Dossierbild: Planspiele
1|2 Auf einer Seite lesen

1.4.2010 | Von:
Dr. Stefan Rappenglück

Zielsetzung und Methodik

Die Planspiel-Methode ist sehr alt. Das Schach-Spiel als strategisches Brettspiel zwischen zwei Spielenden gilt als Urform des Planspiels. Ursprünglich wurde sie vor allem im militärischen Bereich und anschließend in der betriebswirtschaftlichen Aus- bzw. Fortbildung angewendet, schließlich auch in der außerschulischen Bildung. Sie wird in vielen Ländern der Welt eingesetzt, während Deutschland noch eher als "Planspielentwicklungsland" gilt[1].

Seit den sechziger Jahren wird sie auch zunehmend in der Schule angewendet. Durch den Begriff Plan-Spiel werden bereits zwei wesentliche Eigenschaften der Methode deutlich: Erfahrungswissen am Modell und Spiel. Planspiele versuchen die Aneignung von "trockenem" Wissen mit Spass am Spielen zu verbinden – ein nicht zu unterschätzender Faktor!

Das Wort Plan spiegelt das Modellhafte im Prozess wider und beschreibt, wie und nach welchen Regeln etwas durchgeführt werden soll – häufig ein simulierter Konflikt oder ein simuliertes Problem aus der Realität. Die Aktivitäten werden auf ein bestimmtes Ziel und Zweck hin ausgerichtet, die oftmals vorgegeben werden.

Die zweite Komponente im Begriff: "Spiel" verweist auf die Bedeutung des Spielens für die Entwicklung persönlicher Fähigkeiten (homo ludens). "Spielen" im Planspiel soll als eine Freude bringende Tätigkeit verstanden werden, die aber nach bestimmten Regeln von einer Gruppe von Spielerinnen und Spielern durchgeführt werden soll. Im Plan-Spiel findet Kommunikation, Teamwork, Kooperation aber auch Wettbewerb zwischen den einzelnen Teilnehmern statt. Dieser Spielcharakter bietet die Möglichkeit, dass junge Menschen und Erwachsenen in ihren unterschiedlichen Lernverhalten und- Interessen erreicht werden und dabei sowohl kognitive als auch affektive Lernziele aufgegriffen werden können.


Planspiele werden in unterschiedlichen Bereichen eingesetzt. Am bekanntesten sind folgende traditionelle Einsatzfelder:
  • Militärische Planspiele
  • Sozio-ökonomische Planspiele, z.B. Unternehmens- Planspiele, Planspiel: Börse etc.
  • Kybernetische Umweltplanspiele
"Quer" zu diesen Bereichen lassen sich Planspiele der politischen Bildung verorten, da in diesen prinzipiell Themen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in einer "experimentellen Lernwelt" aufgegriffen werden können. Innerhalb dieser Anwendungsgebiete gibt es verschiedene Umsetzungsvarianten, die u. a. nach folgenden Kriterien unterschieden werden:
  • Grad des individuellen Entscheidungsbereichs: In sog. "freien Spielen" ist der Entscheidungsbereich nicht fest vorstrukturiert – im Gegensatz zu den sog. starren Spielen, die durch einen engen begrenzten Entscheidungs- bzw. Handlungsspielraum geprägt sind;
  • Art der Entscheidungsabhängigkeit: Die Ergebnisse sind ausschließlich und eindeutig von den Entscheidungen der Spieler abhängig; in anderen Varianten sind Zufallselemente enthalten, so dass die Resultate des Spieles nicht mehr ausschließlich von den Spielern bestimmt werden;
  • Einfluss anderer Spielgruppen: In "interaktiven Spielen" werden Entscheidung und Spielverlauf von anderen Spielgruppen mitbestimmt: In den nichtinteraktiven Spielen hingegen spielen mehrere Spielgruppen nebeneinander und parallel.
  • Offenheit des Planspiels: In offenen Spielen ist es den Spielern erlaubt, unmittelbar mit den anderen Spielgruppen Kontakt aufzunehmen, während in geschlossenen Spielen die einzelnen Spielgruppen voneinander getrennt sind und die Interaktion und Information ausschließlich über die Spielleitung möglich ist.
  • Komplexität des Spielverlaufes: Einfache Spiele haben einen simplen Spielaufbau und der Umfang der Informationsbearbeitung durch die Spielenden ist gering. In komplexen Spielen sind hingegen umfangreiche Einzelinformationen zu verarbeiten und entsprechend viele und schwierige Entscheidungen zu treffen. Eine effiziente Durchführung des Spiels ist nur mit Hilfe leistungsfähiger Computer möglich [2].
Als Unterrichtsmethode werden Simulationen insbesondere für historische, politische und ökonomische Fragestellungen bzw. Konfliktsituationen herangezogen [3].
In der politischen Bildung sind "Gegenstand des Planspieles (...) politische Entscheidungs- und Willenbildungsprozesse sowie politische Partizipation. Es sind komplex konstruierte Simulations-, Rollen- und Entscheidungsspiele mit eindeutigen Interessengegensätzen und einem Entscheidungszwang". [4].

Auf der Basis einer spezifischen Ausgangslage - dem Szenario - übernehmen die Teilnehmenden von Planspielen im Kontext der Simulation Rollen von Akteurinnen und Akteuren. Das gewählte Szenario kann entweder real oder fiktiv sein. Beispielsweise treten in Planspielen, die den Gesetzgebungsprozess in Deutschland oder den Entscheidungsprozess in der Europäischen Union zum Thema machen, die Spieler aus der passiven Rolle der Bürgerin oder des Bürgers in die aktive Rolle eines gestaltenden Akteurs: sie handeln als Abgeordnete des Deutschen Bundestages oder des Europäischen Parlamentes, als Ministerin einer Länderregierung oder simulieren die Arbeit eines Gemeinderates. Sie müssen Parteien und Länder vertreten, diskutieren, Anträge und Koalitionen schmieden und treffen auf der Grundlage spezifischer Rollenprofile Entscheidungen für die Zukunft der Kommune, des Landes oder der Europäischen Union. Eine Simulation kann die Komplexität der politischen Realität jedoch selbstverständlich nicht hundertprozentig abbilden und wiedergeben. Ein wichtiges Prinzip ist daher die sog. didaktische Reduktion, d.h. die Vereinfachung des Spielverlaufs sowohl in Hinblick auf die tatsächlich zur Verfügung stehenden Zeit (beispielsweise dauert in der Realität die Gesetzgebung monatelang) und in Hinblick auf die Anzahl der Akteure (der Bundestag kann beispielsweise nur in Ausnahmesituationen auch tatsächlich annähernd mit der Zahl seiner Abgeordneten simuliert werden).

Auf den Unterricht bezogen bedeutet dies, dass Entscheidungsprozesse nachgebildet und Situationen symbolisiert werden, die von den Schülern Lösungen fordern. Von den Schülern werden Handlungsentscheidungen verlangt und deren Auswirkungen reflektiert. Die komplexen Zusammenhänge und schwer fassbaren Prozesse werden dabei vereinfacht und somit für den Schüler transparent und greifbar.

Wesentliche politikdidaktische Zielsetzungen von Planspielen sind die Analyse von Herrschaft- und Machtaspekten, der Durchsetzung von Interessen in Institutionen und Konfliktregulierungen sowie der Herstellung einer rationalen Brücke zwischen Alltagswelt und politischen Institutionen, um damit einen Transfer zwischen dem realen Leben und dem politischen Prozess zu ermöglichen. [5].

Die Methode erfüllt eine Vielzahl didaktischer Prinzipien, u. a. das der Handlungsorientierung:
"Handeln im Planspiel heißt vor allem Analyse von Problemen, Abwägen von Alternativen, Entwicklung von Strategien und Taktiken sowie Treffen von Entscheidungen zur Realisierung der aufgestellten Ziele." [6].
Dieser handlungsorientierte Ansatz des Planspiels, also das direkte Erleben von politischen Entscheidungsprozessen und Institutionalisierungsvorgängen, soll zu einem tieferen Verständnis politischer Abläufe, Entscheidungen und Auswirkungen, aber auch zum politischen Lernen durch den Erwerb entsprechender Kompetenzen führen. Die Spielenden lernen den Entscheidungsablauf und die Politikfelder der EU kennen; das Politikfeld wird dadurch für die beteiligten Personen greifbarer und bis zu einem gewissen Grad durchschaubarer.

Die Methode fördert die politische Mündigkeit, ermöglicht "Erfahrungen" mit Politik und stärkt damit auch die Demokratiekompetenz. [7].

Die Lernerfahrungen erstrecken sich auf mehrere Ebenen im Lernprozess:
  • Planspiele motivieren die Teilnehmenden sehr stark und eröffnen einen erlebbaren Zugang zu Themen, die oft als abstrakt, komplex und zu weit von der eigenen Lebenssituation wahrgenommen werden.
  • Die Methode fördert soziale und kommunikative Schlüsselkompetenzen, den Umgang mit Regeln und Konfliktlösungsstrategien sowie die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel.
  • Förderung von Arbeitstechniken und Methodenkompetenz
  • Inhaltlich weckt ein Planspiel das Verständnis für komplexe politische Verhandlungen, Entscheidungsprozesse und Lösungsstrategien und trägt zum Training einer eigenen Verhandlungsführung bei;
  • Das Planspiel ist erfahrungs- und prozessorientiert angelegt, d.h. die Teilnehmenden haben nach Spielende einen Zugewinn an Lernerfahrungen
  • Die im Rahmen der Simulation gewonnenen und nicht mehr abstrakten Verhandlungsfertigkeiten können von den Teilnehmenden später im Alltag "abgerufen" werden, beispielsweise von jungen Erwachsenen bei der Vertretung eigener Interessen oder Konfliktlösungen in der Schule.
Der Lernprozess ist sehr intensiv. Rollenbilder, Politikinteressen, fremde Kulturen und Identitäten, Interessengegensätze und gegebenenfalls interkulturelle Konfliktlinien müssen in kürzester Zeit wahrgenommen und reflektiert, Entscheidungen und Einschätzungen unter zeitlichem Druck gefällt werden. Die Teilnehmer spüren sehr schnell, dass der Weg zu Kompromissen in der Realität viel komplexer ist und oft langwierig sein kann. Eine leichtfertige Einordnung des erreichten Spielergebnisses in Gewinnern und Verlierern wird den oft komplizierten Entscheidungsstrukturen und Interessen jedoch nicht gerecht.

Es lässt sich bilanzieren, dass die "Integration von fachlichem, methodischem, sozialem, kommunikativem und affektivem Lernen Planspiele zu einem geradezu idealen Instrument moderner Bildungsarbeit (macht). Denn gefordert werden heute von Seiten der Wirtschaft immer stärker offene, handlungsorientierte Lehr-/Lernverfahren, die Fach-, Methoden-, Sozial- und Kommunikationskompetenz möglichst gleichzeitig und gleichrangig fördern." [8].

Für die Planspieldurchführung ist zugleich eine Offenheit der Teilnehmenden notwendig, denn Planspiele leben von der Bereitschaft der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sich auf offene und selbstgesteuerte Lernprozesse einzulassen, die sich eben dadurch auszeichnen, dass die Spielerinnen und Spieler das Ergebnis der Simulation selbst bestimmen.
1|2 Auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Für die internationale Rezeption sei auf den Sammelband von Christian Kriz und Thomas Eberle (eds.): Bridging the gap. Transforming Knowledge into Action through Gaming and Simulation, Passau 2004 verwiesen.
2.
Vgl. Nach Ebert, Günter: Planspiel – Eine aktive und attraktive Lehrmethode, in: Keim, Helmut (Hrsg.): Planspiel – Rollenspiel – Fallstudie. Köln 1992, S. 29-34.
3.
Exemplarisch Bernhardt, Markus: Das Spiel im Geschichtsunterricht. Schwalbach 2003, S.101-151; Fischer, Christian/Conrad, Sascha: Planspiel Marktwirtschaft. In: Gesellschaft- Wirtschaft-Politik, 4/2008, S.573-584.
4.
Ungerer, Lothar: Planspiel. In: Mickel, Wolfgang W.(Hrsg.): Handbuch zur politischen Bildung. Bonn 1999, S.363.
5.
Vgl. Deichmann, Carl: Mehrdimensionale Institutionenkunde. Schwalbach 1996, S. 40-42.
6.
Massing, Peter: Planspiele und Entscheidungsspiele. In: Methodentraining für den Politikunterricht. Themen und Materialien. Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 2004. S.165.
7.
Vgl. Koopmann, Klaus F.: Politik handelnd erfahren und lernen, in: Butterwegge, Christoph/Hentges, Gudrun (Hrsg.): Politische Bildung und Globalisierung, Opladen 2002, S. 197-199; Speziell zur Handlungsorientierung: Reinhardt, Sibylle: Handlungsorientierung. In: Sander, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch politische Bildung, 3. völlig überarbeitete Auflage, Schwalbach 2005, S.146-155.
8.
Klippert, Heinz: Planspiele: Spielvorlagen zum sozialen, politischen und methodischem Lernen in Gruppen, Weinheim 1996, S. 7.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Publikation zum Thema

Handbuch Planspiele in der politischen Bildung

Handbuch Planspiele in der politischen Bildung

Das Handbuch Planspiele wurde von Wissenschaftlern und Praktikern aus unterschiedlichen Fachdisziplinen zur Verwendung in Wissenschaft und Praxis verfasst. Es führt anhand zahlreicher Praxisbeispiele in die Konzeption, Lerntheorie, Durchführung und Evaluation von Planspielen ein. Abgerundet wird der Band mit einem Serviceteil.Weiter...

Zum Shop