Fahnen der EU-Mitgliedsländer wehen am Eingang zum Europaparlament in Strassburg

15.4.2014

M 04.1.04 Madrid Rom Dublin

In ganz Europa sind mehr denn je junge Menschen arbeitslos und abgehängt.

Xavier Bernat Rodés aus dem spanischen LleidaXavier Bernat Rodés aus dem spanischen Lleida (© Annika Müller)

Xavier Bernat Rodés, 25, Spanien

"Ich hatte eigentlich das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben", sagt Xavier Bernat Rodés. Noch vor wenigen Jahren war der 25-Jährige auf der Gewinnerseite. Er besaß ein Auto und eine Wohnung. Seine Freunde wohnten noch bei den Eltern und lernten für Prüfungen. Mit 16 hatte Xavier die Schule abgebrochen. Bei einer Straßenbaufirma konnte er damals aus dem Stand 180.000 Peseten im Monat verdienen, mehr als 1.000 Euro. Ein Jahr später bekam er bereits das Doppelte. Zusätzlich erledigte er einige Aufträge schwarz.

Doch seit zwei Jahren ist Xavier arbeitslos, wie 922.000 andere junge Spanier. In der Altersgruppe von 18 bis 24 Jahren sind mehr als die Hälfte auf der Suche nach einem Job, gab das Nationale Statistikamt Spaniens Ende April bekannt; die Zahlen von Eurostat (vgl. Mat. 4.1.01) liegen knapp darunter. Unter den Arbeitslosen sind Universitätsabsolventen ebenso wie gelernte Handwerker. Überdurchschnittlich stark betroffen sind jedoch die Niedrigqualifizierten. "Ich weiß, dass ich ohne Schulabschluss auch in den nächsten Jahren keine Chance haben werde", stellt Xavier nüchtern fest. Er ist wieder in sein Heimatdorf ins katalanische Pyrenäenvorland zurückgekehrt und lebt bei seiner Familie. In letzter Zeit hat er oft bedauert, kein Abitur gemacht und nicht studiert zu haben. "Aber es ergab für mich damals keinen Sinn. Ich habe bei vielen meiner Bekannten beobachtet, dass sie mit einer viel besseren Ausbildung weniger verdienten als ich".

Viele Jugendliche erlagen vor der Krise der Verlockung des schnellen Geldes, das man in Zeiten des Baubooms vor allem im Immobiliensektor und in den gigantischen Infrastrukturprojekten der Regionalregierungen verdienen konnte. Im Jahr 2007 betrug die Schulabbrecherquote 32 Prozent – selten handelte es sich dabei um Schulversager. Xavier war mitgeschwommen auf der Welle der Konsumfreude, die Spanien seit den neunziger Jahren erfasst hatte. Jetzt ist er überschuldet; sein Auto und die Wohnung in der Provinzstadt Lleida wurden von der Bank konfisziert.

Der junge Mann räumt eigene Fehler ein, fühlt sich aber in erster Linie betrogen. "Über die Risiken eines Kredits hat mit mir niemand gesprochen". Er tippt auf den Vertrag mit seiner Bank, die ihm die Wohnung verkaufte und im gleichen Zug den dafür nötigen Kredit gewährte. Viele Banken warben vor und sogar noch während der Krise offensiv für eine Kreditaufnahme und verliehen blind an jedermann Geld. Die Politiker unterstützten die wackligen Geschäfte. Schließlich beflügelte die großzügige Kreditvergabe das Wirtschaftswachstum. Regionale Politiker konnten am Immobiliengeschäft der staatlichen Sparkassen ordentlich mitverdienen.

"Ein völlig vergammeltes System", ärgert sich Xavier. "Kein Politiker oder Bankdirektor wurde für das Fehlverhalten zur Verantwortung gezogen. Im Gegenteil: Sie verdienen immer noch Millionen!". Er hingegen muss für seine Naivität teuer bezahlen: Er hat keinen Job, dafür aber 250.000 Euro Schulden.

Maila Coltelli, 30, Italien

Von der Dachterrasse eines besetzten Hauses in Rom blickt Maila Coltelli, 30, über die Dächer der Stadt. "Ich habe meine Karriere mit großer Zuversicht begonnen", sagt sie. Vor vier Jahren machte sie ihren Abschluss in angewandter Psychologie in Florenz. Ihr Professor versprach ihr eine Anstellung als Forscherin. In der Hoffnung auf einen festen Job arbeitete sie ein halbes Jahr ehrenamtlich im italienischen Forschungsinstitut CNR. Doch der Traum auf eine Festanstellung zerplatzte, die versprochene Stelle wurde nicht geschaffen. Das Institut musste sparen. Coltelli landete so – wie viele andere Akademiker in Italien auch – in der Arbeitslosigkeit. Die Zahl derer, die auch mit einem Studienabschluss keinen Job finden, steigt seit Jahren kontinuierlich. Derzeit ist jeder fünfte Absolvent arbeitslos. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei mehr als 30 Prozent. Doch Coltelli ließ sich nicht entmutigen. Sie absolvierte verschiedene Praktika in privaten Organisationen und Krankenhäusern. Zwei Jahre später bestand sie das Staatsexamen um Psychotherapeutin zu werden. "Ich war nun offiziell Psychologin", erzählt sie, "und zahlte der Psychologen-Kammer meinen Mitgliedschaftsbeitrag". Einen Job fand sie trotzdem nicht.

Sie studierte weiter: Eine einjährige Weiterbildung in Neuropsychologie und Neuropsychiatrie. Dazu kamen weitere unbezahlte Praktika. Sie zog nach Rom und bewarb sich bei einer Vielzahl von psychosozialen Einrichtungen. Der einzige Job, der ihr angeboten wurde, war als Tag- und Nachtpflegerin für behinderte Patienten in einer sozialen Genossenschaft. Dazu war sie aber nicht bereit: "Für diesen Job war ich überqualifiziert", sagt Coltelli. "Außerdem hätte ich für einen Mindestlohn arbeiten müssen. Das kam für mich damals nicht infrage. In Italien existiert trotz mehrerer Reformversuche so gut wie keine Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Unternehmen, die den Studierenden auf den Weg in die Berufswelt helfen könnte. Viele Absolventen stolpern deshalb völlig unvorbereitet in die Arbeitswelt. Vor sechs Monaten hat Coltelli nun eine Stelle angenommen. Sie arbeitet in einem Call-Center und verkauft für sechs bis acht Stunden am Tag Internetzugänge. Viele ihrer Kollegen sind ebenfalls Akademiker: Literaturwissenschaftler, Philosophen, Ökonomen und Architekten ohne Aussicht auf einen passenden Job.

Wie viel man verdient, hängt davon ab, wie viele Verträge man am Ende des Monats abgeschlossen hat. Wer Pech hat, geht nach über hundert Stunden Arbeit mit nur 200 Euro nach Hause. Ablehnen konnte sie die Stelle diesmal nicht, sie braucht einfach das Geld. "Mit den Wucher-Mieten in Rom kann ich mir keine normale Wohnung leisten", sagt Coltelli. Doch in dem besetzten Haus, in dem sie lebt, gefällt es ihr. "Eins habe ich gelernt", sagt sie, "aus jeder Situation das Beste zu machen."


Sally Robinson, 23, Irland

Sally sei eine ausgezeichnete und kreative Friseurin, bescheinigt ihr die Tante, und die muss es wissen: Sie ist selbst Friseurin. Sally Robinson hat bei ihr schon als 16-Jährige in den Schulferien ausgeholfen. Jetzt ist sie 23 und arbeitslos. Nach dem Abitur an einer katholischen Nonnenschule hätte sie studieren können, vielleicht etwas in Richtung Musik, denn sie ist eine hervorragende Klavierspielerin und hat in diesem Fach sechs Zwischenprüfungen bestanden. Aber sie wollte gleich Geld verdienen und begann eine Friseurlehre. Als einer der angestellten Friseure sein eigenes Geschäft aufmachte, ging sie mit. Doch einen Monat vor ihrer Lehrprüfung entließ der Eigentümer sie. Stattdessen stellte er eine Anfängerin ein, denn er hätte Robinson nach Abschluss ihrer Lehre mehr bezahlen müssen.

Seitdem bekommt sie Sozialhilfe, wie so viele aus ihrer Generation. Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Irland doppelt so hoch wie der nationale Durchschnitt der Arbeitslosigkeit insgesamt, sie liegt bei fast 30 Prozent.

Fast 700.000 Menschen leben unter der Armutsgrenze – bei knapp vier Millionen Einwohnern. Das sind 90.000 mehr als noch vor zwei Jahren. Und wenn nicht so viele auf das traditionelle Mittel der Auswanderung zurückgriffen, wäre die Zahl noch höher. In den vergangenen zwölf Monaten sind mehr als 40.000 Iren emigriert, vor allem junge Leute.

Für Robinson kommt das nicht infrage. "Ich würde gerne ein Jahr herumreisen", sagt sie, "aber für immer weggehen könnte ich nicht. Dafür hänge ich zu sehr an meinen Eltern, meinen Freunden und an Dublin." Lediglich eine ihrer Freundinnen ist ausgewandert, sie will aber spätestens nach fünf Jahren wieder nach Irland zurückkehren.

Robinson wohnt noch in ihrem Elternhaus, ihr Freund lebt bei seinen Eltern. Eine eigene Wohnung oder gar ein Haus können sie sich nicht leisten. Dennoch ist sie optimistisch. Im Herbst will sie ein Studium als Erzieherin an einer Fachhochschule beginnen. Dann ist sie 23, und dann entfallen im Rahmen des staatlichen Back-to-school-Programms die Studiengebühren, und sie bekommt weiterhin Sozialhilfe. "Ich hoffe, dass ich einen Job bekomme, wenn ich mit dem Studium fertig bin", sagt sie. "Zurzeit gibt es jedenfalls noch Bedarf an Erziehern und wenn sich das nicht wegen des drastischen Sparprogramms der Regierung ändert, müsste es eigentlich klappen."


Aus: Karin Finkenzeller, Annika Müller, Fabio Ghelli, Ralf Sotschek: "Jung, Europäer, chancenlos", ZEIT ONLINE vom 16.5.2012 http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-05/jugendarbeitslosigkeit-europa-portraets (Abruf vom 20.3.2014)

Arbeitsaufträge:

  1. Zeigt anhand der drei Fälle aus Spanien, Italien und Irland, wie Jugendliche arbeitslos werden und was sie tun, um ihre Situation zu verbessern.
  2. Tragt in das Auswertungsplakat stichwortartig ein, a) wie Jugendliche von Arbeitslosigkeit betroffen sind und b) welche Folgen die schlechte Situation am Arbeitsmarkt für diese Jugendlichen hat?
  3. Was sollten die Jugendlichen eurer Meinung nach tun?


Das Arbeitsmaterial ist PDF-Icon hier als PDF-Dokument abrufbar


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