Didaktische Anmerkungen
Hans-Joachim Kraschewski
5.4.2002
Gymnasialunterricht in Ravenburg: Schulen sind wichtige Institutionen in Kommunen und Städten. (© ddp/AP)Mit zunehmender historischer Distanz zum Thema "Führerstaat – Vernichtungskrieg" müssen Lehrerinnen und Lehrer erkennen, daß für ihre Schülerinnen und Schüler (und für die junge Generation insgesamt) der Nationalsozialismus kein zeitgeschichtlicher Gegenstand mehr ist, kein Thema, das ihnen näher läge als die Ereignisse des Ersten Weltkriegs, der Weimarer Republik oder des demokratischen Neubeginns der Bundesrepublik Deutschland nach 1949. Wenn es keinen persönlichen Bezug mehr zu diesen Vorgängen gibt, ist als Erkenntnisinteresse im günstigsten Fall lediglich ein objektives Interesse an der NS-Geschichte zu erwarten. Aus dieser Einsicht heraus sind in den letzten Jahren Anstrengungen unternommen worden, den Geschichtsunterricht so zu verändern und zu gestalten, daß dieser historische Bezug zumindest kognitiv differenziert aufgenommen werden kann.
Konsequenz dieser Überlegungen ist, daß bestimmte Forderungen an den Geschichtsunterricht gestellt werden:
- Beim Thema Führerstaat – Vernichtungskrieg sind in den Unterricht neben personalistisch-hitlerzentrierten oder totalitär-ideologischen Betrachtungsweisen vor allem auch Bereiche des täglichen Lebens der Menschen dieser Zeit in eine kritische Auseinandersetzung einzubeziehen;
- in seiner Anlage sollte das Thema auch die Geschichte eines bestimmten, regional identifizierbaren Lebensraumes betreffen, eines Ortes oder eines Landesteils in Form einer Regional- oder Fallstudie, wenn es um Anpassung und Opposition oder Verfolgung und Widerstand geht;
- die Erarbeitung des Themas sollte, wenn möglich, von konkreten Schicksalen ausgehen;
- der Geschichtsunterricht sollten den Schülerinnen und Schülern die Chance einräumen, sich der NS-Geschichte selbst zu nähern: die Methode des Projektverfahrens in Kombination mit dem Prinzip des entdeckenden oder forschenden Lernens hat sich hierbei – vor allem in der Sekundarstufe II – hinreichend bewährt.
Alltagsgeschichte des NS
Alltagsgeschichte hat in Deutschland, im Unterschied zu den angelsächsischen Ländern, keine Tradition. Erst die Erkenntnis, daß die großen systematischen Entwürfe nur begrenzt zur Erfassung historischer Wirklichkeit durch Schülerinnen und Schüler beitrugen, hat zu empirischen Untersuchungen überschaubarer sozialer und regionaler Einheiten (Fallbeispiele) geführt und fruchtbare Ergebnisse gezeigt. Am Beispiel solcher Fälle kann eine Fixierung auf überragende Personen oder mächtige Organisationen leichter überwunden werden. Der Zugang zur NS-Geschichte könnte eher vollzogen werden, wenn zuvor eigene Erfahrungen des Alltags genügend reflektiert sind und individueller Alltag nicht vordergründig mit der allgemeinen sozialen Wirklichkeit gleichgesetzt wird.
Das Problem ist die Auswahl solcher Fälle für den Projektunterricht bzw. das forschende Lernen, da die Forderung bleibt, Detailbehandlung und Sicht der Funktionsweise des Regimes miteinander zu verknüpfen, um durch Perspektivenwechsel von unten nach oben grundlegende Erkenntnisse zu gewinnen. Projektarbeit dient zugleich als praxisrelevante Sozialform einer kommunikativen Betrachtungsweise von Geschichte, indem die forschenden Subjekte gemeinsam in unmittelbare Auseinandersetzung mit den Objekten der Geschichte treten können.
Beispielhaft soll das Gesagte am Thema NS-Wirtschaft und Rüstung skizziert werden. Dieser Ausschnitt scheint als Fall frei von Konflikten von oben und widerstreitenden Lebensinteressen von unten zu sein. Ein Spannungsverhältnis zwischen partieller Anpassung an das Regime (zum Beispiel von Industriellen) einerseits und gelegentlicher Opposition gegen das Regime (durch Betriebsgruppen oder Einzelpersönlichkeiten) andererseits ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Das Maß an relativer Übereinstimmung mit dem herrschenden System war in diesem Fall aufgrund von materiellen, vorgeformten Lebensbedingungen offensichtlich gegeben. Individuelle Entscheidungen unter diesen Bedingungen als persönliche Lebensweisen spielten dabei scheinbar kaum noch eine Rolle (solch eine Aussage könnte als Hypothese im Verlauf der Bearbeitung falsifiziert bzw. verifiziert werden).
Einige Schritte dieses Weges lassen sich markieren:
- Ein geeigneter Einstieg sollte den Schülerinnen und Schülern Gelegenheit geben, ihr nationalsozialistisches Interesse am Thema zu formulieren: Überschauen sie zum Beispiel nur einen Teil der vielfälti-gen Maßnahmen Hitlers zur Beschäftigungspolitik, die zu einem zügigen Rückgang der Arbeitslosigkeit und zu einer raschen Ankurbelung der Produktion führten, so gewinnen sie leicht den Eindruck, dem Diktator sei es zu Beginn seiner Herrschaft um Arbeitsbeschaffung, nicht aber um Kriegsvorbereitungen gegangen.
- Damit stellt sich die weiterführende Nachfrage: Wie sah es im NS-Staat anfangs mit einer rüstungsfreien Beschäftigungspolitik aus, die aufgrund ihrer Wirksamkeit als Vorbild für den Abbau nationaler Massenarbeitslosigkeit gelten könnte?
- Diese Untersuchung führt zu einem qualitativ neuen Schritt in der Analyse des Systems: Wann und mit welchen Mitteln ließ Hitler sein eigentliches Ziel, die Entfesselung eines Krieges zur Eroberung von "Lebensraum für das deutsche Volk im Osten" hinter der Aufgabe der Arbeitsbeschaffung erkennen und begann es zu verwirklichen?
- Die konkrete Beschäftigung mit dem Thema könnte nun nach diesen Vorüberlegungen regional beginnen: Welche Rol-le spielte die fortschreitende Motorisierung durch die nachhaltige Erhöhung des Absatzes und der Leistungsfähigkeit von Automobilfabriken (Auto-Union, BMW, Daimler-Benz, Opel, Stoewer und – als Sonderfall – VW) oder der Motorradindustrie in Zusammenhang mit dem Nationalsozialistischen Kraftfahr-Korps (NSKK)?
- Spurensuche verweist auf die Frage, auf welchen Gebieten eine Geschichte des Alltags am ehesten neue Entwicklungen und Fragestellungen einleiten könnte: Welchen Modernisierungs-Effekt versprach ein leistungsfähiges Straßennetz (mit dem Unternehmen "Reichsautobahnen": "Motor-Männer auf Motor-Bahnen") als Voraussetzung für eine rüstungswichtige Kraftfahrzeugindustrie?
- Und schließlich ginge es um konkrete Einzelheiten: Mit welchen Mitteln wurden Arbeitskräfte für Rüstungsbetriebe angeworben, welche Bedeutung hatten die Gewerkschaften und die Deutsche Arbeitsfront (DAF), die Landwirtschaft und die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht?
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Wie gestaltete sich das Leben
- eines Maschinen-Ingenieurs, der sich auf die NS-Inszenierungen gar nicht einließ und auch nichts davon mitbekam,
- einer Arbeiterin in einer Munitionsfabrik zwischen beruflichen Pflichten, familiären Erfordernissen in einer männerorientierten Gesellschaft und dem erwarteten politischen Engagement,
- das eines DAF-Obmanns, der sich für seinen Betrieb und die Interessen der Arbeiter einsetzte und damit zugleich Hitlers Interessen diente?
Überwindung der historischen Distanz
Veränderte Rezeptionsmuster und Wahrnehmungsformen dieser Vorgänge gehören in die Welt der heutigen jungen Menschen. Die Distanz zum historischen Geschehen verstellt den unmittelbaren Zugang. Stellt man dem nun gegenüber, wie die Menschen sich in den formierten NS-Verhältnissen einrichteten, wie sie diese zu verändern suchten, welche Erfahrungen sie dabei machten und welche Einstellungen zum System sich dabei herausbildeten, so wird deutlich, wie Alltag im NS-System gewesen ist und ob man in einer Gesellschaft, die in permanentem Ausnahmezustand lebte, überhaupt von Alltag im pragmatischen Sinne sprechen kann.
Die Lektüre (in Auszügen) von Victor Klemperers Tagebüchern und die darin geschilderten eher ärgerlichen als schönen Erfahrungen mit seinem Opel ab März 1936, führt zu keiner Verharmlosung des Alltäglichen, da hier keine Trennung zwischen offiziellem und alltäglichen Nationalsozialismus vorliegt. Im Gegenteil: Angesichts der Versuche des jüdischen Autors, "normal" zu leben wie jede andere deutsche Familie auch, wird der alltägliche Terror des Systems mit seiner Schreckensherrschaft erkennbar.
In dem Maße, in dem sich Jugendliche auf die Geschichte des Alltags einlassen, werden sie auf schillernde, widersprüchliche und ganz und gar nicht eindeutige Verhältnisse stoßen und es mit lebendigen Menschen zu tun haben, die ihr Leben genossen, sich liebten und Angst oder Streit und finanzielle Sorgen hatten. In dem Maße, in dem aus gesichtslosen Tätern oder Opfern Menschen werden, die sich im Alltag nicht anders zu verhalten suchten als heute auch, bekommt die Auseinandersetzung mit der Geschichte des NS-Systems, dessen Wirtschaft und Rüstung eine beklemmende und verstehende Resonanz.
Andererseits wäre es ein Irrtum zu glauben, mit dem Alltagsansatz sei der optimale Weg zeitgeschichtlicher Didaktik beschritten. Zu groß sind die Probleme, im Zusammentragen von Details und einzelnen Fakten steckenzubleiben oder bei der intensiven Beschäftigung mit dem Verhalten einzelner bei ihrer Arbeit im Betrieb oder in der Parteiorganisation durch Analyse der Motive zu einem entschuldigenden Verhältnis zu kommen. Auch Alltagsgeschichte ist nur dann erfolgreich, wenn erklärt, bewiesen und widerlegt werden kann, was da gesammelt wurde. Alltagsgeschichte ist ein Wechsel der Perspektive in der Betrachtung eines Systems, keine Absage an theorie- oder interessegeleitetes wissenschaftliches Arbeiten.
Eine Auseinandersetzung mit "Führerstaat" und "Vernichtungskrieg" macht deutlich, wie eine historische Gesellschaft und ihre Wirtschaft, die den heutigen Betrachtern so vertraut erscheinen in ihren Umgangsformen und Lebensweisen, sich zu einer Gesellschaft ohne persönliche Verantwortung entwickelte, in der während des Krieges Massenmord zur täglichen Routine wurde, obwohl diese Menschen sich in ihrem Alltag wie "ganz normale Männer" (so der Titel der Untersuchung von Christopher Browning) verhielten. Vom Verhaltensspektrum solcher in ihrem Alltag von christlich-moralischen Wertmaßstäben geprägten ganz normalen Menschen, die unter den Umständen des Krieges zu Mördern werden konnten (zum Beispiel im Warschauer Ghetto), erzählt außerordentlich konkret und nüchtern Marcel Reich-Ranicki in seiner Autobiographie – auch das ist eine Geschichte des Alltags.
weitere Inhalte:
- "Braun" und "Rot" – Akteur in zwei deutschen Welten
- Das Dritte Reich im Zweiten Weltkrieg
- Der Timer 2012/2013 kommt!
- Europa - Das Lehrerheft zum Jugendmagazin
- Europa - Das Wissensmagazin für Jugendliche - Schülerheft
- Europäische Union
- Nachkrieg
- Nationalsozialistische Außenpolitik: der Weg in den Krieg
- Welche EU wollen wir?

