Wegweiser zum Wahllokal in Berlin aus dem Jahre 2013

Baustein 2: Wahl in der Krise?


18.8.2017
Nachdem sich die Schülerinnen und Schüler im Baustein 1 mit ihrer politischen Einstellung beschäftigt haben, wird sich der Baustein 2 mit verschiedenen Partizipationshandlungen in der repräsentativen Demokratie auseinandersetzen und sie auf ihre Effektivität prüfen. Ausgehend davon wird den Schülerinnen und Schülern die gegenwärtige Problemlage der Parteien nähergebracht und die politische Partizipation junger Erwachsener in den Blick genommen. Abschließend wird mit den Schülerinnen und Schüler die Idee einer Wahlpflicht diskutiert.

Lernziele


Inhaltlich
Die Schülerinnen und Schüler...
  • erarbeiten und erklären Möglichkeiten politischer Partizipation in repräsentativen Demokratien und sind in der Lage diese nach ihrer Effektivität zu ordnen
  • können die Bedeutung der Wahlhandlung für die Demokratie beurteilen und erklären. In diesem Zusammenhang erarbeiten und erschließen sie sich die Begriffe Responsivität, Inklusion und Alternanz
  • erfassen die Bedeutung und Funktionen von politischen Parteien für die Demokratie und die Wahl
  • stellen Zusammenhänge zwischen sozidemografischen/ sozioökonomischen Eigenschaften und sinkender Partizipation her. Dabei erkennen sie durch die Interpretation von Diagrammen den negativen Einfluss eines niedrigen sozialen Status auf politische Beteiligung
  • erarbeiten mögliche Konsequenzen geringerer Partizipation und Lösungsstrategien

Methodisch
Die Schülerinnen und Schüler...
  • erschließen sich Wissen aus der Rezeption verschiedener medialer Formate wie zum Beispiel: wissenschaftlichen Texten, Diagrammen, Podcasts und Experteninterviews

Sozial
Die Schülerinnen und Schüler...
  • nehmen einen Perspektivwechsel vor und versetzen sich empathisch in andere Menschen hinein

Planungshinweise und didaktische Idee des Bausteins


Einstieg
Arbeitsblatt-VorlageM 02.01 Möglichkeiten politischer Partizipation
Zum Einstieg in das Thema Wahlen und Partizipation wird durch die Schülerinnen und Schüler ein fiktives Problem aus ihrer Lebenswelt bearbeitet (M 02.01 - M 02.02). Als Impuls dient die Fragestellung nach der Einführung eines kostenlosen Nahverkehrstickets für junge Heranwachsende. Anhand dieser Frage sollen die Schülerinnen und Schüler zuerst sammeln, welche Beteiligungsformen die repräsentative Demokratie ihnen bekannt sind. Die Frage kann durch die Lehrkraft mündlich in der Klasse gestellt oder auch anhand der Kopiervorlage (Info 02.01) und das Eintragen in die Sprechblasen visualisiert werden. Daran anschließend werden die Ergebnisse innerhalb des Klassenverbundes diskutiert und durch die Lehrkraft an der Tafel, Flipchart oder Whiteboard festgehalten und ggf. ergänzt. Der Impuls ermöglicht, einen Überblick über den Wissenstand der Klasse bezüglich der Partizipations- und Interessensartikulationsmöglichkeiten zu erhalten.
Nach der Diskussionsphase nimmt die Lehrkraft eine Reduktion der gesammelten Ergebnisse auf die vier Beteiligungsmöglichkeiten Wahl, Demonstration, Onlinepartizipation und die Mitgliedschaft in einer Interessengruppe vor. Weiterführende Informationen zu den einzelnen Möglichkeiten der Beteiligung finden sich im Infomaterial (Info 02.02).

Partizipationsformen
Im Anschluss erfolgt die arbeitsteilige Erarbeitung der Effizienz der verschiedenen Beteiligungsformen (M 02.02). Hier werden die unterschiedlichen Partizipationsmöglichkeiten durch die Schülerinnen und Schüler gewichtet. Mit Hilfe der Methode "In der Ecke stehen" (Info 02.02) ordnen sich die Lernenden der Beteiligungsmöglichkeit zu, die sie für die Realisierung ihres Anliegens als am wirksamsten erachten. Innerhalb der jeweiligen Gruppen wird zuerst diskutiert, welche Schritte vorgenommen bzw. welche Hürden überwunden werden müssen, um die entsprechende Form der Beteiligung erfolgreich durchzuführen. Die Ergebnisse werden durch die Schülerinnen und Schüler stichpunktartig festgehalten. Im Anschluss daran werden innerhalb der Gruppen die Effekte der jeweiligen Partizipationsform in Bezug auf das zu lösende Problem diskutiert und auf dem Poster ergänzt. Die Gruppen stellen sich ihre Ergebnisse innerhalb der Klasse gegenseitig vor. Anschließend erfolgt eine Diskussion zum Thema welche Partizipationsmöglichkeit in Bezug auf Wirksamkeit und Effekt am ehesten zur Zielerreichung geeignet ist.
Die Lernenden sollen zur Erkenntnis gelangen, dass die Wahl die effektivste aller Partizipationsformen darstellt, da sie im Gegensatz zu alternativen Beteiligungsformen einen geringen Zeitaufwand in Anspruch nimmt und niedrige kognitive Voraussetzungen zur Realisierung erforderlich sind. Dabei ermöglicht sie trotzdem eine erhebliche Einflussnahme auf die politischen Verhältnisse und Entscheidungen. Einen Überblick über die Vor- und Nachteile der jeweiligen Beteiligungsformen bietet das Infomaterial (Info 02.02).

Wahlhandlungen und ihre Bedeutung für die repräsentative Demokratie
Auf der Grundlage der diskutierten Ergebnisse wird durch die Lehrkraft auf den nächsten Teil des Bausteins übergeleitet, in dem die Wahlhandlung und ihre Bedeutung für die repräsentative Demokratie tiefergehend analysiert werden soll. Das Video M 02.03 beinhaltet sowohl grundlegende Informationen zur Wahl als auch einen erweiterten Blickwinkel auf die Funktionsmechanismen Inklusion und Alternanz.
Auf Grundlage des Videos M 02.03 verweist die Lehrkraft auf die besondere Bedeutung von Parteien für die Wahlhandlung und die Demokratie. In einem nächsten Schritt erarbeiten die Schülerinnen und Schüler durch das Ausfüllen des Lückentextes (M 02.04) die zentralen Aspekte und Funktionen von Parteien.
Zu diesen zählen: die Übertragung gesellschaftlicher Konflikte in das Parteiensystem, die Repräsentation von Minderheiten, die Bereitstellung von politischem Personal sowie das Offerieren von Politikangeboten für die Bürgerinnen und Bürger durch Parteiprogramme. Darüber hinaus unterscheidet sich die Funktion der Parteien in der jeweiligen Rolle als Regierungs- und Oppositionspartei. Die Parteien, die durch die Wählerinnen und Wähler mit einem Regierungsauftrag ausgestattet worden sind, sehen sich in der Verantwortung, ihre Wahlversprechen einzuhalten und zum Wohle der Menschen zu handeln. Demgegenüber obliegt den Oppositionsparteien die Kontrolle der Regierung sowie die Bereitstellung alternativer Politikangebote.
In einer anschließenden Auswertung durch ein Unterrichtsgespräch erfolgt die Sicherung der dargestellten Inhalte durch die Lehrkraft. Darüber hinaus leitet sie durch den Verweis auf den idealtypischen Zustand der bisher dargestellten Sachverhalte und die Existenz von problematischen Entwicklungen in Bezug auf Partizipationshandlungen auf den nächsten inhaltlichen Block des Bausteins über.

Gegenwärtige Problemlagen der Parteien
Foto Experteninterview mit Dr. Simon FranzmannExperteninterview mit Dr. Simon Franzmann (© Cornelius Knab/Forschen mit GrafStat)
In einem ersten Schritt erarbeiten sich die Schülerinnen und Schüler die gegenwärtigen Problemlagen der Parteien aus dem Experteninterview mit Dr. Simon Franzmann (M 02.05.01 - M 02.05.02). Dabei spielen die Themen Mitgliederschwund und Vertrauensverlust eine zentrale Rolle. Darüber hinaus wird auf die Problematik der Langwierigkeit der Entscheidungsfindung bzw. Möglichkeit der Abwahl hingewiesen.

Anhand der Materialien (M 02.06.01 - M 02.06.04) erarbeiten die Schülerinnen und Schüler Einflussfaktoren auf die Wahlabsicht. In einem ersten Schritt werden die Inhalte der einzelnen Diagramme innerhalb des Klassenverbundes erschlossen (Info 02.03). Die Lernenden gewinnen die Erkenntnis, dass Zusammenhänge zwischen Alter (PDF-Icon M 02.06.01), Berufstätigkeit (PDF-Icon M 02.06.02), Bildung (PDF-Icon M 02.06.03) und verfügbarem Einkommen (PDF-Icon M 02.06.04) und der Wahlbeteiligung bestehen. Dieser Schritt kann bei besonders leistungsstarken Klassen übersprungen und direkt mit der Bearbeitung der Materialien M 02.06.01 - M 02.06.04 begonnen werden. Diese erfolgt arbeitsteilig nach der Methode "Think-Pair-Share".

Die Schülerinnen und Schüler teilen sich in vier Gruppen auf. Jede Gruppe erhält ein Material und ein ausgedrucktes Poster im A3 Format (M 02.06.01M 02.06.04).
Placemat-PosterPlacemat-Poster
Zunächst überlegen die Lernenden einzeln nach Antworten auf die Frage, welche Gründe die jeweilige Gruppe für das Fernbleiben von Wahlen haben könnte und halten diese in den markierten Flächen am äußeren Rand des Posters fest. Teil dieses Prozesses ist ein Perspektivwechsel durch die Lernenden. Im Anschluss daran diskutieren die Gruppenmitglieder ihre Ergebnisse untereinander und entscheiden gemeinsam, welche Meinungen sie als Gruppenposition vor der Klasse vertreten. Diese werden im Zentrum des Posters festgehalten. Im nächsten Schritt werden die Ergebnisse der einzelnen Gruppen nacheinander vorgestellt. Im Anschluss an die Vorstellung der Ergebnisse erfolgt, zum Zweck der Sicherung, eine Gruppendiskussion die die Frage nach dem Zusammenhang der einzelnen Einflussfaktoren für die Wahlbeteiligung zum Gegenstand hat. Die Lernenden reflektieren nochmals, dass die Wahlbeteiligung in Gänze sinkt, junge Menschen häufiger der Wahl fernbleiben, Arbeitslosigkeit, geringes verfügbares Vermögen und niedrige Bildung die Wahlabsicht negativ beeinflussen. Die zentralen Ergebnisse werden durch die Lehrkraft festgehalten.

Politische Partizipation von jungen Heranwachsenden
Nachdem die Lernenden den Zusammenhang zwischen Wahlbeteiligung und soziodemografischen bzw. sozioökonomischen Faktoren erschlossen haben, erfolgt eine Auseinandersetzung mit dem Thema politischer Partizipation von jungen Heranwachsenden. Anhand des Textes (M 02.07) erarbeiten sich die Schülerinnen und Schüler Kenntnisse über den Einfluss von Bildung auf die politische Beteiligung junger Menschen. Im Zentrum des Interesses steht dabei die extrem ausgeprägte Abhängigkeit der politischen Partizipation vom Bildungsgrad gerade bei der jungen Generation und deren Entwicklung im Zeitverlauf. Nachdem der Inhalt des Textes stichpunktartig wiedergegeben wurde, erörtern die Lernenden den Zusammenhang zwischen Wahlbeteiligung und dem Wahrnehmen alternativer Beteiligungsformen. (Internet)
Folgen sinkender PartizipationFolgen sinkender Partizipation
Im nächsten Schritt erfolgt die Einordnung der Problematik sinkender Partizipation in einen gesellschaftlichen Gesamtkontext. Zu diesem Zweck erarbeiten die Lernenden die Konsequenzen, die eine politische Beteiligung, die in Abhängigkeit zum sozialen Status steht, für die repräsentative Demokratie hat. Die Schülerinnen und Schüler bringen dazu in M 02.08 verschiedene Textbausteine zu den Zusammenhängen in die richtige Reihenfolge. Daraus ergibt sich folgender Kreislauf, der durch die Lernenden verinnerlicht werden sollte: Soziale Ungleichheit führt zu sinkender Partizipation. Es werden durch das politische System nicht mehr die Interessen der gesamten Bevölkerung abgebildet und die Inklusionsfähigkeit der Demokratie nimmt ab. Die Responsivität des politischen Systems beschränkt sich zunehmend auf Einkommensstarke und gut Gebildete. Aus diesem Sachverhalt erwächst Vertrauensverlust und teilweise sogar Ablehnung des politischen Systems, was zu einem Legitimationsdefizit führt, welches wiederum geringe Partizipation nach sich zieht.
Nachdem die Sortierung des Textes abgeschlossen ist erfolgt eine eigenständige Visualisierung der Inhalte durch die Lernenden. Indem sie ein eigenes Schaubild gestalten, soll ihnen die Verkettung der einzelnen Sachverhalte nochmals deutlicher werden.

Dieser Kreislauf wird im Unterrichtsgespräch festgehalten. Gegenstand der Diskussion sind dabei die möglichen Folgen sinkender Partizipation für die repräsentative Demokratie. Die Lehrkraft legt beim Prozess der Sicherung besonderes Augenmerk darauf, dass die komplexen Zusammenhänge durch die Schülerinnen und Schüler erfasst und verstanden werden, und rekurriert zum diesem Zweck nochmals auf die idealtypischen Funktionen von Wahlen (M 02.03) sowie auf die Ursachen sinkender Partizipation (M 02.06M 02.08). Daran anschließend setzt die Lehrkraft einen Impuls, indem sie die Frage nach Lösungsvorschlägen für das Überwinden sinkenden Partizipation in den Klassenverbund stellt. Insofern die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit der Wahlpflicht nicht selbständig nennen geschieht dies durch die Lehrkraft. Somit erfolgt die Überleitung zum letzten Teil des Bausteines.

Wahlpflicht?!
Tabelle Pro-ContraTabelle Pro-Contra
Nachdem die Lernenden die gegenwärtigen Probleme politischer Partizipation für sich erschlossen haben, steht am Ende des Bausteins die Frage das Einführen einer Wahlpflicht das Problem der sinkenden Partizipation lösen kann. Dabei sollen die Lernenden das angeeignete Wissen aus den vorangegangenen Materialien des Bausteines transferieren und auf die Fragestellung anwenden. Die Schülerinnen und Schüler hören sich zuerst die verschiedenen Statements (M 02.09) zum Thema Wahlpflicht an. In einem ersten Schritt halten sie die getroffenen Aussagen stichpunktartig fest und geben sie mit eigenen Worten wieder. Danach werden weitere Argumente für oder gegen die Wahlpflicht gesucht und schriftlich festgehalten. Im nächsten Schritt erörtern die Lernenden die Frage ob die Wahlpflicht eine angemessene Antwort auf sinkende Partizipation darstellt. Im Anschluss daran erfolgt eine Pro-Contra-Diskussion innerhalb des Klassenverbundes. Bei besonders lernstarken Klassen besteht die Möglichkeit eine Podiumsdiskussion zum Thema zu initiieren. Weiterführende Informationen für die Lehrkraft befinden sich im Infomaterial (Info 02.05).

Der tabellarische Verlaufsplan ist hier als PDF-Icon PDF-Datei abrufbar.



 

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