Reichstag, Sitz des Deutschen Bundestages

27.9.2012

MB 03.08 Wahlverhalten: Faktor Konfliktlinien

Um zu erklären, warum Personen eine bestimmte Partei wählen, bedient sich die Wahlforschung häufig der Cleavage-Theorie von Lipset/Rokkan. Diese Theorie geht davon aus, dass in einer Gesellschaft bestimmte Konfliktlinien vorliegen, anhand derer sich politische Willensbildung vollzieht. Eine Konfliktlinie kennzeichnet dabei einen Interessen- oder Wertgegensatz (eine Kluft, englisch cleavage) zwischen gesellschaftlichen Gruppen. Ein solcher Gegensatz besteht z.B. im Hinblick auf die Kirchenbindung - hier gibt es sowohl Menschen, in deren Leben Religion eine große Rolle spielt, als auch solche, bei denen diese keine oder nur eine unbedeutende Stellung einnimmt. Die Cleavage-Theorie geht nun davon aus, dass diese Gegensätze oder Konflikte in der Gesellschaft dazu führen, dass sich Parteien bilden, die diese verschiedenen Interessen bedienen. Bevölkerungsgruppen, die von einem Konflikt betroffen sind, wählen dann in der Folge in aller Regel "ihre" Bündnispartei. Die Cleavage-Theorie kann also einerseits aufzeigen, wie das Parteiensystem in Deutschland historisch gewachsen ist, andererseits kann diese Theorie aber auch verwendet werden, um das Verhalten von Wählern zu erklären. Wenn man sich nämlich anschaut, welche Wähler eine bestimmte Partei gewählt haben, sieht man, dass dies häufig Personen sind, die hinsichtlich eines Interessenkonflikts entlang einer Konfliktlinie in ihrer Meinung von dieser Partei vertreten werden. Verdeutlichen wir dies anhand zweier Konfliktlinien, die in Deutschland vorzufinden sind: 1) Arbeit vs. Kapital und 2) starke Kirchenbindung vs. keine Kirchenbindung.

Arbeit – Kapital
Die Konfliktlinie zwischen Arbeit und Kapital formiert sich entlang der unterschiedlichen Interessenlagen von Arbeitnehmern und Selbstständigen/Unternehmern. Während sich "Arbeiterparteien" für Belange stark machen wie z.B. faire Arbeitsbedingungen und Löhne, fokussieren die den Unternehmern nahestehenden Parteien z.B. Marktliberalisierung, d.h., sie treten für weniger Eingriffe des Staates in das wirtschaftliche Handeln ein. Im Wählerverhalten tritt diese Konfliktlinie insofern hervor, als dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen Berufsgruppenzugehörigkeit und Parteipräferenz gibt. So zeigt sich z.B., dass die CDU/CSU vorwiegend von leitenden Angestellten, Beamten und Selbstständigen gewählt wird. Betrachtet man zusätzlich zur Berufsgruppenzugehörigkeit die Gewerkschaftsmitgliedschaft, wird anhand der Wahlergebnisse von 1976 bis 2002 z.B. deutlich, dass Arbeiter mit Gewerkschaftsmitgliedschaft durchschnittlich zu ca. 63% die SPD wählten.

Starke Kirchenbindung – keine Kirchenbindung
Das Wahlverhalten wird außerdem von einer Konfliktlinie bestimmt, die sich auf das Ausmaß der konfessionellen Bindung bezieht. So lässt sich bspw. zeigen, dass bei den Wahlen zwischen 1976 und 2002 durchschnittlich 75% der Katholiken mit starker Kirchenbindung die CDU/CSU gewählt haben. Von den konfessionslosen Wählern stimmten für diese Unionsparteien im gleichen Zeitraum lediglich 23%. Wähler mit protestantischem Glauben hingegen gaben ihre Stimme vor Mitte der 1980er Jahre vorwiegend der SPD. Seither ist hier ein abnehmender Trend zu beobachten, da sich die Stimmen nun auf SPD und Grüne verteilen. Dies deutet bereits darauf hin, dass Konfliktlinien in Abhängigkeit von gesellschaftlichen Entwicklungen einem stetigen Wandel unterliegen. So können Konfliktlinien bspw. im Laufe der Zeit an Bedeutung verlieren. Ein derartiger Trend ist hinsichtlich der konfessionellen Konfliktlinie zu verzeichnen. Zwar wählten bei der Bundestagswahl 2009 noch stolze 67% der Katholiken mit starker Kirchenbindung die CDU/CSU, jedoch beträgt der Anteil dieser Personengruppe an der Gesamtzahl der Wahlberechtigten heutzutage nur noch 8%.

Neuere Konfliktlinien
Wiederum andere Konfliktlinien entstehen erst aufgrund der in einer Gesellschaft neu aufkommenden Problem- und Interessenlagen. Die Gründung und Etablierung der Partei Die Grünen in den 1980er Jahren kann bspw. über den Interessen- und Wertekonflikt zwischen "ökologischer Politik" und "ökonomisch-technologischem Wachstum" erklärt werden. Eine weitere Konfliktlinie entstand im Zuge der deutschen Wiedervereinigung 1990: die Konfliktlinie zwischen Ost und West (bzw. den Befürwortern und Gegnern der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern). Diese kann auch heute noch zur Erklärung der Wahlerfolge der Partei Die Linke in den neuen Bundesländern herangezogen werden.

Eigener Text nach:

Matthias Jung, Yvonne Schroth und Andrea Wolf: Regierungswechsel ohne Wechselstimmung 30.11.2009, http://www.bpb.de/politik/innenpolitik/bundestagswahlen/62643/analyse-wahlergebnis-2009?p=all (05.10.2012)
Uwe Andersen und Wichard Woyke (Hrsg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 5., aktual. Aufl. Opladen: Leske+Budrich 2003. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2003, http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/handwoerterbuch-politisches-system/40400/waehlerverhalten?p=all (05.10.2012)
Julia Tzschätzsch: Wie entstehen Parteien?, 28.08.2009, http://www.bpb.de/politik/grundfragen/parteien-in-deutschland/42038/wie-entstehen-parteien (05.10.2012)
Jörg Broschek und Rainer-Olaf Schultze: Wahlverhalten: Wer wählt wen? Theoretische Erklärungsmodelle und empirische Befunde, in: Beate Hoecker (Hrsg.): Politische Partizipation zwischen Konvention und Protest, Opladen/Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich 2006, S. 23-53.
Harald Schoen und Christian Zettl: Sozialstruktur und Wählerverhalten, in: Oscar W. Gabriel und Bettina Westle (Hrsg.), Wählerverhalten in der Demokratie, Baden-Baden: Nomos 2012, S. 149-182.

KonfliktlinienKonfliktlinien

Arbeitsaufträge:
  1. Beschreibe in eigenen Worten, was unter einer Konfliktlinie zu verstehen ist und inwiefern durch vorhandene Konfliktlinien das Wählerverhalten beeinflusst werden kann.
  2. Übertrage die abgebildeten Koordinatensysteme (siehe Abbildung) in dein Heft. Betrachte nun die Wahlergebnisse aus MB 03.04, MB 03.05 und der oben stehenden Tabelle. Versuche anschließend, die Parteien SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen, FDP, LINKE entlang der Konfliktlinien zu verorten.
  3. Begründe anhand eines Beispiels, inwiefern eine Konfliktlinie an Bedeutung gewinnen bzw. verlieren kann.
  4. Welche weiteren Konfliktlinien gibt es möglicherweise, die im Text nicht beschrieben sind?
  5. Überlege, wie der Erfolg der Piratenpartei begründet werden kann. Gibt es diesbezüglich deiner Meinung nach eine neue Konfliktlinie in unserer Gesellschaft?


Bundestagswahl 2013

Befragungssoftware GrafStat

Download

Die aktuelle Version der Befragungssoftware GrafStat kann für den Einsatz im Bildungsbereich kostenlos heruntergeladen werden.

Mehr lesen auf grafstat.de