Reichstag, Sitz des Deutschen Bundestages

17.10.2012

MW 03.04 Wählen im Kaiserreich

"Nach der Gründung des Deutschen Reichs wurde bei der Reichstagswahl am 3. März 1871 erstmals eine gesamtdeutsche Volksvertretung gewählt. Als juristische Grundlage diente dabei das Wahlgesetz des Norddeutschen Bunds, das mit minimalen Änderungen als Reichswahlgesetz übernommen wurde. Da weder die Wahlstatuten noch die Reichsverfassung Parteien als politische Entscheidungsträger kannten, wurden bei dem Urnengang keine Parteien oder Kandidatenlisten gewählt, sondern einzelne, den verschiedenen Parteien angehörende Personen. Jeder Wahlkreis vergab dabei ein Reichstagsmandat unter den antretenden Kandidaten: 1871 gab es 382 Wahlkreise, in denen je ein Abgeordneter gewählt wurde. 1874 erweiterte sich die Wahlkreis- und Abgeordnetenzahl auf 397, da auch in Elsaß-Lothringen der Reichstag gewählt wurde.

Nach dem absoluten Mehrheitswahlrecht errang derjenige Kandidat das Mandat, der mehr als 50 Prozent der abgegebenen Stimmen auf sich vereinen konnte. Erreichte kein Politiker im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit, entschied eine Stichwahl zwischen den beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen. Dabei gingen Parteien, die sich politisch nahe standen, Wahlbündnisse ein. Mit dem Aufstieg der Sozialdemokraten vereinigten vor allem die bürgerlichen und konservativen Parteien ihre Stimmen im zweiten Wahlgang auf einen gemeinsamen Kandidaten gegen den sozialdemokratischen Bewerber, der häufig im ersten Wahlgang die meisten Stimmen, aber nicht die absolute Mehrheit erringen konnte. Da alle anderen Stimmen, die nicht dem gewählten Abgeordneten gegeben wurden, für die Sitzverteilung im Reichstag bedeutungslos waren, kam es zu deutlichen Differenzen zwischen dem prozentualen Wahlergebnis und der endgültigen Sitzverteilung.

Auf Reichsebene waren alle Männer ab 25 Jahre wahlberechtigt, wobei das aktive Wahlrecht für Soldaten während des Wehrdienstes ruhte. Ausgeschlossen waren neben Frauen auch Personen, die Armenunterstützung aus öffentlichen Mitteln bezogen und unter Vormundschaft oder in Konkurs standen." [1]

Zu berücksichtigen ist, dass im Jahr 1871 34,3 % der Bevölkerung jünger als 15 Jahre alt war. (1933 betrug der Prozentsatz nur noch 24,2 Prozent und im Jahr 1980 lag der Anteil der unter 15-Jährigen in der Bundesrepublik Deutschland bei 17,8 Prozent.) Daraus lässt sich ableiten, dass bei der erwähnten Altersgrenze von 25 Jahren ein Großteil der Bevölkerung von der Wahl ausgeschlossen war. [2]

"Das Wahlrecht war formal gleich, praktisch aber infolge der unveränderlichen Wahlkreiseinteilung ungleich, da die großen Bevölkerungsverschiebungen nicht beachtet wurden […]. Diese Wahlkreiseinteilung begünstigte Parteien, deren Wähler regional konzentriert waren und hauptsächlich auf dem Lande wohnten, wie die Konservativen, das Zentrum und die Nationalliberalen. Es benachteiligte kleinere Parteien und besonders solche mit hauptsächlich städtischer Anhängerschaft wie die Sozialdemokraten: 1871 benötigten die Konservativen für ein Mandat durchschnittlich 9.600, die Sozialdemokraten 62.000 Stimmen! Der Reichstag wurde anfangs für drei Jahre gewählt, 1888 wurde die Legislaturperiode auf fünf Jahre verlängert.

[…] Bei der ersten Reichstagswahl 1871 gingen nur 51 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung an die Urnen, bei der letzten Reichstagswahl am 12. Januar 1912 lag die Wahlbeteiligung bei 84,9 Prozent." [1]

[1] Aus: Lebendiges virtuelles Museum Online (LeMO) Deutsches Historisches Museum, Berlin, www.dhm.de/lemo/html/kaiserreich/innenpolitik/parteien/index.html (Stand 10.10.2012).

[2] Eigener Text auf der Zahlengrundlage von: Peter Marschalck: Bevölkerungsgeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984, S. 173.

Arbeitsaufträge:
  1. Liste auf, welche Bevölkerungsgruppen das aktive und das passive Wahlrecht wahrnehmen durften.
  2. Überprüfe, ob einige Wählergruppen mehr Stimmgewicht als andere hatten und wie die Ungleichheit im Wahlsystem zustande kam.
  3. Diskutiert, inwiefern dieses Wahlrecht die Bevölkerung hinreichend repräsentierte und inwiefern nicht.