Reichstag, Sitz des Deutschen Bundestages

27.9.2012

MW 01.02 Demokratische Entscheidungen

Um zu verstehen, was Demokratie ist, sollte man sich zunächst klarmachen, wann eine Entscheidung demokratisch ist und wann nicht.

Ein Beispiel: In der Klassenkasse hat sich im Laufe der Zeit ein hoher Geldbetrag angesammelt. Es stellt sich die Frage, wofür das ganze Geld verwendet werden soll. Die Lehrerin ist der Meinung, dass die Wände des Klassenzimmers mal wieder einen neuen Anstrich vertragen könnten. Von dem Geld sollten also einige Eimer Farbe gekauft werden. Einige Schülerinnen und Schüler finden den Zustand der Wände jedoch gar nicht so schlimm. Ein paar Schüler sind der Ansicht, mit dem Geld könne man einen Ausflug in einen nahe gelegenen Freizeitpark bezahlen. Andere wiederum finden, das Geld solle gleichmäßig auf die Schülerinnen und Schüler aufgeteilt werden. Dann könne jeder mit seinem Geld machen, was er wolle. Wieder andere schlagen ganz andere Dinge vor oder haben noch keine klare Vorstellung.

Was hat dieses Beispiel mit Demokratie zu tun? Demokratie, in seiner ursprünglichen Bedeutung, heißt Herrschaft des Volkes. Das Volk, das sind in unserem Beispiel alle Schülerinnen und Schüler, aber auch die Lehrerin, also alle Personen, die von der Entscheidung betroffen sind. Eine Entscheidung ist demokratisch zustande gekommen, wenn alle, die von ihr betroffen sind, ihre Meinung einbringen und sich an der Entscheidungsfindung gleichermaßen beteiligen können.

Demokratie heißt daher zunächst auch, anzuerkennen, dass es zu jeder Frage unterschiedliche Meinungen geben kann und dass jede dieser Meinungen zunächst gleichberechtigt ist. Es gilt daher ein Verfahren zu finden, das zwischen diesen verschiedenen Ansichten vermittelt und am Ende eine Entscheidung hervorbringt. Am schnellsten ginge es mit Sicherheit, wenn die Lehrerin allein entscheiden würde. Dies wäre allerdings dann eine undemokratische Entscheidung, da nicht alle an der Entscheidung beteiligt würden. Länger würde es dauern, wenn zunächst in der Klasse über alle Vorschläge diskutiert wird. In aller Regel wird es trotz ausführlicher Diskussion in einer Gruppe dennoch unterschiedliche Meinungen geben. Das ist ganz natürlich. Nach dem Austausch aller Gründe für und gegen die verschiedenen Vorschläge muss daher abgestimmt werden; die Stimmenmehrheit entscheidet und die Minderheit muss die Entscheidung zunächst akzeptieren; sie hat aber die Chance, für ihren Vorschlag (z.B. den Wandanstrich verbessern) beim nächsten Mal eine Mehrheit zu bekommen. Diese Entscheidung wäre dann demokratisch zustande gekommen.

In einem solchen Verfahren kann jeder mal zur Mehrheit, mal zur Minderheit gehören. Mal findet meine Meinung eine Mehrheit, mal muss ich mich anderen Meinungen unterordnen. Es wird also von mir verlangt, dass ich hin und wieder Entscheidungen akzeptiere, die ich selbst gar nicht für richtig halte. Manchmal kann ich das vielleicht ohne Probleme machen, ein anderes Mal kann das aber auch richtig wehtun, bspw., wenn ich gerade ein bisschen zusätzliches Geld gut gebrauchen könnte, die Mehrheit aber für den Ausflug stimmt. Es fällt mir leichter, eine solche für mich unbequeme Entscheidung zu akzeptieren, wenn ich das Verfahren, durch das diese Entscheidung zustande gekommen ist, generell befürworte. Und das gilt natürlich nicht nur für mich, sondern für jeden anderen auch. Bei allen Meinungsunterschieden in der Sache sollte doch wenigstens Einigkeit über das Entscheidungsverfahren selbst bestehen, damit auch die unterlegene Seite die Entscheidung (zunächst) akzeptieren kann. Denn Minderheiten können z.B. in anderen Fällen auch wieder Mehrheiten werden.

Das heißt, dass demokratische Entscheidungsverfahren möglichst fair sein müssen. Und das wiederum ist nur der Fall, wenn alle Meinungen das gleiche Gewicht besitzen und wenn getroffene Entscheidungen für alle gleichermaßen gelten. Fairness heißt auch: Jeder hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern, ohne Angst haben zu müssen, dafür ausgelacht oder sogar bedroht zu werden; jeder hat Respekt gegenüber jedem anderen; man hört sich gegenseitig zu und lässt sich ausreden; man nimmt den anderen ernst in dem, was er sagt. Jeder Betroffene hat eine Stimme. Stimmenkauf oder Bestechungen sind schwere Verstöße gegen die demokratische Grundregel.

Eigener Text

Arbeitsaufträge:
  1. Demokratie heißt Herrschaft des Volkes. Benenne anhand des Beispiels, wann eine Entscheidung demokratisch ist – und wann nicht.
  2. Begründe in eigenen Worten, weshalb es in einer Demokratie wichtig ist, dass das Entscheidungsverfahren von allen akzeptiert wird. Verwende zur Verdeutlichung Beispiele aus der Schule und aus dem Alltag, in denen danach verfahren wird oder auch nicht.
  3. Sammle in einer Tabelle die Vorteile und die Nachteile eines demokratischen Entscheidungsverfahrens in einer Schulklasse.