Dossierbild: Planspiele

1.4.2010 | Von:
Dr. Stefan Rappenglück

Zielsetzung und Methodik

In der politischen Bildung sind "Gegenstand des Planspieles (...) politische Entscheidungs- und Willenbildungsprozesse sowie politische Partizipation. Es sind komplex konstruierte Simulations-, Rollen- und Entscheidungsspiele mit eindeutigen Interessengegensätzen und einem Entscheidungszwang". [4].

Auf der Basis einer spezifischen Ausgangslage - dem Szenario - übernehmen die Teilnehmenden von Planspielen im Kontext der Simulation Rollen von Akteurinnen und Akteuren. Das gewählte Szenario kann entweder real oder fiktiv sein. Beispielsweise treten in Planspielen, die den Gesetzgebungsprozess in Deutschland oder den Entscheidungsprozess in der Europäischen Union zum Thema machen, die Spieler aus der passiven Rolle der Bürgerin oder des Bürgers in die aktive Rolle eines gestaltenden Akteurs: sie handeln als Abgeordnete des Deutschen Bundestages oder des Europäischen Parlamentes, als Ministerin einer Länderregierung oder simulieren die Arbeit eines Gemeinderates. Sie müssen Parteien und Länder vertreten, diskutieren, Anträge und Koalitionen schmieden und treffen auf der Grundlage spezifischer Rollenprofile Entscheidungen für die Zukunft der Kommune, des Landes oder der Europäischen Union. Eine Simulation kann die Komplexität der politischen Realität jedoch selbstverständlich nicht hundertprozentig abbilden und wiedergeben. Ein wichtiges Prinzip ist daher die sog. didaktische Reduktion, d.h. die Vereinfachung des Spielverlaufs sowohl in Hinblick auf die tatsächlich zur Verfügung stehenden Zeit (beispielsweise dauert in der Realität die Gesetzgebung monatelang) und in Hinblick auf die Anzahl der Akteure (der Bundestag kann beispielsweise nur in Ausnahmesituationen auch tatsächlich annähernd mit der Zahl seiner Abgeordneten simuliert werden).

Auf den Unterricht bezogen bedeutet dies, dass Entscheidungsprozesse nachgebildet und Situationen symbolisiert werden, die von den Schülern Lösungen fordern. Von den Schülern werden Handlungsentscheidungen verlangt und deren Auswirkungen reflektiert. Die komplexen Zusammenhänge und schwer fassbaren Prozesse werden dabei vereinfacht und somit für den Schüler transparent und greifbar.

Wesentliche politikdidaktische Zielsetzungen von Planspielen sind die Analyse von Herrschaft- und Machtaspekten, der Durchsetzung von Interessen in Institutionen und Konfliktregulierungen sowie der Herstellung einer rationalen Brücke zwischen Alltagswelt und politischen Institutionen, um damit einen Transfer zwischen dem realen Leben und dem politischen Prozess zu ermöglichen. [5].

Die Methode erfüllt eine Vielzahl didaktischer Prinzipien, u. a. das der Handlungsorientierung:
"Handeln im Planspiel heißt vor allem Analyse von Problemen, Abwägen von Alternativen, Entwicklung von Strategien und Taktiken sowie Treffen von Entscheidungen zur Realisierung der aufgestellten Ziele." [6].
Dieser handlungsorientierte Ansatz des Planspiels, also das direkte Erleben von politischen Entscheidungsprozessen und Institutionalisierungsvorgängen, soll zu einem tieferen Verständnis politischer Abläufe, Entscheidungen und Auswirkungen, aber auch zum politischen Lernen durch den Erwerb entsprechender Kompetenzen führen. Die Spielenden lernen den Entscheidungsablauf und die Politikfelder der EU kennen; das Politikfeld wird dadurch für die beteiligten Personen greifbarer und bis zu einem gewissen Grad durchschaubarer.

Die Methode fördert die politische Mündigkeit, ermöglicht "Erfahrungen" mit Politik und stärkt damit auch die Demokratiekompetenz. [7].

Die Lernerfahrungen erstrecken sich auf mehrere Ebenen im Lernprozess:
  • Planspiele motivieren die Teilnehmenden sehr stark und eröffnen einen erlebbaren Zugang zu Themen, die oft als abstrakt, komplex und zu weit von der eigenen Lebenssituation wahrgenommen werden.
  • Die Methode fördert soziale und kommunikative Schlüsselkompetenzen, den Umgang mit Regeln und Konfliktlösungsstrategien sowie die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel.
  • Förderung von Arbeitstechniken und Methodenkompetenz
  • Inhaltlich weckt ein Planspiel das Verständnis für komplexe politische Verhandlungen, Entscheidungsprozesse und Lösungsstrategien und trägt zum Training einer eigenen Verhandlungsführung bei;
  • Das Planspiel ist erfahrungs- und prozessorientiert angelegt, d.h. die Teilnehmenden haben nach Spielende einen Zugewinn an Lernerfahrungen
  • Die im Rahmen der Simulation gewonnenen und nicht mehr abstrakten Verhandlungsfertigkeiten können von den Teilnehmenden später im Alltag "abgerufen" werden, beispielsweise von jungen Erwachsenen bei der Vertretung eigener Interessen oder Konfliktlösungen in der Schule.
Der Lernprozess ist sehr intensiv. Rollenbilder, Politikinteressen, fremde Kulturen und Identitäten, Interessengegensätze und gegebenenfalls interkulturelle Konfliktlinien müssen in kürzester Zeit wahrgenommen und reflektiert, Entscheidungen und Einschätzungen unter zeitlichem Druck gefällt werden. Die Teilnehmer spüren sehr schnell, dass der Weg zu Kompromissen in der Realität viel komplexer ist und oft langwierig sein kann. Eine leichtfertige Einordnung des erreichten Spielergebnisses in Gewinnern und Verlierern wird den oft komplizierten Entscheidungsstrukturen und Interessen jedoch nicht gerecht.

Es lässt sich bilanzieren, dass die "Integration von fachlichem, methodischem, sozialem, kommunikativem und affektivem Lernen Planspiele zu einem geradezu idealen Instrument moderner Bildungsarbeit (macht). Denn gefordert werden heute von Seiten der Wirtschaft immer stärker offene, handlungsorientierte Lehr-/Lernverfahren, die Fach-, Methoden-, Sozial- und Kommunikationskompetenz möglichst gleichzeitig und gleichrangig fördern." [8].

Für die Planspieldurchführung ist zugleich eine Offenheit der Teilnehmenden notwendig, denn Planspiele leben von der Bereitschaft der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sich auf offene und selbstgesteuerte Lernprozesse einzulassen, die sich eben dadurch auszeichnen, dass die Spielerinnen und Spieler das Ergebnis der Simulation selbst bestimmen.

Fußnoten

4.
Ungerer, Lothar: Planspiel. In: Mickel, Wolfgang W.(Hrsg.): Handbuch zur politischen Bildung. Bonn 1999, S.363.
5.
Vgl. Deichmann, Carl: Mehrdimensionale Institutionenkunde. Schwalbach 1996, S. 40-42.
6.
Massing, Peter: Planspiele und Entscheidungsspiele. In: Methodentraining für den Politikunterricht. Themen und Materialien. Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 2004. S.165.
7.
Vgl. Koopmann, Klaus F.: Politik handelnd erfahren und lernen, in: Butterwegge, Christoph/Hentges, Gudrun (Hrsg.): Politische Bildung und Globalisierung, Opladen 2002, S. 197-199; Speziell zur Handlungsorientierung: Reinhardt, Sibylle: Handlungsorientierung. In: Sander, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch politische Bildung, 3. völlig überarbeitete Auflage, Schwalbach 2005, S.146-155.
8.
Klippert, Heinz: Planspiele: Spielvorlagen zum sozialen, politischen und methodischem Lernen in Gruppen, Weinheim 1996, S. 7.
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