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Dossierbild: Planspiele

1.4.2010 | Von:
Dr. Stefan Rappenglück

Mehrwert und Grenzen von Planspielen

Eine umfangreiche Evaluationsstudie[1] bestätigt die Vorteile des Einsatzes der Planspielmethode und die hohe Akzeptanz der Methode unter den Teilnehmenden. Die hohe Akzeptanz ist auf den hohen Grad selbstständigen Lernens, des handlungsorientierten Ansatzes sowie der Vermittlung des "Politischen" zurückzuführen, die in dieser Intensität im konventionellen Unterricht bisher nur eingeschränkt realisiert werden.

Diese allgemeine Einschätzung wird u. a. durch qualitative Einzelaussagen von Teilnehmern bestätigt:
"Es vermittelt einen guten lebendigen Eindruck von dem Kräftespiel innerhalb der Institutionen und wie Demokratie und Kompromisssuche eng verknüpft sind."

Trotz notwendiger didaktischer Reduktion kann durch die Planspielmethode sehr gut die Komplexität politischer Prozesse vermittelt und nachvollzogen werden. Die Teilnehmenden haben ein Gefühl für die innerhalb des Politikfeldes ablaufenden schwierigen Entscheidungsprozesse und den damit verbundenen Faktoren – wie Kompromisse, Irritationen, Emotionen) entwickeln können - sie haben erfahren "wie ein Politiker handeln und bestimmen zu können." (O-Ton einer Schülerin). Durch die Simulation wird ein zum Verständnis politischer Handlungen notwendiges Institutionenverständnis geweckt, weil der Ablauf des Planspieles den realen Entscheidungsabläufen "nachgebildet" wird.

Beim Einsatz von Planspielen müssen jedoch auch die Grenzen der Methodik reflektiert werden. In der Planspieldurchführung wird die Realität oft durch die Scheinrealität des Modells sowie ein wirklichkeitsfremdes Scheinhandeln "verzerrt". Das Planspiel kann das Original nicht ersetzen, weil die Aktionen im Spiel Ersatzhandlungen bleiben. Auch wenn Planspiele oft erstaunlich "realistisch" sind, sollte bedacht werden, dass Simulationen oft idealisierte Situationen zeigen und das Original immer unübersichtlicher und komplizierter ist.

Die Erfahrung des politischen Prozesses und Verhandlungen ist sehr eindringlich:
"Eine tolle Methode, einen Aspekt der Politik, in den man normalerweise keinen Einblick bekommt, nachzuempfinden."

Von jungen Menschen wird ausdrücklich das Abstimmungsprozedere, die Verhandlungsbereitschaft, die Kompromissfindung sowie Konfliktbewältigung als Schlüsselerfahrungen genannt.

Werden politische Themen von den Jugendlichen meist als theoretisch, uninteressant, langweilig und nicht alltagsrelevant empfunden, betont die große Mehrheit der Teilnehmenden, das Planspiele Spaß machen und einen lebendigen Eindruck politischer Entscheidungsprozesse vermitteln. Durch eine bewusste Auseinandersetzung mit Rollen politischer Akteure und der Möglichkeit, politisch-strategisches Denken anzuwenden, wird die Partizipationseinsicht und -fähigkeit gestärkt.

Die Evaluierungen zeigen zudem, dass Jugendliche spontan Rollen übernehmen, in kürzester Zeit mit einer Vielzahl von Themen und Politikfeldern umzugehen lernen und sich mit politischen Prozessen beschäftigen. Mit der Rollenübernahme beziehungsweise - Rollendistanz werden soziale Lernziele wie die Bereitschaft zum Perspektivenwechsel, die Bewahrung vor zu schneller Parteinahme und die Fähigkeit zum rationalen Urteil und Handeln in einem hohen Maße erreicht. Durch die Vermittlung von Kenntnissen über die tatsächlich vorhandenen Einflusschancen und Beteiligungsmöglichkeiten am politischen Willenbildungs- und Entscheidungsprozess werden kognitive und prozedurale Kompetenzen geschult.

Fazit

Planspiele werden den besonderen Anforderungen der politischen Jugend- und Erwachsenenpädagogik gerecht: sie fördern kooperativen und selbstorganisiertes Lernen und entsprechen vorrangigen didaktischen Prinzipien (u. a. Handlungsorientierung und Teilnehmerorientierung).

Aufgrund der Spielbereitschaft Jugendlicher sollten Planspiele möglichst früh in schulischen und außerschulischen Lernorten zum Einsatz kommen.

Um die Lernziele optimal zu erreichen und eine intensive Spieldynamik zu ermöglichen, muss für das Planspiel genügend Zeit einkalkuliert werden. Dies gilt erst recht beim Einsatz der Planspieltechnik im interkulturellen Bereich, damit kulturelle Unterschiede anschließend bewusst auf der Meta-Ebene thematisiert werden können.

Zukünftig sollten verstärkt PCs zur Unterstützung von Planspielen herangezogen werden. Damit würden die Stärke der relativ schnellen Beschaffung und Informationsverarbeitung genutzt werden können, ohne dass die sozialen Interaktionen als wesentliches Element politischer Entscheidungen vernachlässigt werden.

Fußnoten

1.
Vgl. ausführlich: Rappenglück, Stefan: Europäische Komplexität verstehen lernen. Schwalbach 2004.
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