Dürre im Südwesten Chinas

31.7.2007

M 05.09 Verhalten ändern für den Klimaschutz?!

"Spaßbremser will niemand sein": ZEIT-Interview zum Thema menschliches Verhalten mit dem Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen Birger P. Priddat.

Zur Person:
Prof. Dr. Birger P. Priddat ist Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph und seit Juli 2007 Präsident der Privaten Universität Witten/Herdecke.

DIE ZEIT: Die wachsende Angst vor der Erderwärmung beschert den Bürgern derzeit eine Flut von Energiespartipps. Werden die Deutschen jetzt zu einem Volk von Klimaschützern?

Birger P. Priddat: Natürlich nicht. Würden die Menschen sich solche Tipps und Ermahnungen zu Herzen nehmen, müssten sie ihr Konsumverhalten kritisch reflektieren. Aller Erfahrung nach tun die meisten das aber nicht, selbst wenn sie abends in der Kneipe viel darüber reden. Denken Sie nur an die fast regelmäßigen Lebensmittelskandale: Viele Leute sagen dann, sie würden weniger Fisch oder Fleisch essen. Tatsächlich tun sie es vielleicht zwei Wochen lang. Wenn sich die öffentliche Aufregung gelegt hat, kehren die meisten zu ihren alten Konsumgewohnheiten zurück.

ZEIT: Die meisten?
Priddat: Die große Welle verebbt schnell. Nur zehn, fünfzehn Prozent beginnen, ihr Verhalten zu ändern und reflektierter zu konsumieren.

ZEIT: Immerhin.
Priddat: Ja, längerfristig hat diese Minderheit zum Beispiel dafür gesorgt, dass etwas mehr Qualitätsbewusstsein in die Nahrungsgewohnheiten der Deutschen gekommen ist. Teurere Biowaren gibt es inzwischen sogar bei Aldi und in vielen Supermärkten.

ZEIT: Können die Ratschläge in puncto Klimaschutz also doch etwas bewirken?
Priddat: Mag sein. Ich warne nur davor, auf schnelle Erfolge zu hoffen. Der Klimaschutz hat es zwar jetzt in die Schlagzeilen der Zeitungen geschafft; er bestimmt aber noch längst nicht das Verhalten der Millionen Autofahrer oder Hausbesitzer.

ZEIT: Warum nicht?
Priddat: Unter anderem deshalb, weil es oft um sehr komplexe Entscheidungen geht, zum Beispiel um die Wärmedämmung von Häusern. Da stehen ganz andere Summen auf dem Spiel als die paar Euro, die mehr ausgeben muss, wer Biolebensmittel kauft. Beim Klimaschutz allein auf individuelle Verhaltensänderungen zu setzen halte ich deshalb für ziemlich gewagt. Wenn allerdings staatliche Anreize hinzukommen und wenn sich ein kollektives Bewusstsein dafür entwickelt, dass man sogar die Welt verbessern kann, wenn man Heizenergie spart und weniger für Strom ausgibt, dann bin ich langfristig gar nicht so pessimistisch.

ZEIT: Repräsentativen Umfragen zufolge wollen neun von zehn Deutschen weniger Strom verbrauchen, mehr als die Hälfte will sogar auf Flugreisen verzichten, um das Klima zu schonen. Sind das nur Lippenbekenntnisse?
Priddat: In dem Moment, in dem die Menschen solche Ansichten äußern, sind sie selbstverständlich davon überzeugt. Jeder glaubt, ein vernünftiger Mensch zu sein, und gibt entsprechende Bekenntnisse ab. Aber wenn es dann tatsächlich gilt, sich für ein Ferienziel zu entscheiden, wenn es um die Alternative geht, mit der Bahn an die Ostsee oder mit dem Flugzeug nach Mallorca zu reisen, spielen plötzlich ganz andere Faktoren eine Rolle.

ZEIT: Bei der Mülltrennung haben die Deutschen doch auch bewiesen, dass sie ihr Verhalten ändern können, wenn es der Umwelt nutzt.
Priddat: Das kann man wohl sagen. Allerdings müssen wir uns mittlerweile doch eher fragen, warum wir dieses Verhalten noch beibehalten; moderne Sortieranlagen erledigen die Arbeit viel besser als Menschen.

ZEIT: Es geht vielleicht um das Ökogewissen.
Priddat: Die häusliche Abfallwirtschaft hat sich tatsächlich zu einer Art Büßerecke entwickelt. Wer den Müll unter den Augen seiner Nachbarn trennt, lebt in dem Bewusstsein, etwas Gutes getan und seine ökologische Schuld abgetragen zu haben. Zu jeder Religion gehören zeremonielle Akte; die Mülltrennung ist die Zeremonie der Ökoreligion.

ZEIT: Warum nicht, wenn es der Sache dient?
Priddat: Einverstanden. Aber eine Zeremonie für, sagen wir, Klima schonendes Autofahren gibt es nicht. Wer behutsam aufs Gaspedal tritt, kann sein Gewissen nicht entlasten, weil er dabei nicht unter kollektiver Beobachtung steht.

ZEIT: Jeder kann sich beim nächsten Autokauf für ein sparsames Modell entscheiden, für das ihn seine Nachbarn bewundern können.
Priddat: Wissen Sie, was mir neulich ein Automanager gesagt hat? Der ungebrochene Hang zu großen Autos hinge damit zusammen, dass alle glauben, demnächst seien solche Autos sowieso tabu. Trifft diese Beobachtung zu, hätte sich heute schon eine Art Endzeitstimmung ausgebreitet und das Verhalten der Autokäufer wäre ein quasi paradoxer Effekt des Ökodiskurses. Nach der Devise: Ein letztes Mal mit 300 PS über die Autobahn rasen.

ZEIT: Können Politiker oder Prominente das Verhalten von Menschen beeinflussen, indem sie mit gutem Beispiel vorangehen?
Priddat: Politiker sicherlich nicht. Der Politik traut man zwar vieles zu, aber kaum noch Vorbildlichkeit. Wenn allerdings Identifikationsfiguren wie Schauspieler oder Sänger sich für den Klimaschutz stark machen, kann das schon Wirkung haben - vorausgesetzt, es geht nicht gegen den Lifestyle. Das beste Beispiel dafür ist die Wellnesswelle. Mehr Bewegung, kluges Essverhalten, nicht rauchen: Da ist eine Menge geschehen, auch durch das Beispiel von Vorbildern. Wenn deren Identifikationsqualität hoch genug ist, kann vieles in Bewegung kommen. Sie zu engagieren kostet allerdings viel Geld, und das investiert nur, wer eine Marke auf dem Ökomarkt platzieren möchte, zum Beispiel ein besonders sparsames Auto.

ZEIT: Der einzelne Verbraucher weiß genau, dass sein individueller Beitrag zur Erderwärmung verschwindend klein ist und er deswegen getrost den Trittbrettfahrer spielen kann.
Priddat: Deshalb wird er sein Verhalten auch nur ändern, wenn sein soziales Umfeld die Sache wichtig nimmt. Das reicht aber nicht, hinzu kommen muss ein monetärer Anreiz. Zum Beispiel die Gewissheit, dass ein sparsames Auto oder ein Elektrogerät mit nur geringem Stand−by−Verbrauch sein Budget um eine bestimmte Summe entlastet.

ZEIT: Das hat sich doch herumgesprochen.
Priddat: Wirklich? Unabhängig davon bewirken monetäre Anreize allein auch wenig, wenn sie zulasten des Status und der Reputation gehen. Sparen gilt dann schnell als kleinlich und knauserig, als ein Vorgang, der Lebensfreude kostet und wie eine Spaßbremse wirkt. Spaßbremser will aber heute niemand gern sein. Klimaverträgliches Verhalten ist eben das Resultat einer ganzen Reihe von Einflussfaktoren. Es muss ökonomisch attraktiv sein. Es muss sozial attraktiv sein. Und es muss zum Lifestyle passen. Allein die Inflation der guten Tipps bewirkt nicht viel.

Aus: Die Zeit (Hrsg.): Spaßbremser will niemand sein, ZEIT-Interview von Fritz Vorholz mit dem Ökonomen Birger P. Priddat, 22.03.2007 Nr. 13.