbeiter des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer in Bonn von 1953 bis 1963 das Kanzleramt leitete. Globke war ein angepasster Beamter im NS-Staat gewesen und hatte am Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen gegen die Juden mitgewirkt, allerdings hatte er auch zur katholischen Opposition Verbindung gehalten. Globke wurde in der DDR zum Feindbild, zur Inkarnation der bürgerlichen Gegenwelt im Westen stilisiert. Gegen ihn wurde ein Prozess vor dem Obersten Gericht der DDR veranstaltet, in dem er im Juli 1963 wegen "Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit" verurteilt wurde. Solche Propagandaaktionen der DDR gegen Politiker und Spitzenbeamte der Bundesrepublik wirkten indoppelter Hinsicht. Im Westen verlor die DDR an Glaubwürdigkeit, weil sie Material über belastete NS-Täter nur gezielt zur Propaganda gegen bestimmte Personen herausgab, der westdeutschen Justiz aber generell Akteneinsicht verweigerte. Das diskreditierte den Oststaat dauerhaft. Bei den Bürgerinnen und Bürgern der DDR hingegen verfestigte sich die Überzeugung, dass die Bundesrepublik ein "Hort des Faschismus" sei. Dass die DDR wie die Bundesrepublik aus dem NS-Staat hervorgegangen war und es auch dort personelle Kontinuitäten gab, blieb unbeachtet.

Die Wahrnehmung der jeweils anderen Seite ist durch stereotype Behauptungen gekennzeichnet, die nur zum Teil auf Enttäuschungen und Wahrnehmungen nach der "Wende", wesentlich aber auf älteren Überzeugungen beruhen. Diese wiederum sind Früchte der Propaganda, die zur Festigung des eigenen Standpunkts im Kalten Krieg mit großem Aufwand betrieben wurde, insbesondere in den Gründerjahren der beiden deutschen Staaten nach 1945. Die Abwehr der "kommunistischen Gefahr" durch Broschüren, Seminare, Kundgebungen, durch Politikerreden und Zeitungsartikel war den Verantwortlichen in der Bundesrepublik bis Ende der sechziger Jahre ein wichtiges Anliegen, für das Mühen und Kosten nicht gescheut wurden. Umgekehrt diente Politikern und Medien der DDR der Weststaat als Verkörperung aller Übel wie Militarismus, Faschismus und Imperialismus; die Menschen in der Bundesrepublik wurden als Objekte unsozialer Ausbeutung dargestellt, und Bonn galt als reaktionär, aggressiv und militant im Gegensatz zur eigenen Friedensliebe und Fortschrittlichkeit.

Die jahrzehntelangen Fehlinformationen hatten Langzeitwirkung, sie verankerten stereotype und wirklichkeitsfremde Vorstellungen der anderen Seite, die bei Bedarf zur Erklärung der Situation, als Trost und als Stärkung des eigenen Bildes nutzbar gemacht wurden. Auf der westlichen Seite wurde vor allem der Antikommunismus als Grundhaltung gestärkt und instrumentalisiert, in der Gleichsetzung von Kommunismus und Nationalsozialismus war der DDR ebenso die demokratische Legitimation abgesprochen wie mit dem Faschismusvorwurf die Bundesrepublik in der DDR-Perspektive in die Nähe der Hitlerherrschaft gerückt wurde.

Prägende Erfahrungen

Die Erfahrungen, die die Bürgerinnen und Bürger der beiden deutschen Staaten in der Zeit des Kalten Krieges gemacht hatten, die Einflüsse, denen sie ausgesetzt gewesen waren, die Zeitungsnachrichten, Fernsehbilder und Radiokommentare, die sie gelesen, gesehen und gehört hatten, prägten das Bild vom Anderen nachhaltig. In der Bundesrepublik galten andere Wertvorstellungen als in der DDR, dort hatten die Menschen andere gesellschaftliche Orientierungspunkte, Lebensentwürfe und Zukunftserwartungen. Im Osten war man größere Nähe und familiärere Verhältnisse gewohnt, im menschlich kühleren Westen schien man weltoffener, war jedenfalls weiter gereist und hatte mehr Kontakte zu Ausländern.

Zwei sehr verschiedene Welten trafen, ohne jede Vorbereitung, im Herbst 1989 aufeinander. Die Menschen in Ost und West mussten sich aneinander gewöhnen, hatten dazu wenig Zeit, und bald sah es so aus, als gebe es eine neue Einteilung in Verlierer und Gewinner, in Sieger und Unterlegene. Es war ganz natürlich, dass Missverständnisse auftraten. Aktionen erzeugten Reaktionen, und als der Jubel des Neubeginns und der Vereinigung verflogen war, entdeckten die Menschen das Fremde im Anderen. Sie erinnerten sich in der Enttäuschung über das schwierige Verstehen der Gegenseite mit Schärfe daran, was sie jahrzehntelang über die Menschen und deren Lebensumstände im jeweils anderen deutschen Staat gehört hatten. Sie belebten manches Vorurteil wieder, erweckten Feindbilder aus der Zeit der Konfrontation zu neuem Leben. In abgrenzenden Sprüchen wie denen von den "Besserwessis" und "Jammerossis" finden die Vorbehalte des schwierigen Zueinanderfindens Ausdruck.