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1.10.2008

ME 05.10 Der Aufstand der Alten in der CDU

Dieses Material veranschaulicht die zu beobachtende Orientierung mancher Parteien an Themen, die für die Wahlentscheidung in einzelnen Wählerschichten relevant sind, sowie daraus resultierende Konflikte zwischen den verschiedenen Generationen einer Partei.

Der junge CDU-Abgeordnete Spahn (27) wird zunehmend unter Druck gesetzt. Er hat die geplante Rentenerhöhung kritisiert und soll jetzt dafür büßen: Die Partei macht gegen ihn mobil, seine Wiederwahl soll verhindert werden. Denn die CDU ist stark auf alte Wähler angewiesen.

Jens Spahn zog 2002 als jüngster Abgeordneter für die CDU in den Bundestag ein. [...] Der Jungpolitiker der CDU ist ein Kritiker der Rentenerhöhung – deswegen wollen die Alten in der Partei jetzt seine Wiederwahl verhindern. Sie haben vor zwei Wochen eine Kampagne gegen ihn angezettelt. Seitdem muss der junge Bundestagsabgeordnete Kritik aushalten, die auch erfahrene Politiker nur schwer verkraften könnten. Er bekommt Briefe, in denen er als "Rotzlöffel" beschimpft wird, der seine "Fresse halten" solle. Und all das, weil er die überraschende Rentenerhöhung der Bundesregierung kritisiert hat. "Das Wahlgeschenk an die Rentner kostet die Jungen mittel- und langfristig viel Geld", hatte Spahn gesagt. Und: "Auch mit 1,1 Prozent sind die Rentner nicht zufrieden." Vor allem der zweite Satz ist es, der die Alten auf die Palme bringt. Sie fühlen sich ihrerseits schlecht behandelt. Besonders aus der Senioren-Union der Partei bekommt Spahn inzwischen Druck. Die CDU-Senioren in Spahns Heimat Nordrhein-Westfalen, wollen gar seine erneute Kandidatur für den Bundestag verhindern. Deren Vorsitzender Leonhard Kuckart (76) beschwerte sich schriftlich bei der Partei- und Fraktionsspitze der CDU über seinen jungen Kollegen. Dessen Äußerungen seien "unerträglich". Spahn wolle "Alt und Jung gegeneinander ausspielen". Auf einer Konferenz der Senioren-Union kündigte Kuckart an, er wolle verhindern, dass Spahn in seinem Wahlkreis erneut als Bundestagskandidat aufgestellt wird. Gelinge dies nicht, werde er die Senioren aufrufen, Spahn nicht zu wählen. "Ein Mann, der mit seinen Ansichten die Gesellschaft spaltet, passt nicht in unsere Partei", sagt Kuckart. "Wir wollen nicht, dass die CDU solche Parlamentarier hat."

Das ist schweres Geschütz für einen Politiker, zumal für einen, der am Anfang seiner Karriere steht. Spahn sitzt seit 2002 im Bundestag. Als Gesundheitspolitiker der CDU/CSU-Bundestagsfraktion sind ihm Fragen der Generationengerechtigkeit vertraut. "Ich wünsche mir eine Partei, in der man über Sachfragen offen reden kann", sagt er nun. "Ich hatte nach einem Telefonat mit Herrn Kuckart den Eindruck, dass dieses offene Gespräch möglich ist." Der Plan der Senioren, seine Kandidatur zu blockieren, habe ihn überrascht. Kuckart sagt, er habe Spahn aufgefordert, seine Aussagen zurücknehmen. Weil dieser dazu nicht bereit gewesen sei, müsse er die Konsequenzen tragen.

[...] "Alle wundern sich, warum er das gemacht hat", sagt einer. "Beim Thema Rente muss man höllisch aufpassen. Das Gelände ist vermint." Kritik an der Rentenentscheidung sei ja gut und richtig. Nur müsse man hier sehr sachlich argumentieren – und zuerst in den Gremien der Partei.

Doch auch dort kann es kräftig Gegenwind geben. Denn inzwischen ist fast die Hälfte der CDU-Mitglieder über 60 Jahre alt. 1990 war es nur etwas mehr als ein Viertel. Stolz verweist die Senioren-Union auf ihre 57000 Mitglieder und spiegelt damit die Entwicklung der Bevölkerung wieder. Dieser Trend ist für die Politik brisant. Denn die Alten werden nicht nur immer mehr. Sie sind auch die treueren Wähler. Nicht nur ihr Bundeschef Wulff sagt: "Die Senioren werden als Wähler immer wichtiger." In der Tat gingen bei der Bundestagswahl 2005 rund 80 Prozent der Senioren brav zur Wahl. Von den Jungwählern waren es nur zwei Drittel. Und: Die Mehrheit der Wähler über 60 Jahre machte ihr Kreuzchen bei der Union. Schon allein deshalb ist Rentenpolitik für CDU und CSU ein heißes Eisen.

Aus: Philipp Neumann, Der Aufstand der Alten in der CDU, Welt-Online, 05.04.2008, http://www.welt.de/politik/article1871403/Der_Aufstand_der_Alten_in_der_CDU.html (30.07.2008).

Arbeitsaufträge:

  1. Warum wird der Bundestagsabgeordnete Jens Spahn kritisiert?
  2. Warum ist das Thema Rentenpolitik für die CDU so ein brisantes Thema?
  3. Überlege, ob sich die anderen Parteien auch nach bestimmten Wählerschichten ausrichten.


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