Fahnen der EU-Mitgliedsländer wehen am Eingang zum Europaparlament in Strassburg

1.10.2008

ME 05.07 Politik? Nö!

In diesem Text wird dargestellt an welchen Symptomen sich das "unpolitisch" sein der Jugendlichen festmachen lässt und welche Strategien Politiker bemühen um die "Null-Bock-Generation" für ihre Politik zu interessieren.

Wie muss ein Politiker aussehen, der Chancen bei der Jugend hat? Da wird der Politikunterricht in Klasse elf zur Bastelstunde: "Nicht so einen Großvater", wünscht sich ein Schüler. "Er muss Spaß haben an dem Job und darf nicht nur an die große Kohle denken", erwartet ein anderer. "Und er müsste mal richtig reinhauen da in Bonn, das Ruder herumreißen, damit wir überhaupt noch eine Zukunft haben."

Sie verlangen viel von der Politik, die 16- und 17-jährigen am Kölner Friedrich-Wilhelm-Gymnasium. Aber geben wollen sie nichts. Weder Zeit ("Ich hab echt was Besseres zu tun, als mich mit Politik zu beschäftigen") noch Vertrauen ("Iiih, Jusos und Junge Union, das sind doch diese Propagandagrüppchen") – schon gar nicht ihre Stimme, selbst wenn sie, wie ihre niedersächsischen Altersgenossen, bereits wählen dürften.

Als "absolut unpolitisch" verurteilten 45 Prozent der Lehrer bei einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach ihre Schüler. Und für "alarmierend" hält der Wahlforscher Joachim Hofmann-Göttig, dass Erstwähler bei sämtlichen Wahlen in jüngster Zeit prozentual die wenigsten Stimmen abgaben. Der Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Jugendministerium, der sich seit Jahren mit jugendlichen Nichtwählern beschäftigt, ist überzeugt: "Bei den Jüngeren degeneriert die Wahlausübung zum Minderheitenritual."

Besonders wahlmüde zeigten sich bei der Kommunalwahl in Niedersachsen am vorvergangenen Wochenende indessen nicht 16- oder 17-jährige Erstwähler, sondern die 18- bis 25-jährigen. Seit Jahrzehnten wird diese Altersgruppe regelmäßig von Allensbach gefragt: "Interessieren Sie sich für Politik?" Stets antwortete ein zunehmender Anteil von Jugendlichen mit "Ja". Doch Anfang der Achtziger kippte der Trend. Bei jungen Männern sank das Interesse von 59 auf 46 Prozent, bei jungen Frauen von 31 auf 25 Prozent. Warum? Weil sie "materialistische Hedonisten" sind, wie es der Speyerer Soziologe Helmut Klages formuliert: nur am Mehr im Hier und Jetzt interessiert? Weil ihnen ihre Turnschuhmarke wichtiger ist als Parteiprogramme?

Auch die Gymnasiasten in Klasse elf besitzen die richtigen Klamotten – doch viele tragen die rote Aids-Schleife dazu. "Wir haben von Politik keine Ahnung", sagen sie – und beklagen im gleichen Atemzug, dass das CO2-Abkommen nicht eingehalten wird, dass sich der Globus weiter erwärmt und dass sich die Industrie vor Mehrwegverpackungen drückt. Alles keine Politik? "Nö, Politik, da geht's doch meistens um Steuern und so".

Was Jugendlichen wirklich nahe geht, hat die Universität Bielefeld erkundet: "Emotional geladene Themen", hat der Leiter der Forschungsgruppe, Klaus Hurrelmann, herausgefunden. An erster Stelle rangiere die Umweltzerstörung, dahinter der Krieg, an dritter Stelle die Benachteiligung der Dritten Welt, schließlich Armut und Arbeitslosigkeit. 40 Prozent der Jungendlichen gaben zu Protokoll, dass keine Partei auf diese Fragen eine Antwort habe.

Am wenigsten vertrauen sie der SPD. Ihr drohte, warnt der Mainzer Wahlforscher Hofmann-Göttig, ein "langfristiger Vertrauensverlust in den nachwachsenden Generationen". Bei der niedersächsischen Kommunalwahl – wie schon bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg – wählten erstmals mehr Erstwähler grün als SPD. Jetzt soll der 106jährigen Partei, deren Mitglieder fast zur Hälfte über 50 sind, ein jüngeres Image verpasst werden: In 37 Jugendblättern, von "Bravo" bis "Metal Hammer", werben junge Genossen als "Love-Sozi" und "Ethno-Sozi" für die alte Tante SPD, die schleswig-holsteinischen Genossen beschlossen gar eine "Jugendquote": Bei Kommunalwahlen muss künftig jeder zehnte Kandidat unter 35 sein. Doch die allzeit skeptischen Kids durchschauen Anbiederungsmanöver sofort: "Neulich war Rita Süssmuth beim 'Bravo'-Jubiläum eingeladen", schäumt die Kölner Schülerin Sonja, "und hat glatt behauptet, sie stehe auf Take That". Das fand die 16-jährige ("für wie naiv hält die uns eigentlich"?) "echt arm". Im baden-württembergischen Ravensburg luden Lokalpolitiker alle Volljährigen ihrer Stadt zu Kultur und Schnittchen ein. Bürgermeister, Stadträte und Gewerkschafter erschienen fast vollzählig. Doch nur 40 Jungwähler fanden den Weg zum "18er-Treff".

Das benachbarte Weingarten hingegen setzt seit 1985 auf den "Jugendgemeinderat". Alle Schüler ab Klasse acht dürfen (Beteiligung 95 Prozent) 33 Jugendgemeinderäte wählen. Die tagen alle zwei Monate unter Vorsitz des Oberbürgermeisters, der die Beschlüsse anschließend dem "richtigen" Gemeinderat vorschlägt. Zum Beispiel, dass in den Schulen nur noch Glasverpackungen verwendet werden oder dass eine Inline-Skate-Bahn eingerichtet wird. Die Parlamente en miniature – 40 gibt es allein in Baden-Württemberg – gelten als letzter Schrei in Sachen Jugendpolitik. Doch Norbert Brugger vom Städtetag des Landes warnt vor Euphorie: "Man erreicht vor allem die, die eh schon interessiert sind". Im Zweifelsfall wenige: "In Gaggenau wurden alle Jugendlichen per Postwurfsendung befragt, ob sie ein Jugendparlament wollen – nur 1 Prozent hat überhaupt geantwortet".

In Köln dürfen die Jugendlichen demnächst richtig Parteitag spielen: Die SPD ruft für November zum "Dialog mit der Jugend". Es könnte ein Monolog werden. Denn Parteiveranstaltungen, weiß das Deutsche Jugendinstitut, finden nur 27 Prozent der Jugendlichen spannend. 77 Prozent würden lieber Unterschriften sammeln, 65 Prozent demonstrieren und 35 Prozent an einem Boykott teilnehmen.

Aus: Ursula Ott: Politik? Nö!, in: Die Woche, 27.09.1996.

Arbeitsaufträge:

  1. An welchen Symptomen kann man erkennen, dass sich viele Jugendlichen nicht für Politik interessieren?
  2. Überlege was unter dem Begriff materialistische Hedonisten zu verstehen sein könnte? Ziehe ein Wörterbuch zu Rat.
  3. Was versuchen die etablierten Parteien gegen das Desinteresse zu unternehmen?
  4. Könnt ihr das beschriebene Verhalten der Jugendlichen in Hinblick auf Politik auch bei der Jugend von heute beobachten?


Interaktives Wahltool

Wahl-O-Mat

Seit 2002 gibt es den Wahl-O-Mat der bpb. Mittlerweile hat er sich zu einer festen Informationsgröße im Vorfeld von Wahlen etabliert. Hier erfahren Sie, wie ein Wahl-O-Mat entsteht und was seine Ziele sind. Im Archiv können Sie außerdem jeden Wahl-O-Mat der vergangenen Jahre noch einmal nachspielen.

Mehr lesen

Wer steht zur Wahl?
Parteiprofile

Wer steht zur Wahl?

Bei Bundestags-, Landtags- und Europawahlen bietet "Wer steht zur Wahl?" eine kompakte Übersicht: Welche Parteien treten an? Welche Positionen zeichnen die Parteien aus? Und was sind die Besonderheiten der einzelnen Parteien? Im Archiv finden Sie die Parteiprofile der vergangenen Wahlen.

Mehr lesen

Vom 22. bis 25. Mai 2014 wählen die Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union zum achten Mal das Europäische Parlament. Auf dieser Seite informiert die bpb unter anderem über die Hintergründe der Wahl, die zur Wahl stehenden Parteien und das Wahlverfahren.

Mehr lesen

Grafstat Logo Service
Wenn's Fragen gibt...

Grafstat Service

Für alle Fragen, die bei der Durchführung Ihres Projektes auftauchen, versucht das Team der Universität Münster eine Antwort zu finden - ganz gleich, ob Sie Fragen zur Software, zur Methodik oder zur Organisation Ihres Projektes haben.

Mehr lesen

Grafstat Logo Methoden
Meinungsforschung im Unterricht

Grafstat Methoden

Die Attraktivität des Unterrichtsfaches Politik/Sozialkunde kann in erheblichem Maße dadurch gesteigert werden, dass den Jugendlichen motivierende Aufgaben gestellt und Raum für Eigenaktivitäten geschaffen wird. Die unterrichtsmethodischen Vorschläge haben das Ziel, die methodischen Handlungsmöglichkeiten der Lehrperson deutlich zu erhöhen.

Mehr lesen