Dossierbild: Planspiele

1.4.2010 | Von:
Dr. Stefan Rappenglück

Rollendesign und Spielmaterialen

Die Teilnehmenden übernehmen vor dem Hintergrund einer fiktiven Ausgangslage – dem sogenannten Szenario – für die Dauer des Planspiels Rollen von Akteuren. Die Spieler treten aus der in der Regel passiven Rolle einer Bürgerin/eines Bürgers in die aktive Rolle eines gestaltenden Akteurs: sei es beispielsweise als Abgeordnete des europäischen Parlamentes oder als Ministerin in einer Landesregierung oder als Vertreter einer Bürgerinitiative im Gemeinderat. Der so vollzogene funktionsverändernde Rollenwechsel und Perspektivenwechsel ist ein zentrales Element der Simulation.

Über die Rollenprofile werden eine Vielzahl von Sachinformationen und Aspekten des behandelten Politikfeldes angesprochen. Auch werden teilweise Parolen, Vorurteile, Klischees und Stereotypen in die Rollenbeschreibung transportiert. Viele Argumente und Aussagen der Rollenprofile basieren auf realen Fakten und werden beispielsweise auch auf Bürgerversammlungen oder in Alltagssituationen immer wieder verwendet. Einige Rollen haben die Funktion, eine sachorientierte Debatte zu ermöglichen. Andere Rollen verfolgen das Ziel, Brücken zwischen den divergierenden und konträren Ansichten zu bauen. Ferner gibt es auch Rollen, die schlicht und ergreifend ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen.

Für eine effektive Spielhandlung ist eine ausreichende Profilbeschreibung mit der Darstellung der Interessen des Rollenträgers, seiner Rechte und Pflichten, aber vor allem ein Angebot an strategisch-taktischen Aktionsvarianten notwendig.

In der oben bereits erwähnten "Spielmappe" findet sich daher neben dem für alle Teilnehmenden gleichen Szenario für die beteiligten Akteure zusätzlich individuelle Rollenprofile und Hintergrundinformationen. Auch kann die Spielleitung weitere, bereits vorbereitete und ausgewählte Artikel zu den angeschnittenen Themen als zusätzliche Hintergrundinformation in die Simulation einspielen.

Die Anzahl der Rollen ist abhängig von der jeweiligen Anlage des Planspiels, dem Zeitrahmen sowie den Räumlichkeiten vor Ort.

Aus der Praxis erweist es sich als sinnvoll, dass für ein Planspiel mindestens 15 bis 20 Personen teilnehmen sollten, damit die kleinen Arbeitsgruppen in sich arbeitsfähig sind. Im Hinblick auf die mit einer Simulation verbundenen gruppendynamischen und fachlich-inhaltlichen Diskussionen sind größere Spielgruppen auf jeden Fall sinnvoll. Eine größere Spielgruppe bedeutet jedoch einen größeren Betreuungsaufwand für die Spielleitung, die entsprechend erweitert werden muss. Um möglichst realitätsnahe Parlaments-Simulationen zu ermöglichen, sollten mindestens 60 Personen teilnehmen. "Großplanspiele" können auch mit Hunderten von Teilnehmern gespielt werden.

In der Regel werden in europabezogenen Planspielen die europäischen Gremien (Europäisches Parlament, Rat der Union, Europäische Kommission, Europäischer Rat) und die Arbeit der Medien durch ein Presseteam simuliert. Je nach gewähltem Politikfeld können weitere Akteure integriert werden, beispielsweise Nichtregierungsorganisationen oder Vertreter eines Bundeslandes. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Abgerundet werden die Planspiele durch Rollen von Medienvertreterinnen und -vertretern (siehe auch Abdruck eines Rollenprofils im Anhang).

Wie in realen Entscheidungs- und Verhandlungsprozessen sind die simulierten Verhandlungen von Konflikten zwischen den beteiligten Akteuren, verschiedenen Interessen und Zielen geprägt. Die Rollenprofile ermöglichen einen unterschiedlichen Grad an Rollenempathie für die Spielerinnen und Spieler. Die Rollenvorgaben versuchen alle Facetten der mit dem Thema verbundenen kontroversen Diskussion abzudecken, enthalten Vorschläge für die Verhandlungsstrategie und listen die wichtigsten Ziele auf. Sie ermöglichen aber auch Verhandlungsspielräume unter den beteiligten Akteuren.

Die Rollen werden freiwillig übernommen. So ist es den Spielerinnen und Spielern letztlich selbst überlassen, wie sie ihre Rolle "spielen". "Das Verhalten eines Teilnehmers eines Planspieles (ist) durch seine eigenen theoretischen Kenntnisse und praktischen Erfahrungen sowie durch die Interaktion mit den anderen Teilnehmern bestimmt." Dadurch gewinnt das Spiel an Spannung und nicht vorhersehbaren Kommunikationsprozessen und -situationen.

Bisher gab es daher in den durchgeführten Planspielen unter Jugendlichen noch kein ernsthaftes Problem mit der Rollenübernahme. Häufig haben jedoch Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ihre Schwierigkeit bei der Rollenausübung; die Gründe liegen vor allem in der sofortigen Übernahme der Meta-Reflexionsebene und Vorbehalte gegenüber dem spielerischen Ansatz.

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