GrafStat Fußball

11.6.2014

M 04.04.03 Jorginho - Ex-Profi hilft Kindern aus der Armut

Jorginho berichtet über sein Projekt "„Bola Pra Frente“". Als er seine Fußballschule eröffnete, hoffte er über Fußball Jugendliche auch für Bildung zu erreichen und sie so aus der Armut zu holen.

Nach zwei Jahren merkte er, dass es so nicht funktionierte. Jorginho [1] , mit bürgerlichem Namen Jorge José de Amorim, Ex-Profi bei Bayern München und 1994 Weltmeister mit Brasilien, hatte zum Ende der Karriere sein Geld in die Gründung einer Fußballschule gesteckt. Sie liegt in einer der vielen vergessenen Ecken im Norden Rio de Janeiros, dem Complexo do Muquiço. Das Viertel zeichnet sich durch einen der längsten Sozialwohnungsriegel Lateinamerikas aus; durch einen verseuchten und stinkenden Abwasserkanal, in dem furchtlose Zwölfjährige baden, und durch die Gewaltherrschaft wechselnder Drogengangs.

Bis heute hat Muquiço im Gegensatz zu den Favelas in Rios Südzone, wo sich die Touristen während der Fußball-WM aufhalten werden, keine Einheit von Rios Befriedungspolizei UPP erhalten. Die Bewohner in Muquiço gehören zur brasilianischen Unterschicht oder leben im Elend unter einer Betonbrücke, über welche die mehrspurige Avenida Brasil rauscht. Jorginho war in Muquiço aufgewachsen, zunächst in einer Holzhütte, später in Block 19. Zu Hause schlug der Vater die Mutter, ehe er genau wie Jorginhos Schwester starb – da war der spätere Profi elf Jahre alt. Draußen musste er mit ansehen, wie seine Freunde im sinnlosen Drogenkrieg umkamen. Nun wollte Jorginho, der längst in den noblen Süden Rios entkommen war, seinem Viertel etwas zurückgeben. Im Jahr 2000 startete er „Bola Pra Frente“ – „Den Ball nach vorne spielen“. Die Idee: Jugendliche werden zu Fußballern ausgebildet und entkommen der Armut.

„Wir wollen keine Athleten ausbilden. Wir wollen Bürger formen“
„Das klappt gar nicht“, sagt Jorginho heute. „Wenn es wirklich mal einer schaffen sollte, ist das ein Wunder. Die Kids kamen damals mit Erwartungen, die enttäuscht wurden.“ Jorginho sitzt in Jeans und T-Shirt im Büro seiner Schule. Er ist braun gebrannt, was seine grünen Augen gut zur Geltung bringt, am Handgelenk prangt die Riesenrolex. Der 49-Jährige ist auf Jobsuche, seit er 2013 als Trainer von Rios Club Flamengo entlassen wurde.

Ein Kunstrasen-Fußballplatz in einer Favela in Rio de Janeiro mit spielenden Kindern.Ein Fußballplatz in einer Favella in Rio de Janeiro (© S. Kühmichel)
„Nach zwei Jahren“, sagt er, „haben wir das Konzept der Schule umgeworfen.“ Klar, der ummauerte Kunstrasenplatz blieb, dort wird heute gekickt und getobt. Doch hinzu kamen nun Klassenräume, in denen die Sechs- bis 17-Jährigen eine Art Nachhilfe bekamen. Die öffentlichen Schulen Brasiliens waren schon damals schlecht, man wollte die Defizite ausgleichen. Kopfdribbling statt Schussübungen. Es war die Abkehr vom Gedanken, dass der Fußball für die Jugend aus den Armenvierteln ein Ausweg ist – wie es Sportprojekte rund um die Welt suggerieren. Und natürlich öffnete man sich auch für Mädchen. Das Logo von „Bola Pra Frente“ ist heute ein Fußballplatz, der sich zu einem Buch wellt.

Das heißt nicht, dass Fußball in Muquiço keine Rolle mehr spielt. Im Gegenteil: Seine Rhetorik und Regeln bilden die Basis einer eigens entwickelten Pädagogik, bei welcher der Gemeinschaftsgedanke im Vordergrund steht. Der Klassenraum ist zur Mannschaftskabine geworden und vor dem Unterricht wärmt man sich auf: mit Palaver, um erst mal alles loszuwerden, was einen bedrückt.

Beim Besuch in einem der kleinen Unterrichtsräume erklärt eine Lehrerin gerade das Alphabet anhand von Begriffen, die hier natürlich alle kennen: K wie Kaká (Fußballstar), P wie Pênalti (Elfmeter), S wie Seleção (das brasilianische Nationalteam). Für Mathe nutzt sie Fußballresultate und Tabellen. Benimmt sich ein Schüler daneben, wird erst die Gelbe Karte und später die Rote verliehen. Darüber stimmt die Klasse ab. „Der Karton geht nicht ans Kind, sondern ans unsportliche Verhalten“, sagt die Lehrerin. „Wir wollen keine Athleten ausbilden. Wir wollen Bürger formen.“ Bei den Älteren wandelt sich dann der Fokus. Es geht um Kunst, Kultur, die Persönlichkeitsbildung.

„Kleidung, Körpersprache, verbaler Ausdruck“
Jorginho, der früher seinen evangelikalen Glauben offensiv ausstellte, heute aber diskret damit umgeht, hat große Sponsoren für seine Schule gefunden, darunter Unternehmen mit zweifelhafter Reputation, was Arbeitsrechte und Demokratieverständnis angeht: Nike, Nestlé, das Globo-Medienhaus sowie das von Daimler und dem Schweizer Richemont-Konzern finanzierte Heiße-Luft-Event „Laureus Awards“. Beim Gang übers Gelände wird man von einer Pressefrau darauf hingewiesen, dass man niemanden fotografieren dürfe, der nicht die komplette Nike-Uniform trage, was dann aber – sehr brasilianisch – nach dem Hinweis nicht mehr zu gelten scheint. Ebenso solle man sich bitte schön an die ausgewählten Gesprächspartner halten – was ebenso lax gehandhabt wird.

Wie dem auch sei: 98 Prozent der Jugend Muquiços besucht „Bola Pra Frente“ und man verzeichnet 14 000 Abgänger. Eine, die gerade fertig wird, ist die 17-jährige Darine Rodriguez, ein schwarzes Mädchen mit leuchtend blauen Augen. Sie sitzt mit Gleichaltrigen in einem Klassenraum. Alle hier haben gerade eine Ausbildung oder einen Job begonnen, viele in einem der Partnerunternehmen der Schule. „Nun lernen wir, wie man sich in der Berufswelt verhält“, sagt Darine. „Kleidung, Körpersprache, verbaler Ausdruck.“

90 Prozent der Jugendlichen, die „Bola Pra Frente“ besucht haben, finden anschließend Arbeit. Das ist ein unfassbar starker Wert, weil Jugendliche aus Favelas – zumal wenn sie schwarz sind – meistens nur im informellen Sektor unterkommen: Putzfrau, Straßenverkäufer, Aushilfsarbeiter. Darine hilft hingegen heute ihrer Mutter, die Rechnungen zu bezahlen. „Ich muss doch kein Fußballer sein, um etwas zu gelten“, sagt sie.

Aus: Philipp Lichterbeck: Was haben wir von der WM zu erwarten?, in Der Tagesspiegel vom 28.04.2014 http://www.tagesspiegel.de/politik/fussball-weltmeisterschaft-2014-was-haben-wir-von-der-wm-zu-erwarten/9810036.html (26.05.2014).

Info
Der Fußballprofi Preda Pasic baute zur Zeit des Bosnienkrieges (1993) in Sarajevo eine Fußballschule für Kinder auf (vgl. SZ vom 7.6.2014). Ein Verein zur Förderung brasilianischer Straßenkinder hat 1994 Giovane Elber gegründet s. http://www.giovane-elber-stiftung.de/ Beachte auch den Dokumentationsfilm „Rebellen am Ball“ vom Ex-Fußallprofi und Schauspieler Eric Cantona (ARD 2012), in dem fünf Profikickern vorgestellt werden, die ihre Prominenz nutzten, um gegen das politische Regime ihres Landes zu protestieren oder sich für eine gute Sache einsetzen.

Arbeitsaufträge:
  1. Lies den Text durch und fasse die wichtigsten Aussagen zum Projekt zusammen.
  2. Warum ist das Logo von „Bola Pra Frente“ heute ein Fußballplatz, der sich zu einem Buch wellt?
  3. Welche Empfehlung würdet ihr den Organisatoren der Fußball-WM in Anlehnung an dieses Projekt aussprechen? (z.B. hinsichtlich Aufwand und Ertrag)
  4. Bereite dich darauf vor, in der Talkshow das Projekt Jorginhos vorzustellen.
Eine Druckversion des Arbeitsblatts steht als PDF-Icon PDF-Datei zur Verfügung.

Fußnoten

1.
Jorge de Amorim Campos, geboren am 17.August 1964 in Cascadura, einem Stadtteil von Rio de Janeiro, wuchs in ärmlichen Verhältnissen mit sechs Geschwistern auf. Seine sportliche Laufbahn begann er bei FC America Rio de Janeiro, von wo er zum brasilianischen Weltverein Flamengo Rio de Janeiro wechselte. Im Jahre 1989 wechselte er zu Bayer Leverkusen und entwickelte sich dort zu einem Weltklassefußballer. Im Anschluss wechselte er zum FC Bayern München und wurde 1994 Deutscher Meister. Aus: http://www.rock-for-rio.de/jorginho.html

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