Kabel

Web 2.0 in der Bildungsarbeit

Im Web 2.0 sind die User nicht nur passives Publikum - sondern sie gestalten aktiv mit. Was bedeutet das für die politische Bildung?


10.8.2011
Im Web 2.0 sind die User nicht nur passives Publikum - sondern sie gestalten aktiv mit. Was bedeutet das für die politische Bildung?

Aus dem Alltag der meisten Menschen ist das Internet längst nicht mehr wegzudenken. Zunehmende Bedeutung erfahren dabei neben der Informationsrecherche die verschiedensten Dienste zur Kommunikation, zum Erstellen, Veröffentlichen und Teilen von digitalen Inhalten. Auch in der Arbeitswelt hat die digitale Vernetzung Einzug in die allermeisten Berufe gehalten. Das Internet verändert Arbeit und Freizeit, unser Kommunikationsverhalten, unser Verständnis des Wortes "Freund", die Musik- und Filmindustrie, die Verbrechensbekämpfung, die Partnerfindung, die Politik, den Krieg, die Geschäfte der Reisebüros und des Buchhandels – aber nicht die politische Bildungsarbeit?

Was Web 2.0 und politische Bildung gemeinsam haben ...

Schaut man sich die derzeit beliebtesten "Orte" im Internet an, so findet man darunter zahlreiche Angebote, bei denen nicht mehr eine "Zentrale" Inhalte erstellt und an ein empfangendes Publikum sendet, sondern die sich als Plattformen verstehen, deren Inhalte von den Nutzenden selber er- und bereitgestellt werden. Große Beispiele sind Facebook, YouTube, Twitter, Flickr oder Geocaching, aber auch dezentrale Angebote wie Blogs oder Podcasts, die zwar mit jeweils geringeren Reichweiten, dafür aber umso zahlreicher und vielfältiger existieren.

Solche Angebote, bei denen sich die traditionellen Trennungen zwischen Konsumenten und Produzenten, Information und Kommunikation, Professionalität und Amateurtum vermischen, werden mit den Schlagworten Web 2.0 oder Social Media überschrieben. Eine Beschreibung von Tim Berners-Lee, Erfinder des World Wide Web, hat sich nicht durchgesetzt, obwohl sie das Wesen des "neuen Netzes" auf den Punkt bringt: das "Read-/Write-Web" – also das Internet, in dem jeder nicht mehr nur liest und konsumiert, sondern auch Autor ist und Inhalte mit der Welt teilt.

Die Grundannahmen dieses Read-/Write-Webs sind offensichtlich kompatibel mit denen der politischen Bildung: So wie User im Web 2.0 nicht mehr nur ein passives Publikum bilden, sondern jeder auch Sender ist, so sieht die politische Bildung die Menschen nicht nur als Bewohner/innen eines Staates, sondern als Bürger/innen, die zum Gemeinsamen beitragen, die sich engagieren und gestalten, die sich untereinander verbinden, austauschen und diskutieren – kurz: die partizipieren. Im Englischen bzw. Lateinischen wird diese Gemeinsamkeit sprachlich noch deutlicher: "to participate" vereint die Bedeutungen von teilnehmen, dabei sein und von mitwirken, sich beteiligen.

Dieses am Leitbegriff Partizipation ausgerichtete Ideal findet sein Abbild in der Gestaltung von Veranstaltungsformaten der politischen Bildung. Veranstaltungsteilnehmende sollen in der Regel nicht nur Zuhörende sein, sondern auch diskutieren, sich einbringen und bisweilen, in der projektorientierten Arbeit, auch kreative Ergebnissse gestalten.

... warum sie dennoch keine Freunde sind ...

Nun könnte man meinen, bei so viel strukturellen Gemeinsamkeiten sollten die Akteure der politischen Bildung mit offenen Armen auf die Welt des Web 2.0 zugehen, seine Möglichkeiten austesten und in die eigene Praxis integrieren. Das ist noch eher die Ausnahme als die Regel. Vielmehr dominiert im pädagogischen Bereich im Allgemeinen und in der politischen Bildung im Besonderen eine zurückhaltende bis skeptische Haltung gegenüber digitalen Technologien.

Das mag zum einen in den Fundamenten der Domäne liegen, die weder in ihrer Kultur noch in den formellen Rahmenbedingungen zur größtmöglichen Innovationsfreudigkeit neigt. Zum anderen lassen sich Ursachen für das verbreitete Zögern auch im eigenartigen Spannungsfeld suchen, das die Medientechnologien in der Bildungsgeschichte immer wieder induzierte. Da war und ist auf der einen Seite immer wieder ein radikaler Kulturpessimismus gegenüber jeglicher medialer Innovationen: "Facebook / E-Mail / Computerspielerei / Privatfernsehen / Kino / die Postkarte / das Buch ist der Untergang unserer Kultur!"

Auf der anderen Seite wurden "neue Medien" in der Geschichte immer wieder als vermeintlich revolutionäre Rettungsbringer an die Pädagogik herangetragen: "Mit dem Hörfunk / Schulfernsehen / Sprachlabor / Computer / Multimedia-PC / Internet wird das Lernen viel einfacher, billiger, schneller, lustiger." Nun hat bisher keine Medientechnologie weder das Abendland untergehen lassen noch das Lernen revolutioniert. Insofern ist es durchaus berechtigt zu fragen, was die "digitale Revolution" denn von den bisherigen Verkündungen unterscheide und warum sie die politische Bildung verändern wird.

... und warum sie es noch werden könnten

Zwei Argumente für die Relevanz des digitalen Wandels auch für die politische Bildung wurden bereits genannt:

Erstens: Wir sehen die Veränderungen bereits in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen.
Zweitens: Es spricht strukturell einiges dafür, dass Web 2.0 und politische Bildung gute Freunde werden könnten. Facebook, Blogs, Video-Livestreams, Wikis oder Twitter zeigen nicht nur in Teheran oder Kairo, bei Stuttgart 21 oder zu Guttenberg, dass digitale Werkzeuge und demokratische Partizipation viel miteinander zu tun haben. Das heißt auch, dass die oft beschworene Medienkompetenz mehr als nur die Bedienung von Technik umfasst. Gerade die politische Bildung muss Medienkompetenz auch als Verstehen und Gestalten der Welt mit und in Medien begreifen – und an ihrer Entwicklung mitwirken.

Zum Dritten und Vierten soll an dieser Stelle noch skizziert werden, warum die digitale Revolution die politische Bildung selbst dann verändern wird, wenn die politischen Bildner selber sie ignorieren sollten:

Drittens: Die Teilnehmenden bleiben weg. Die politische Bildung ist wie kein anderer Bildungsbereich auf die Freiwilligkeit zur Teilnahme an ihren Veranstaltungen angewiesen. Und für einen großen und rasant wachsenden Anteil der Teilnehmenden sind Internet und Web 2.0 inzwischen selbstverständlich. Warum soll ein Jugendlicher, der in allen Lebenslagen über Facebook kommunziert und bei Fragen zuerst YouTube oder die Wikipedia konsultiert, sich für ein Bildungsangebot begeistern, das die Medien aus seiner Lebenswelt ignoriert, geringschätzt oder sogar verbietet?

Viertens: Die Teilnehmenden nehmen die Sache selber in die Hand. Wie schon erwähnt geben die Dienste im Web 2.0 allen Nutzenden die Möglichkeit, Inhalte zu produzieren und zu veröffentlichen. Wenn Institution der politischen Bildung sich also nicht ins Web 2.0 begeben, dann können interessierte Teilnehmende das übernehmen. Für einen Video-Livestream von einer Diskussionsveranstaltung braucht es nicht zwingend eine Infrastruktur, die der Bildungsanbieter bereitstellt. Ein Handy mit Kamera und Internetverbindung reicht aus. Auch wenn ein Bildungsanbieter nicht selber über seine Angebote twittert – seine Teilnehmenden tun es.

Es ist nicht die Frage, ob die politische Bildung im Web 2.0 überhaupt stattfindet, sondern nur, ob sie mit oder ohne Beteiligung der Akteure und Institutionen der politischen Bildung dort stattfindet.

Exkurs: Was uns jetzt bevorsteht ...

Der Einzug von Computern veränderte die Bildung gar nicht. Auch als Bildungseinrichtungen wie z.B. die "Schulen ans Netz" kamen, brachte das viel Technik, aber kaum Neues für Pädagogik und Didaktik. In allernächster Zeit aber steht ein fundamentaler Wandel an. Warum?

Das neue Internet: Das Web 2.0 hat einen Paradigmenwechsel für das Internet eingeläutet. Seine Nutzer sind nicht mehr nur Konsumenten, sondern können Inhalte selber produzieren und miteinander teilen. Alle Inhalte bei z.B. YouTube, SchülerVZ, Facebook oder geocaching.com werden von der Nutzern selber erstellt. Einfachste und kostenlose Software ermöglichen jedem, über Blogs, Videos, Podcasts oder Wikis der Kreativität freien Lauf zu lassen.

Die neue Hardware: Das iPad mag noch teuer sein. Aber es ist nur der Anfang. Es ist nicht eine Frage, ob, sondern nur wann ähnliche Tablet-PCs von anderen Herstellern für weniger als 100 Euro verfügbar sein werden (Prognose: Mitte 2012) und nicht ob, sondern wann ein Landtagswahlkampf mit dem Versprechen "Jedem Schüler sein Tablet-PC!" geführt werden wird (Prognose: Niedersachsen Ende 2012). Solche Computer haben für die Bildungsarbeit einen entscheidenden Vorteil: Sie stehen nicht im Mittelpunkt. Musste man vorher für eine Internetrecherche gesonderte Zeit einplanen, unter Umständen sogar einen speziellen Raum reservieren, so ist das iPad schnell aus der Tasche geholt und nach 4 Sekunden einsatzbereit. Und genau so schnell kann es auch wieder beiseite gelegt werden. Erstmalig wird es so in formellen Bildungssettings möglich, das Internet als ein ganz normales Werkzeug einzusetzen, das einfach und schnell funktioniert und nicht den Mittelpunkt aller Aktitiväten beansprucht.

Die allgegenwärtige Vernetzung: Mit WLAN und Mobilfunk kann man inzwischen so gut wie überall online sein. Auch hier wird die Kostenfrage in nächster Zeit weiter in den Hintergrund rücken. Schon jetzt kostet eine Internet-Flatrate für Handy oder iPad nur noch 10 Euro pro Monat. Fast alle Jugendlichen werden spätestens 2012 ein Handy mit Internetzugang und Computerfunktionen besitzen. Das Internet wird damit allgegenwärtig und alles durchdringend sein.Vielfältige Informationsquellen und Möglichkeiten zur Kommunikation stehen damit den Lernenden offen – und auch den Lehrenden.



 

HanisauLand.de

Sicherheits-Tipps für das Internet

Im Internet gibt es viele nützliche Informationen, man kann Spaß haben und sich mit anderen Personen austauschen. Es gibt aber auch Gefahren, die du kennen solltest. Hier können Kinder spielend lernen, sich im Internet sicher zu bewegen! Weiter... 

Dossier

Open Source

Open Source-Software ist das Paradox der Wissensgesellschaft: Programmierer verschenken ihr wertvollstes Gut – und begründen eine soziale Bewegung, die weltweit das Wissen befreien will. Weiter... 

Die Internetseite von jugendschutz.net. Screenshot, 30. November 2011, http://www.jugendschutz.net/index.html.

Wie umgehen mit rechtsextremen Inhalten im Internet?

Wie treten Rechtsextreme im Internet auf? Wer hilft, wenn eindeutige Verstöße gegen das Strafrecht (Symbole, Hetzreden) auszumachen sind? Eine kleine Hilfestellung von Josephine Steffen aus der Internet-Redaktion "blick nach rechts". Weiter... 

Dossier

Was ist Bildung?

Bildung ist ein Grundrecht. Sie bereitet Menschen auf das Leben vor und verspricht sozialen Aufstieg. Vielen gilt sie als Universallösung für die Herausforderungen unserer Zeit. Findet die Bildungspolitik die richtigen Antworten? Das Dossier zeigt, worum es beim Thema Bildung heute geht. Weiter... 

Das Logo von www.bildungsserver.de.

Bildungsserver

Als zentraler Wegweiser zum Bildungssystem in Deutschland bietet der Deutsche Bildungsserver allen Interessierten Zugang zu hochwertigen Informationen und Internetquellen – schnell, aktuell, umfassend und kostenfrei. Als Meta-Server verweist er primär auf Internet-Ressourcen, die u.a. von Bund und Ländern, der Europäischen Union, von Hochschulen, Schulen, Landesinstituten, Forschungs- und Serviceeinrichtungen und Einrichtungen der Fachinformation bereitgestellt werden. Weiter... 

Datenbank

Medienkompetenz-Datenbank

Die Medienkompetenz-Datenbank bietet einen Überblick über die Vielfalt an länderübergreifenden, überregionalen und regionalen Angeboten zur Förderung der digitalen Medienkompetenz für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Es ist eine systematische Sammlung von nachhaltigen institutionalisierten nicht kommerziellen Angeboten, deren erklärtes Ziel es ist, Medienkompetenz als Kernkompetenz zu fördern. Weiter... 

Archiv #PB21

Archiv pb21.de

Was bedeutet Web 2.0 für die politische Bildung? Das Archiv des Weblogs pb21.de bietet Praxisbeispiele, Anleitungen und Tipps um das Web 2.0 als Werkzeug der politischen Bildung. Weiter... 

Logo spielbar.de

spielbar.de

spielbar.de informiert über Computerspiele und erstellt pädagogische Beurteilungen. Pädagogen, Eltern und Gamer sind eingeladen, ihre eigenen Beurteilungen, Meinungen und Kommentare zu veröffentlichen. Weiter...