Reichstag, Sitz des Deutschen Bundestages

20.8.2012 | Von:
Wolfgang Sander
Julia Haarmann
Angela Gralla
Sabine Kühmichel

Baustein 1: Politik? Jein, danke! – dem Politikinteresse von Jugendlichen auf der Spur

Im ersten Baustein sollen die Schülerinnen und Schüler für die Bedeutsamkeit des Themas "Jugend und Politik" sensibilisiert und für die Auseinandersetzung mit den damit verbundenen Problemlagen motiviert werden.


Die Schülerinnen und Schüler…
  • kennen empirische Erkenntnisse zum Politikinteresse von Jugendlichen.
  • erschließen, dass Jungwähler die Wählergruppe mit der geringsten Wahlmotivation ist.
  • kennen Probleme, Herausforderungen und Chancen der Aktivierung Jugendlicher für das Thema Politik.
  • benennen Probleme der politischen Ansprache von Jugendlichen durch Politik und Wahlkampf.
  • benennen Probleme in der Ausrichtung von Parteienpolitik und Wahlprogrammatik in Hinblick auf eine generationenübergreifende Ansprache.
  • begreifen, dass sie sich durch ihre (zukünftige) Wahlbeteiligung für eine generationengerechte Politik einbringen können.
  • erkennen die Wichtigkeit der Beteiligung von Jugendlichen am politischen Geschehen durch Wahlbeteiligung und andere Formen der Einmischung.
Eine tabellarische Übersicht über den Verlauf des Bausteins steht als PDF-Icon PDF-Dokument zum Download bereit.

Politisches Engagement – eher out?



Jugend und PolitkPolitisches Engagement (© picture-alliance, chromorange)
Zum Einstieg in den Baustein kann ein Entscheidungsspiel (MJ 01.01) durchgeführt werden, bei dem die Jugendlichen zu verschiedenen Begriffen/Handlungsmöglichkeiten einschätzen, inwiefern diese für Jugendliche im Allgemeinen eher "in" oder "out" sind. Höchstwahrscheinlich werden hierbei die Begriffe und Handlungen, die Bezüge zur Politik haben, eher als "out" eingeschätzt werden. Diese Voreinschätzungen bezüglich der Frage, ob sich Jugendlichen für Politik interessieren oder gar engagieren, sollen in einem nächsten Schritt überprüft und differenzierter untersucht werden.


Was bedeutet "politisch interessiert"? – Enger versus weiter Politikbegriff



Um diese Untersuchung anzugehen, sollen die Schülerinnen und Schüler zunächst klären, was eigentlich "politisch sein" bedeutet bzw. politisches Interesse ausmacht und welche Quellen hierfür erkenntnisreich sein könnten. Ein Ziel der Hinführung ist es, sich mittels der Methode Stummes Schreibgespräch mit den Fragen "Was bedeutet ‚politisch' sein?" und "Wie kann man Erkenntnisse zum Politikinteresse von Jugendlichen gewinnen?" auseinanderzusetzen. Hierbei soll Vorwissen zu möglichen Indikatoren für Politikinteresse aktiviert werden. Die Schülerinnen und Schüler treten in einen Reflexionsprozess ein, indem sie für sich zunächst einmal für sich selbst definieren, was es bedeutet, politisch interessiert zu sein. Es soll deutlich werden, dass es zu dieser Frage unterschiedliche Herangehensweisen und Definitionsmöglichkeiten gibt. Bei der Aufschlüsselung des Politikinteresses in Indikatoren kann bei den Schülerinnen und Schülern ein eher enges oder eher weites Verständnis von "politischem Interesse/politisch sein" vorhanden sein. Ein Ziel ist hierbei, den Blick der Jugendlichen für ein erweitertes Verständnis von politischem Interesse zu öffnen.
Deine DemokratieDeine Demokratie (© Henning Bunk)
Dazu werden zwei Plakate oder Flipcharts zu zwei Fragebereichen auf Gruppentische gelegt. Alternativ können diese auch an die Tafel geheftet werden oder es kann mit Kreide auf zwei Tafelteile geschrieben werden.

Plakat 1: Was bedeutet "politisch" sein und woran kann man erkennen, ob jemand politisch interessiert/engagiert ist?
Plakat 2: Wie kann man Erkenntnisse zum Politikinteresse von Jugendlichen gewinnen?

Die Jugendlichen haben nun die Aufgabe, stumm zu den Plakaten/zur Tafel zu gehen und erste Ideen und Vorüberlegen zu den Fragebereichen zu formulieren und niederzuschreiben. Sinn des stummen Schreibgespräches ist es, alle Jugendlichen aktiv zu beteiligen und nicht nur diejenigen, die sonst in der mündlichen Mitarbeit aktiv sind. Im Schreibgespräch können die Jugendlichen mit Kommentierungen und Unterstreichungen das Geschriebene der Mitschüler/-innen auch hervorheben, kennzeichnen oder ergänzen. Im Unterrichtsgespräch sollen dann gemeinsam die benannten Aspekte mit Farben und Kennzeichnungen gruppiert und geordnet werden. Hier können auch die Lehrpersonen ggf. wichtige fehlende Begriffe zur Diskussion hinzuschreiben.

Die Ergebnisse des Schreibgesprächs könnten folgende Aspekte/Indikatoren sein:
sich über Politik informieren, über Politik diskutieren, Nachrichten/politische Fernsehsendungen schauen, Zeitung lesen, sich im Politik- und Sozialkundeunterricht aktiv einbringen, sich an Wahlen beteiligen, sich an Bürgerbegehren beteiligen, Mitarbeit in der Schülervertretung, Mitarbeit in einem Kinder- und Jugendparlament, Mitarbeit in einer Partei/Jugendorganisation einer Partei, an Demos/Protestaktionen teilnehmen, Teilnahme an Unterschriftenaktionen/Onlinepetitionen, Mitarbeit in einer Bürgerinitiative/NRO/Menschenrechtsorganisation, sich für soziale oder gesellschaftliche Zwecke engagieren, aus politischen Gründen bestimmte Waren boykottieren, sich für den Umweltschutz engagieren, für Schwächere eintreten, seine Meinung sagen, mit anderen diskutieren, Leserbriefe schreiben

Mögliche Quellen zum Politikinteresse von Jugendlichen:
Statistiken zur Wahlbeteiligung/repräsentative Wahlstatistik, (empirische) Befragungen von Jugendlichen, eigene Jugendbefragung, Interviews mit Jugendlichen, Interviews mit Jugendforschern, Erzählungen von Jungpolitikern Vielleicht werden einzelne Schülerinnen und Schüler das Studium von Befragungsergebnissen oder Statistiken als eine Möglichkeit benennen, Erkenntnisse über das Politikinteresse von Jugendlichen zu erhalten.

Empirische Erkenntnisse aus der Shell Jugendstudie unter der Lupe

Politikinteresse nach Alter und GeschlechtPolitikinteresse nach Alter und Geschlecht
In der nun folgenden Erarbeitungsphase werden diese Vorüberlegungen direkt aufgegriffen. Im Idealfall können einige der genannten Indikatoren aus dem Schreibgespräch als Aufhänger genutzt und näher untersucht werden. Hierbei haben die Jugendlichen die Aufgabe, ihre Spurensuche nach der Frage "Ist Politik bei Jugendlichen in oder out? Ist die Jugend politisch interessiert? " fortzusetzen. Empirische Grundlage der Unterrichtsmaterialien (MJ 01.03 - MJ 01.06) sind vornehmlich die Ergebnisse der letzten Shell Jugendstudie sowie Daten der repräsentativen Wahlstatistik. Folgende Items/Fragebereiche werden hier thematisiert: Politikinteresse allgemein nach Alter und Geschlecht (MJ 01.03), Informieren über Politik und Art der Informationsermittlung (MJ 01.04), Bewertung des eigenen politischen Engagements und Erklärung der Bereitschaft zu verschiedenen politischen Einflussmöglichkeiten (MJ 01.05), Wahlberechtigung und Wahlbeteiligung von jungen Wählergruppen im Vergleich zu älteren Wählergruppen (MJ 01.06). Dazu bearbeitet die eine Hälfte der Klasse MJ 01.03 und MJ 01.04, die andere Hälfte erarbeitet MJ 01.05 und MJ 01.06. Mittels der Methode Think-Pair-Share setzen sich dazu jeweils zwei Schülerinnen und Schüler mit zwei Materialien zu den verschiedenen Untersuchungsaspekten des Politikinteresses von Jugendlichen auseinander. Die Schülerinnen und Schüler bearbeiten dabei jeweils ein Material mit Hilfe des Untersuchungsrasters "Statistik-Checker" (MJ 01.02) zunächst in Einzelarbeit und tauschen sich dann über die jeweils erarbeiteten Aspekte in Partnerarbeit aus. Anschließend werden die Ergebnisse im Plenum im Zusammenhang mit den Auswertungen der anderen Statistiken präsentiert und diskutiert. Die Paare stellen die Ergebnisse der zwei jeweils von ihnen bearbeiteten Unterrichtsmaterialien im Plenum vor. Die gesammelten Ergebnisse können bspw. mit einer Folie des Untersuchungsrasters "Statistik-Checker" (MJ 01.02) im Plenum gesichert werden.
InformationsquellenInformationsquellen
Zur Vertiefung und weiteren inhaltlichen Auswertung sollte im Anschluss MJ 01.07 bearbeitet werden. Der Text stellt noch einmal etwas differenzierter dar, inwiefern demografische Merkmale das Politikinteresse beeinflussen, und veranschaulicht, dass die meisten Jugendlichen nicht generell unpolitisch sind, sich i.d.R. aber nicht kontinuierlich, sondern meist nur situativ bzw. aktionsgebunden für politische Fragen interessieren und zum Teil auch engagieren. Deutlich werden soll auch, dass dies nicht bedeutet, dass Jugendliche demokratiefeindlich eingestellt sind. Ähnlich wie auch in anderen Bevölkerungsgruppen haben Jugendliche jedoch eine auffällige Distanz zu Parteien und Politikern und bewerten die klassische Parteipolitik kritisch. In der Erarbeitung des Textes formulieren die Schülerinnen und Schüler Fragen an den Text, zu denen sie Schlüsselbegriffe, die Hinweise auf die Antworten geben, mit verschiedenen Farben im Text markieren (Fragen an den Text formulieren). In der Sicherungsphase werden die Fragen in der Klasse in Form einer Redekette thematisiert, beantwortet und aus eigener Sicht kommentiert.

Gründe für die Parteienferne von Jugendlichen/jungen Wählern

In Form einer Kartenabfrage soll in einem nächsten Schritt auf Ursachensuche gegangen werden: Warum sind Jugendliche den Parteien/der Parteipolitik gegenüber so distanziert? Dazu sollen die Schülerinnen und Schüler zunächst im Unterrichtsgespräch ihre Vermutungen nennen. Diese werden von zwei Jugendlichen auf Karten geschrieben und in Form eines Clusters an die Tafel geheftet. In der Erarbeitungsphase soll diese Ursachensuche weiter geführt werden. In Einzelarbeit wird ein Interview mit Klaus Hurrelmann (MJ 01.08), einem der Autoren der Shell Jugendstudie, gelesen. Die Schülerinnen und Schüler haben die Aufgabe, bekannte und neue Gründe für die Distanziertheit zur klassischen Politik mit unterschiedlichen Farben zu markieren. Zudem kennzeichnen sie in einer weiteren Farbe Entwicklungen, die als kritisch für die Demokratie angesehen werden können. In der Sicherungsphase werden die Gründe für die Politikferne zur parlamentarischen Demokratie im Plenum genannt und auf weitere Karten geschrieben und ergänzend in das Cluster geheftet. Auf roten Karten werden die demokratiekritischen Aspekte notiert. In der Besprechung der Ergebnisse soll hervorgehoben werden, was ein sinkendes Interesse für Wahlen und Parteipolitik für eine Demokratie bedeuten kann. Die Schülerinnen und Schüler übertragen das Cluster in ihre Mappe/ihr Heft.

"Ob’s wohl am Köder liegt" – Probleme in der Ansprache von jungen Menschen durch die Parteien

Ob's wohl am Köder liegt?Ob's wohl am Köder liegt? (© Manuel König)
Damit deutlich wird, dass die Parteien auch zur zunehmenden Distanzierung von Jugend und Parteipolitik beitragen, soll in einem nächsten Schritt untersucht werden, was die Parteien so "jugendunfreundlich" bzw. so wenig zugänglich macht. Als Einstieg in diese "andere Seite der Medaille" kann die Karikatur "Ob’s wohl am Köder liegt" gezeigt werden (Karikatur interpretieren). Begleitend dazu kann erneut die Statistik zur Wahlbeteiligung der verschiedenen Wählergruppen nach Alter (MJ 01.06) aufgelegt werden. Die Schülerinnen und Schüler haben nun die Aufgabe, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wo (aus ihrer Sicht) Probleme in der Ansprache von jungen Menschen durch die Parteien liegen. Dazu erarbeiten sie zunächst geleitet von einem Arbeitsauftrag in Einzelarbeit, aus den Texten (MJ 01.10 - MJ 01.13) verschiedene Teilprobleme in der Ausrichtung und Ansprache von Parteien:

  • Fehlende Repräsentation jugendrelevanter Themen
  • Verkürzte Gegenwartsorientierung der Politik
  • Ausrichtung der Politik an den wahlentscheidenden Wählergruppen (50plus)
  • Fehlende Generationengerechtigkeit in der Politik
  • Zunahme der demografischen und rechnerischen Irrelevanz von Jungwählern als Wählergruppe
  • Unverständliche Politikersprache und Verarbeitung derselben durch die Medien
  • Unverständliche, komplizierte bzw. zu allgemein gehaltene Wahlprogramme
  • Überalterte Parteien
  • Fehlende junge Identifikationsfiguren in den Parteien
  • Unattraktive Beteiligungsmöglichkeiten/Diskussionsformen in Parteien (Ideologisierung, Grundsatzdiskussionen)
In einem zweiten Schritt sollen diese Aspekte in der Gruppe besprochen und ein Schaubild mit Hilfe eines Plakats/einer Folie erstellt werden, das diese veranschaulicht und mögliche Zusammenhänge darstellt (Text in ein Schaubild umwandeln). Als Belege sollen ein paar exemplarische Textstellen/Zahlen das Schaubild ergänzen. Diese Erarbeitungsphase aus Einzel- und Gruppenarbeit wird sicherlich zwei bis drei Unterrichtsstunden in Anspruch nehmen. In der Sicherung werden die Ergebnisse mit Hilfe der Folie auf dem OHP oder mit Hilfe des Plakats in der Klasse präsentiert. Die Mitschüler können hier Ergänzungen vornehmen. Die erarbeiteten Folien der Gruppen können später für die jeweiligen Mitglieder kopiert werden. Zum Wiederaufgreifen kann die Lehrkraft auch noch einmal die Karikatur (MJ 01.09) auflegen und die Frage stellen, wie die Schülerinnen und Schüler die Karikatur unter Berücksichtigung der neuen Erkenntnisse ausdeuten würden.

Einwählen statt Ausklinken! – Argumente für die Wahl

Zum Abschluss des Bausteins kann zur Einstimmung auf den Aktionsbaustein "Zeit, dass sich was dreht! – Aktiv werden für mehr (Jung-)Wählerbeteiligung" noch einmal thematisiert werden, warum es wichtig ist, dass sich Jugendliche/junge Wähler für Politik interessieren und ihr Wahlrecht wahrnehmen. Als Impuls kann hier zum Einstieg das Bild mit dem Zitat "Wenn du dich nicht entscheidest, verlasse ich dich. Deine Demokratie" (MJ 01.14) gezeigt werden. Ergänzend können auch noch einmal die roten Karten mit den demokratiekritischen Aspekten aus der Erarbeitung (2) miteinbezogen werden. In Form eines Negativszenarios überlegen die Jugendlichen dann mit ihrem Partner oder in der Gruppe, welche Konsequenzen ein weiteres Absinken der Wahlbeteiligung für die Demokratie haben könnte. Darauf fußend erarbeiten sie zusammen mit ihrem Partner oder in der Gruppe Argumente, die für eine Beteiligung an der Wahl sprechen. Dabei soll ein besonderer Fokus auf die Gründe gelegt werden, die dafür sprechen, dass speziell Jungwähler zur Wahl gehen sollten. Zur Unterstützung können dabei die Satzanfänge aus MJ 01.15 und der Text zu den Gefahren der Parteienverdrossenheit (MJ 01.08) dienen. Je nach Kenntnisstand der Schülerinnen und Schüler können an dieser Stelle auch Materialien aus dem Kapitel "Wahlen in der Demokratie" hinzugezogen werden (MW 02.01 - MW 02.08), die noch einmal die Funktion von Wahlen in der Demokratie und die Wahlrechtsgrundsätze thematisieren. Den Schülerinnen und Schülern soll ersichtlich werden, dass es gerade aufgrund des demografischen Ungleichgewichtes zu Gunsten der Wählergruppe der über 50-Jährigen, umso wichtiger ist, dass sich junge Wähler an Wahlen beteiligen, da sie ansonsten das ohnehin geringere Stimmgewicht weiter aushöhlen. Einer aktiven und "lauten" Jungwählerschaft kann es eher gelingen, die für junge Wähler und Jugendliche relevanten Themen zu stärken und eine generationengerechte Politik einzufordern.


Eine tabellarische Übersicht über den Verlauf des Bausteins "Politik? Jein, danke! – dem Politikinteresse von Jugendlichen auf der Spur" steht als PDF-Dokument zum Download bereit.

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