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"Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich! Die wahre Macht der Datensammler"


23.2.2016
Markus Morgenroth ist Informatiker, Berater zu Datenschutzfragen - und Autor des Bestesellers „Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich! Die wahre Macht der Datensammler“. Zu seinem gleichnamigen Workshop bei den Bonner Gesprächen hat er vorab einige Fragen zu den Gefahren unbegrenzeter Datensammlung im Netz beantwortet.

Netzwerkkabel in einer Einheit des Supercomputers "Blizzard"Netzwerkkabel in einer Einheit des Supercomputers "Blizzard" im Deutschen Klimarechenzentrum in Hamburg (© picture-alliance/dpa)

Markus Morgenroth, Autor und Experte bei den Bonner Gesprächen am 8.3.2016 im Gespräch mit Walter Staufer von der bpb

Staufer: „Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich! Die wahre Macht der Datensammler“ – Was war für Sie der Auslöser für dieses ungewöhnliche Thema?

Morgenroth: Ich habe jahrelang für ein Unternehmen gearbeitet, was im Auftrag von anderen Unternehmen Daten von Mitarbeitern im Rahmen von Gerichtsprozessen und internen Untersuchungen ausgewertet hat. Dabei habe ich gesehen, was alles möglich ist, was sich alles aus den Daten an Informationen herauslesen lässt und welche Fehler dabei passieren. Im Laufe der Zeit habe ich die Branche der Datensammler und Datenanalysten ganz gut kennengelernt und ich begann die Notwendigkeit zu sehen, Menschen über das aufzuklären, was da eine Vielzahl von Unternehmen im Verborgenen mit ihren Daten anstellen. Die vorherrschende Meinung, dass sich niemand für die oberflächlich betrachtet, unwichtigen Daten interessiert und man ja nichts zu verbergen hätte, hat mich dazu bewogen, ein Buch über dieses wirklich sehr spannende Thema zu schreiben.


Wo und wie werden unsere Daten gesammelt?

Natürlich bei jedem Klick im Internet, allerdings hinterlassen wir auch außerhalb des Internets ständig Daten – beim Arzt, der Krankenkasse, der Apotheke, beim Finanzamt, beim Arbeitgeber, bei Banken und beim Einkaufen, um nur einige Beispiele zu nennen. Was man oft nicht bedenkt oder schlicht nicht weiß, ist, dass auch an anderen Stellen Daten von uns gesammelt werden. Es gibt Schaufensterpuppen mit eingebauten Kameras, die die Kunden analysieren, Hightech-Mülleimer und Straßenlaternen die vorbeigehende Passanten anhand der von Handys ausgesendeten Funkwellen verfolgen, smarte Zahnbürsten, die das Zahnputzverhalten aufzeichnen, Autos, die das Fahrverhalten und das Stress- und Müdigkeitslevel auf das genaueste messen oder Fitnessarmbänder, smarte Uhren und jede Menge anderer Geräte, die permanent eine Vielzahl von Vitalwerten messen und damit oft mehr über den Gesundheitszustand Bescheid wissen als der Hausarzt. Manches davon mag nach Science-Fiction klingen, ist aber heute schon Realität. Und die Entwicklung in diesem Bereich schreitet rasant voran.


Was lässt sich alles aus diesen gesammelten Daten herauslesen?

Es gibt unzählige Beispiele, wie teils harmlos und unwichtig erscheinende Daten dazu genutzt werden können, Menschen mehr oder weniger komplett zu durchleuchten, zu analysieren, zu klassifizieren und in Schubladen zu stecken. So lassen sich beispielweise aus den Daten Informationen über Charaktereigenschaften, religiöse und politische Einstellung, sexuelle Orientierung, Intelligenz, Gemütsverfassung, Bildungsniveau, psychopathische Veranlagung oder die Kreditwürdigkeit gewinnen.


Warum ist das so problematisch?

Problematisch ist es deswegen, weil die Analysen nie auch nur annähernd zu 100% korrekt sind. Wenn es bei Big-Data-Analysen um beispielsweise Warenströme oder Klimamodelle geht, dann ist das nicht wirklich schlimm. Aber immer dann, wenn es bei den Analysen um Menschen und damit auch oft um Schicksale geht, dann können diese Ungenauigkeiten sehr schnell zu einem wirklichen Problem werden. Zum Beispiel dann wenn man aufgrund falscher Analysen einen Job oder eine Wohnung nicht bekommt oder höhere Versicherungsbeiträge zahlen muss. Zudem ist leider oft zu beobachten, dass den Zahlen mehr Vertrauen geschenkt wird, als dem eigenen gesunden Menschenverstand.


Welche Datenanalysen von Mitarbeiterdaten sind möglich?

Firmen wollten früher nur wissen, ob jemand eine kriminelle Vergangenheit hat oder nicht. Heutzutage gehen Background-Checks wesentlich weiter. Man zapft verschiedenste Datenquellen, unter anderem auch soziale Netzwerke, an und versucht anhand der Daten auf den Charakter einer Person zu schließen. Wie gut oder schlecht arbeitet die Person unter Stress, wie belastbar ist sie, wie loyal und vertrauenswürdig. Aber es werden beispielsweise auch Krankheits- und Kündigungswahrscheinlichkeiten berechnet.


Sind Daten wirklich das neue Gold?

Wenn man die Entwicklung der Big-Data-Industrie betrachtet, sind Daten tatsächlich das neue Gold. Seit Jahren herrscht eine Goldgräberstimmung. Zurecht, denn alles in allem ist die Entwicklung positiv zu bewerten. Mit Big Data lässt sich vieles Optimieren, enorm Geld einsparen und im Forschungsbereich eröffnet Big Data unzählige neue Möglichkeiten – die erzielten Erfolge sind beachtlich. Allerdings steigen auch die Gefahren und mehren sich die Probleme wenn es um das Aus- und Bewerten von persönlichen Daten geht. Diese werden in Zukunft noch zunehmen, deshalb benötigen wir dringend eine breite öffentliche Diskussion über dieses Thema – und dazu eine aufgeklärte Bevölkerung.


Welche Lösungen gibt es?

Ich denke, dass es ein sehr langwieriger Prozess ist, der nur über Aufklärung funktioniert. Erst wenn jeder versteht, was mit seinen Daten geschieht, welche Schlüsse aus ihnen gezogen werden und welche Unternehmen daran beteiligt sind und welche Gefahren darin bestehen, erst dann kann ein Umdenken stattfinden.


Und wie stehen die Chancen? Oder ist das die Frage ist das Glas halb voll oder halb leer?

Ich bin eigentlich ein Optimist, aber bei diesem Thema sehe ich die Lage leider eher negativ. Der breiten Masse der Gesellschaft ist das Thema mangels Aufklärung mehr oder weniger egal und die Industrie sorgt durch intelligentes Marketing und vor allem auch durch geschickte Lobbyarbeit dafür, dass unsere Daten auch weiterhin auf meistens völlig intransparente Weise für ethisch fragwürdige oder gar gefährliche Analysen genutzt werden können.



 

Markus Morgenroth bei den Bonner Gesprächen 2016

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