Fahnen der EU-Mitgliedsländer wehen am Eingang zum Europaparlament in Strassburg

1.10.2008

ME 05.06 Warum die Jugend die Parteien meidet

Die Probleme der Mitgliederwerbung speziell bei jüngeren Menschen stehen im Mittelpunkt dieses Textes. Das hohe Alter der Mitglieder und schwierig zu vermittelnde Reformen verstärken die "Vergreisung" der Parteien.

Die CDU muss unter einem ganz besonderen Druck stehen. Um neue und vor allem junge Mitglieder zu gewinnen, wirbt die Partei auf ihrer Internetseite ausgerechnet mit jahrzehntealten Schwarz-Weiß-Fotos ihrer Spitzenpolitiker. So lächelt ein junger Roland Koch schelmisch in die Kamera, der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt wirbt mit seinem Hochzeitsfoto, und Günther Oettinger präsentiert sich im sportlich-dynamischen Fussballdress. Wie erfolgreich die CDU-Kampagne "Farbe bekennen. Mitglied werden" bei den Bürgern tatsächlich ist, will die Partei nicht verraten. Nur eines ist sicher: Der CDU laufen, wie anderen Parteien auch, die Mitglieder weg, und sie leidet unter einer hohen Altersstruktur.

Zwischen 1995 und 2005 verlor die CDU rund 13 Prozent ihrer Mitglieder. Bei der SPD waren es sogar 23 Prozent. Ein SPD-Mitglied ist im Durchschnitt 57 Jahre alt. Bei der CDU liegt das Durchschnittsalter bei 56,2 Jahren.

Die Gründe für den Mitgliederschwund sind vielfältig. Unpopuläre Projekte wie die Agenda 2010 kosten nicht nur Wählerstimmen, sondern wirken sich auch negativ auf die Mitgliederzahlen aus. Daneben gibt es eine generelle Abkehr von Großorganisationen. "Das betrifft nicht nur die Parteien, sondern auch die Kirchen und die Gewerkschaften", sagt der Politologe Oskar Niedermeyer vom Otto-Stammer-Zentrum der Freien Universität Berlin. "Ich warne davor, den Parteien den Schwarzen Peter zuzuschieben", so der Politikwissenschaftler.

Immer weniger Menschen wollen sich langfristig an eine Organisation binden. Die alten Sozialmilieus brechen weg, die Partei muss dem Bürger nicht mehr die Welt erklären. Weniger Parteimitglieder bedeutet nicht automatisch Politikverdrossenheit der Bürger. Viele Menschen seien organisationsmüde. "Es gibt inzwischen einfach viele Möglichkeiten, sich politisch zu engagieren", sagt FDP-Bundesgeschäftsführer Hans-Jürgen Beerfeltz.

Organisationen wie Greenpeace, Attac oder Bürgerinitiativen bieten Mitwirkungsformen, die sich politische Parteien mit ihren festen Strukturen vielfach nicht leisten können. Vor allem junge Menschen scheuen die Ochsentour durch die Parteien, wollen sich kurzfristig engagieren, Spaß haben und schnell gestalten können.

Und so sind es meist die unter 30-Jährigen, die der Parteipolitik den Rücken kehren oder gar nicht erst zu ihnen kommen. Zwischen 1995 und 2005 belief sich der Anteil der unter 30-Jährigen in der CDU auf durchschnittlich gut sechs Prozent. In der SPD hat sich der Prozentsatz von zehn Prozent Anfang der 90er- Jahre auf knapp sechs Prozent im Jahr 2005 fast halbiert.

Das Problem haben auch die Parteien erkannt und deshalb die Barrieren für den Parteieintritt verringert. Immer öfter bieten sie Schnupper- und zeitbegrenzte Mitgliedschaften sowie projektbezogene Mitarbeit an. Die klassische Mitgliederwerbung per Brief, Flugblatt und Infobroschüren geht zurück. Der gute alte Infostand in der Fußgängerzone hat ausgedient. Auch bei den Mitgliedsbeiträgen kommen die Parteien Interessierten entgegen. Internetforen und Chaträume auf den Webseiten der Parteien werden immer wichtiger.

"Unsere Homepage hat im Vergleich zu denen der anderen Parteien die höchsten Besuchswerte", sagt der FDP-Bundesgeschäftsführer Hans-Jürgen Beerfeltz. 50 Prozent der FDP-Neumitglieder werden inzwischen über das Internet rekrutiert. Die SPD startete eine "Dialogkampagne". "Wir wollen bis Mitte 2008 zehn Prozent neue Mitglieder gewinnen", sagt Martin Gorholt, Bundesgeschäftsführer der SPD.

Die Zukunftsprognosen sind nach Auffassung der Parteienforscher für die Parteien günstig. Während die individualisierte Gesellschaft den Bürger eher allein gelassen habe, sehnten sich die Menschen wieder verstärkt nach Bindungen und Werten, an denen sie sich orientieren und festhalten können.

Aus: Hamburger Abendblatt, Warum die Jugend die Parteien meidet, 12.04.2007, http://www.abendblatt.de/daten/2007/05/12/739378.html (30.07.2008).

Arbeitsaufträge:

  1. Aus welchen Gründen meiden Jugendliche die Parteien?
  2. Welche Aktivitätsformen sind bei Jugendlichen beliebter? Begründe.


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