Wegweiser zum Wahllokal in Berlin aus dem Jahre 2013

18.7.2017

M 04.02 Theorien zum Wählerverhalten

Die Schülerinnen und Schüler untersuchen verschiedene Erklärungsmodelle zum Wählerverhalten und halten ihre Ergebnisse zu in den Aspekten Forschungsgeschichte, Hauptaussage, Perspektiven, Prognosefähigkeit und -schwierigkeit in einer Synopse fest, um die Modelle miteinander vergleichen zu können.

In der Wahlsoziologie gibt es verschiedene Theorien, die versuchen, das Wählerverhalten der wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger zu erklären. Diese theoretischen Erklärungsmodelle stellen dazu einen Bezug zwischen dem Wahlverhalten und weiteren sozio-ökonomischen Einflussfaktoren, wie z.B. Beruf, Herkunft, Religion etc., her. Wichtig dabei ist, dass dieser Bezug plausibel und auch empirisch überprüfbar ist. Karl-Rudolf Korte (Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen) hat die vier wichtigsten Erklärungsmodelle des Wählerverhaltens zusammengefasst und miteinander gegenübergestellt:
  • (A) der soziologische Erklärungsansatz,
  • (B) der individualpsychologische Erklärungsansatz,
  • (C) das Modell des rationalen Wählers,
  • (D) das Modell der sozialen Milieus.
Forschungsgeschichte: Die ersten drei Modelle basieren auf berühmten Forschungstraditionen begründenden Studien zum amerikanischen Wahlverhalten in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Deren grundsätzliche Aussagekraft konnte in Wahlanalysen bis heute immer wieder nachgewiesen werden. Das vierte Erklärungsmodell hat sich in den 1980er Jahren entwickelt, der Nutzwert von sozial-moralischen Milieukategorien ist für Wahlkampfstrategen jedoch nicht unumstritten.
Die Theorien des Wählerverhaltens unterscheiden sich in ihren Hauptaussagen und Perspektiven teilweise stark voneinander, überschneiden sich jedoch auch in der Anwendung bei Wahlanalysen (Prognosefähigkeit und -schwierigkeit).

Arbeitsaufträge:
  1. Erarbeitet in eurer Gruppe den jeweiligen Textabschnitt zu eurem Erklärungsmodell:
    • (A) der soziologische Erklärungsansatz
    • (B) der individualpsychologische Erklärungsansatz
    • (C) das Modell des rationalen Wählers und
    • (D) das Modell der sozialen Milieus
  2. Ermittelt für euer Modell zu den Aspekten Forschungsgeschichte, Hauptaussage des Modells, Perspektiven, Besonderheiten des Ansatzes und Prognosefähigkeit und –schwierigkeit jeweils die wichtigsten Punkte und tragt diese stichpunktartig in die entsprechende Spalte Tabelle ein.
  3. Bildet für das Gruppenpuzzle jeweils neue Gruppen mit je einem Mitglied aus jeder Arbeitsgruppe (A bis D) und stellt euch in den neuen Gruppen gegenseitig jeweils das Modell euer Ursprungsgruppe vor. Vergleicht die Erklärungsmodelle und diskutiert Unterschiede. 

(A) DER SOZIOLOGISCHE ERKLÄRUNGSANSATZ

Ein erster klassischer Ansatz betont die Bedeutung des sozialen Umfelds für das Wahlverhalten. Beim soziologischen Erklärungsansatz wird zwischen zwei Perspektiven unterschieden: mikro - und makro soziologisch.

1. Die mikrosoziologische Perspektive
Forschungsgeschichte: Schulebildend für dieses in der wissenschaftlichen Literatur als mikrosoziologischer, sozialstruktureller oder auch gruppentheoretischer Ansatz bezeichnete Erklärungsmodell war die Untersuchung des Meinungsbildungsprozesses bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl 1940 in Erie County (Ohio) durch Paul F. Lazarsfeld und seine Mitarbeiter an der Columbia University.

Hauptaussage: „Wahlverhalten ist Gruppenverhalten.“ Weniger der ursprünglich angenommene Einfluss der Massenmedien oder der Wahlpropaganda als vielmehr die Zugehörigkeit zu verschiedenen sozialen Gruppen mit festen politischen Verhaltensnormen bestimmte demnach die individuelle Wahlentscheidung.

Perspektiven: Das Zusammenspiel der verschiedenen Gruppenzugehörigkeiten konnte mithilfe der Merkmale sozioökonomischer Status, Konfessionszugehörigkeit und Größe des Wohnorts in hohem Ausmaß nachgewiesen werden.
Je gleichgerichteter die Wahlnormen der verschiedenen Gruppen waren, denen der einzelne Wahlberechtigte angehörte, desto geringer war die Wahrscheinlichkeit einer individuell abweichenden Wahlentscheidung. Überlagerten sich bei den Wahlberechtigten jedoch einander widersprechende Loyalitätsforderungen (cross-pressures) aus den unterschiedlichen Gruppen, denen sie angehörten, reagierten sie im Allgemeinen mit der Reduzierung des politischen Interesses und der zeitlichen Herauszögerung der Wahlentscheidung. In diesem Fall musste zuerst eine Entscheidung darüber fallen, welche Gruppenzugehörigkeit denn jetzt als wichtigste – und damit als verhaltensrelevant – angesehen werden sollte.

Prognosefähigkeit und -schwierigkeit: Bis zu den jüngsten Wahlanalysen konnten auch neuere Untersuchungen immer wieder den großen Einfluss des sozialen Umfelds auf den individuellen politischen Meinungsbildungsprozess nachweisen. Die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft, eine starke Bindung an die katholische Kirche oder auch eine Verwurzelung im protestantischen Selbstständigen- bzw. Handwerkermilieu haben auch heute noch – insbesondere bei Koppelung mehrerer Faktoren – einen hohen Vorhersagewert für die Wahlentscheidung. Das Erklärungsmodell sieht das Individuum idealtypisch im Mittelpunkt konzentrischer , sich gegenseitig verstärkender sozialer Einflusskreise und veranschaulicht aus dieser Perspektive in besonderer Weise ein stabiles, über einen längeren Zeitraum hinweg konstantes Wahlverhalten. Kurzfristige Änderungen der Wahlentscheidung können auf diese Weise hingegen nur unzureichend erklärt werden.

2. Die makrosoziologische Perspektive
Die Grundgedanken des mikrosoziologischen Erklärungsansatzes lassen sich auch auf die Analyse der Herausbildung und Entwicklung von Parteiensystemen übertragen. Diese makrosoziologische Perspektive und Erweiterung hebt ab auf längerfristig stabile Allianzen zwischen bestimmten Bevölkerungsgruppen und politischen Parteien, wie sie in Westeuropa seit dem 19. Jahrhundert zu beobachten sind.

Forschungsgeschichte: Seymour M. Lipset und Stein Rokkan entwickelten in ihrer über ein Dutzend Länder berücksichtigenden Untersuchung in den sechziger Jahren ein zweistufiges Modell, mit dessen Hilfe sich die Ausprägungen und auch Veränderungen von Parteiensystemen in ihren Grundzügen erklären lassen.

Hauptaussage: „Wahlverhalten ist auf historische Konfliktlinien zurückzuführen.“

Perspektiven: Demnach hängt die Herausbildung der westeuropäischen Parteiensysteme eng mit dem Demokratisierungsprozess im 19. und im 20. Jahrhundert zusammen. Die verschiedenen Länder durchliefen hierbei eine vergleichbare Entwicklung. Idealtypisch betrachtet waren jeweils vier grundlegende Probleme zu bewältigen:
  • das Verhältnis von Zentrum und Peripherie im Zuge der nationalen Staatengründung,
  • der Konflikt zwischen Kirche und weltlicher Macht um die politische und kulturelle Vorherrschaft im neuen Staat,
  • die mit Beginn der Industrialisierung auseinanderstrebenden Interessen von ländlich-agrarischen und städtisch-handwerklichen Gebieten und
  • die Auseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit.
In all diesen Fällen koalierten politische Eliten mit den betroffenen, politisierten Bevölkerungsgruppen, um die jeweiligen Interessen mit Nachdruck vertreten zu können. Diese zunächst loseren Verbindungen entwickelten sich zu stabilen Parteiorganisationen und verankerten so die oben genannten Konfliktlinien (cleavages) dauerhaft in den nationalen westeuropäischen Parteiensystemen. Liberale, christdemokratische und auch sozialistische Parteien gehen in ihren Wurzeln auf diese tief greifenden Auseinandersetzungen zurück. Die vier genannten klassischen Konfliktlinien haben sich im Laufe der Zeit modernisiert. So kann heute zwischen einem Gegensatz von Management und Arbeitnehmerschaft bzw. Marktliberalen und Sozialstaatsbefürwortern (alt: Kapital und Arbeit), konservativ und modern (alt: Kirche und Staat, Zentrum und Peripherie, ländlich-agrarisch und städtisch-handwerklich) sowie materialistisch und postmaterialistisch ausgegangen werden.

Prognosefähigkeit und -schwierigkeit: Wahlanalysen mit soziologischem Ansatz betonen also die Bedeutung politisierter Milieu- oder Gruppenstrukturen, denen die einzelnen Wählerinnen und Wähler sich verbunden fühlen. Je nach Datenart verwenden sie als entsprechende Indikatoren hauptsächlich die gängigen ökonomischen und kulturellen Kategorien der Sozialstruktur wie Beruf, Einkommen, Bildung, Konfession, Alter und Wohnortgröße, zudem auch Merkmale der regionalen Industriestruktur, individuelle Gewerkschaftsmitgliedschaft oder Kirchgangshäufigkeit. Die empirische Überprüfung soziologischer Erklärungshypothesen zum individuellen Wahlverhalten kann allerdings nur mit Individualdaten erfolgen. Strukturelle Verschiebungen im Verhältnis von Parteiensystem und Sozialstruktur lassen sich hingegen in besonderer Weise mit Hilfe von Aggregatdatenanalysen aufdecken.



Forschen mit GrafStat

Grafstat Software

GrafStat ist ein wichtiges und vielfach bewährtes Werkzeug für eine teilnehmer-aktive politische Bildungsarbeit in Schule, Jugend- und Erwachsenenbildung. An ausgewählten Themen wird exemplarisch gezeigt, wie GrafStat in der Praxis eingesetzt werden kann. GrafStat ermöglicht den fachspezifischen Einsatz Neuer Medien an praxisnahen, für Jugendliche interessanten Beispielen.

Mehr lesen

Themenseite

Bundestagswahl 2017

Am 24. September 2017 fand die Wahl zum 19. Deutschen Bundestag statt. 61,7 Millionen Menschen waren zur Wahl aufgerufen, rund drei Millionen von ihnen zum ersten Mal. Auf dieser Seite informiert die Bundeszentrale für politische Bildung über die Ergebnisse, Hintergründe und ihre Angebote zur Wahl.

Mehr lesen