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Fahnen der EU-Mitgliedsländer wehen am Eingang zum Europaparlament in Strassburg

3.4.2014

M 02.04 Eine Meinung zur EU: Europäische Union - Was habe ich denn davon?

Ich erinnere mich: Als ich ein kleiner Junge war, bin ich noch mit dem Zug durch eine Ruinenlandschaft gefahren, wenn wir zur Oma in die Innenstadt von Hamburg fuhren. Zwei Onkel sind im Krieg als Soldaten gefallen. Die Familie meiner Tante ist durch Bomben umgekommen. Unsere Nachbarn hatten die halbe Familie und alles, was sie besaßen, auf der Flucht vor der russischen Armee verloren. Ich lebe seit 60 Jahren im Frieden, eine so lange Zeit des Friedens hat es in Deutschland noch nie gegeben. Das ist nicht allein der EU zu danken, aber sicherlich auch der Europäischen Einigung, die eben alles durch Kompromiss und Verhandlungen löst oder zu lösen sucht und nicht durch Streit und Gewalt. Problemen wie Konflikte um Energie oder die Bedrohung durch Terrorismus oder die internationale Kriminalität lässt sich am besten gemeinsam begegnen; und bei Krisen in anderen Teilen der Welt kann man auch nur gemeinsam etwas bewirken. Was war das früher kompliziert: an jeder Grenze neues Geld, die Pässe kontrollieren oder stempeln zu lassen und bloß nichts an Waren mitnehmen, was nicht erlaubt war; und was gab es an kleinlichen Schikanen. Einmal verbot uns ein belgischer Grenzbeamter die Grenze aus Belgien nach Deutschland zurück zu überqueren, weil wir kein D-Kennzeichen am Auto hatten. In Deutschland braucht man das Schild nicht, aber wir waren ja noch 20 Meter auf belgischem Gebiet. Ins Land hineingelassen hatten sie uns verbotenerweise ohne das Schild. Das ist gerade 40 Jahre her. Wie einfach ist das heute alles geworden: kein Zoll, keine Kontrollen. Man merkt überhaupt nur, dass man auf einer Straße die Grenze überquert und in Frankreich ist, weil plötzlich an einem Brotladen nicht Bäckerei steht, sondern Boulangerie. In der EU leben [heute 500 Millionen]* Menschen. Das ist der größte Wirtschaftsraum der Welt. Als ich ein Junge war, hatten die wenigsten Menschen ein Telefon, Autos hatten nur ziemlich reiche Leute, und in zwei Zimmern wohnten oft sechs Personen. Auch heute gibt es Armut, aber das ist mit damals nicht zu vergleichen. Deutschland ist dank der EU eine der stärksten Wirtschaftsnationen und besonders stark im Export in seine EU-Nachbarn.

Wenn wir diese Gemeinschaft nicht hätten, sähe es wohl finster um unseren Export aus und damit auch um unsere Arbeitsplätze. Zwei Drittel** unserer Exporte gehen in andere EU-Länder, wobei die europaweite ungehinderte Konkurrenz zu günstigen Preisen für die Verbraucher führt. Natürlich hätte sich die Wirtschaft auch ohne die EU entwickelt, aber eben nicht so schnell und nicht so stark. Der gemeinsame Binnenmarkt hat Europa nie gekannten Wohlstand beschert bis hin zu Ländern, die früher sehr arm waren wie Irland und Portugal.

Vieles hat sich gegenüber früher verbessert. Wie sollten wir wohl heute allein Klimaschutz betreiben, die internationale Kriminalität, den Terrorismus, den Hunger in der Welt bekämpfen oder internationale Standards für Verbraucherschutz oder Lebensmittelsauberkeit durchsetzen? Bei allen Skandalen, die es immer mal wieder gibt, so saubere und so gut kontrollierte Lebensmittel haben wir noch nie in der Geschichte gegessen und so sauberes Wasser haben wir noch nie getrunken. Wir Deutsche zahlen zwar in den großen EU-Topf sehr viel ein, aber wir haben eben auch sehr wertvolle Handelsvorteile durch die EU, die uns sehr viel Geld einbringen. Außerdem bekommen wir, obwohl wir im Verhältnis zu anderen EU-Staaten ziemlich reich sind, in Deutschland für die weniger entwickelten Gebiete im Land viel Geld von Brüssel.

Deutschland ist zurzeit sogar der [fünftgrößte]** Empfänger in der EU von Strukturhilfen aus dem gemeinsamen Topf. Das ist Geld für Straßen, Bahnlinien, Tourismusprojekte, Kindergärten usw. in Gegenden, die sich noch nicht so gut entwickelt haben. In den letzten sieben Jahren haben außerdem mehr als vier Millionen Deutsche an Bildungsprogrammen der EU teilgenommen. Davon waren über eine Million Jugendliche. Viele Grenzen sind für uns weggefallen. Wir können ohne besondere Hindernisse überall in der EU hinreisen, wir können überall problemlos wohnen, wir können überall eine Ausbildung machen oder arbeiten. Gut ausgebildete deutsche Arbeitskräfte sind gern gesehen. Die EU-Staaten erkennen gegenseitig die Schulabschlüsse und die meisten Berufsausbildungen an. Wir sind sehr mobil geworden, das Arbeiten im europäischen Ausland ist normal. In Paris wohnen und arbeiten mehr als 30.000 Deutsche. Der Euro macht es leicht, in den Ländern der EU, die ihn schon eingeführt haben, Handel zu treiben, als Verbraucher auch aus der Ferne einzukaufen oder auch als Tourist die Preise zu vergleichen und zu bezahlen. Der Wegfall der verschiedenen Währungen macht die Waren billiger und das Leben einfacher. Natürlich gibt es bei einer so bedeutsamen und schwierigen Entwicklung Probleme. Wird in Brüssel nicht zu viel entschieden? Gibt es nicht zu viele Agenturen und Organisationen? Denken die Staaten nicht zu oft nur an den eigenen Vorteil? Gibt es in einigen der neuen Mitgliedsstaaten nicht viel zu viel schädlichen Nationalismus, um mit einer Stimme zu sprechen und entsprechend Gewicht zu haben? Es gibt viele Fragen. Aber wenn ich zurückdenke, wie es war, als ich vor über 50 Jahren ein Junge war, dann bin ich sofort ein für die Gemeinschaft engagierter Europäer.

Aktualisierungen: * Aktueller Stand 2014 ** Im Jahr 2012 lag der Export in EU-Mitgliedsstaaten bei 57%, also nur knapp zwei Drittel. Quelle:http://www.bmwi.de/BMWi/Redaktion/PDF/F/fakten-zum-deutschen-aussenhandel-2011 (02.03.2014) *** Beim Verfassen des Artikels 2007 war Deutschland der viertgrößte Empfänger, für den Zeitraum von 2007-2013 ist Deutschland mittlerweile der fünftgrößte Empfänger von Strukturgeldern der EU.

Aus: Wolfgang Böge: Europäische Union – Was habe ich denn eigentlich davon, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Europäische Union. Themen und Materialien. Bonn: 2007, S. 44f.

Arbeitsaufträge:

  1. Schreibe die Gründe heraus, die der Verfasser angibt, warum er die Europäische Einigung für gut hält.
  2. Diskutiere mit deinem Sitznachbarn die genannten Gründe und beziehe begründet Stellung, ob du das genauso siehst.
  3. Optional: Frage deine Eltern und Verwandten, ob sie diese Einschätzungen teilen und was sie von der EU halten.


Das Arbeitsmaterial ist PDF-Icon hier als PDF-Dokument abrufbar.


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