Partizipation vor Ort

Baustein 1: "Bist du dabei?" – das Engagement bei Jugendlichen


22.4.2013
In diesem Eingangsbaustein können die Schülerinnen und Schüler mithilfe einer Befragung ihr eigenes Partizipationsverhalten sowie ihre Einstellungen und Vorstellungen zum Thema "Partizipation" untersuchen und anschließend mithilfe von Vergleichsdaten einordnen.

Junge Menschen engagieren sich bei einer Aktion anlässlich des WeltjugendtagsJunge Menschen bei einer Aktion anlässlich des Weltjugendtags (© Martin Schemm / pixelio.de)
"Bist du dabei?" – Wie sieht es aus mit der Bereitschaft Jugendlicher, sich an (kommunal-)politischen Prozessen und Entscheidungen zu beteiligen? Welche Erfahrungen haben sie gemacht und welche Wünsche haben sie in Bezug auf die Gestaltungsmöglichkeiten? Um diesen Fragen nachzugehen führen die Schülerinnen und Schüler eine Befragung durch. Hierbei bringen sie sich in die Planung des methodischen Vorgehens ein. Im Zuge der Durchführung und Auswertung der Befragung üben sie sozialwissenschaftliche Methoden ein. Darüber hinaus lernen die Schülerinnen und Schüler die Bedeutung des Begriffs "Partizipation" sowie die Gründe für ein Mitwirken und Faktoren, die persönlichen Einsatz verhindern, kennen.

Lernziele



Inhaltlich
Die Schülerinnen und Schüler…
  • lernen den Begriff Partizipation und seine Bedeutung kennen.
  • reflektieren, welche Einstellung sie selbst zur Partizipation haben und wie diese im Vergleich mit Jugendlichen in Deutschland allgemein einzuordnen sind.
  • erarbeiten Gründe für politische Teilhabe und erkennen Verhaltensmuster und Einstellungen, die das Engagement von Jugendlichen verhindern.
Methodisch
Die Schülerinnen und Schüler…
  • planen gemeinsam das methodische Vorgehen für die Beantwortung einer sozialwissenschaftlichen Ausgangsfrage.
  • planen eine Befragung, führen diese durch und werten die Ergebnisse – mithilfe der Software GrafStat – zielgerichtet aus.
  • vergleichen Daten der eigenen Erhebung mit Daten anderer Erhebungen, um eine Einordnung vorzunehmen zu können.
  • stellen selbst erarbeitete Sachverhalte korrekt und verständlich mithilfe verschiedener Präsentationsformen dar.

"Wie seid ihr denn drauf?" – Mitwirkung von Jugendlichen



Zum Einstieg präsentiert die Lehrkraft den Rapsong "mitWirkung" (M 01.01), die Schülerinnen und Schüler können den Liedtext ggf. zur Unterstützung mitlesen. Der Song thematisiert, dass Jugendliche sich durchaus für ihre Belange einsetzen und vor allem ernst genommen werden wollen. Die Sänger fordern die Teilhabe und Mitbestimmung der Jugend ein ("Gebt mir eine Stimme!" "Lasst die Jugend mitarbeiten!"). Darüber hinaus stellen sie die Behauptung auf: "Ihr [die Erwachsenen] schätzt uns falsch ein.". Nachdem die Schülerinnen und Schüler die Einzelaussagen des Liedtextes erarbeitet haben, beziehen sie zu diesen Stellung. Im Zuge dessen können bereits erste Erfahrungen und Einstellungen zum eigenen Engagement ausgetauscht werden. Es stellt sich die Frage, ob es sich bei den Forderungen im Liedtext um eine Einzelmeinung handelt oder nicht. Mit dieser Frage kann die Lehrkraft zum Brainstorming überleiten.

Einstiegsalternative: Alternativ, wenn ein Einstieg über den Rapsong nicht gewünscht oder technisch nicht realisierbar ist, kann mit Aussagen von Jugendlichen zu ihrem Engagement bzw. Nicht- Engagement (M 01.09) eingestiegen werden. Bei diesem Einstieg liegt der Schwerpunkt eher auf der Thematisierung der Gründe für vorhandenes oder fehlendes Engagement, welcher in der Vertiefungsphase mit einem Text (M 01.10) dann wieder aufgegriffen wird. Eine Schwerpunktsetzung auf die Gründe für vorhandene oder fehlende Partizipation bietet einen guten Ansatzpunkt, nicht nur, um die Motivation für Engagement zu thematisieren, sondern auch bei den Schülerinnen und Schülern zu wecken.
In der Überleitung zur Entwicklung eines Untersuchungsschwerpunkts fragt die Lehrkraft die Schülerinnen und Schüler, wie man herausfinden kann, warum sich Jugendliche engagieren oder eben nicht. Darüber hinaus sollte auch der Untersuchungsaspekt, ob Jugendliche sich überhaupt beteiligen oder nicht, herausgearbeitet werden.

Entwicklung eines Untersuchungsschwerpunktes
Die Lehrerin/der Lehrer fragt die Schülerinnen und Schüler, wie man untersuchen kann, ob die Aussage "Ihr schätzt uns falsch ein!" auf sie selbst, die Schülerinnen und Schüler an der Schule oder die Jugendlichen in ihrem Stadtteil oder ihrer Gemeinde zutrifft. Die Ausgangslage des Projektes bestimmt in dieser Phase maßgeblich die weitere Gestaltung des Unterrichts (siehe Info 04.01). Im Zuge eines Brainstormings formulieren die Schülerinnen und Schüler Fragen, mittels derer sie das Engagement von Jugendlichen untersuchen können. Folgende Themenschwerpunkte können hierbei entwickelt werden, die in diesem und den nachfolgenden Bausteinen zum Gegenstand des Unterrichts gemacht werden:
  • Haben Jugendliche überhaupt Interesse an politischer Teilhabe? (Befragung, Baustein 1)
  • Aus welchen Gründen engagieren sie sich (nicht)? (Befragung, Baustein 1)
  • Wofür engagieren Jugendliche sich? (Befragung, Baustein 1)
  • Wie stark engagieren sich die Schülerinnen und Schüler in unserer/m Klasse, Schule oder Stadtteil? (Befragung, Baustein 1)
  • Für welche konkreten Themen vor Ort möchten wir uns oder sich andere Schülerinnen und Schüler unserer Schule einsetzen? (Befragung, Baustein 1, Baustein 4)
  • Welche Beteiligungsmöglichkeiten kennen wir (Baustein 1) und welche gibt es tatsächlich in unserer Gemeinde, bzw. unserem Stadtteil. (Baustein 3)?
  • Welche Einflussmöglichkeiten und Mitbestimmungsrechte haben Kinder und Jugendliche überhaupt? (Baustein 2)

Befragung planen und durchführen



FragebogenFragebogen (© berwis / pixelio.de)
Den Ergebnissen des Brainstormings entsprechend kann in der nachfolgenden Befragung der Untersuchungsschwerpunkt festgelegt werden. Der Fragebogen (M 01.02) kann entweder dazu genutzt werden, eine Befragung in der Klasse, der Jahrgangsstufe oder der Schule durchzuführen, um die Bereitschaft zur Teilhabe, die bevorzugten Formen der Mitwirkung und die ansprechendsten Themenfelder ausfindig zu machen. In Anknüpfung an die Ergebnisse der Befragung können dann gemeinsam Projektideen entwickelt werden. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass in der Lerngemeinschaft bereits konkrete Ziele bestehen, z. B. die Durchführung einer Befragung zur Zufriedenheit mit den Freizeitmöglichkeiten im Umfeld; etwa die Gestaltungswünsche für einen neuen Skaterplatz, etc. In diesem Falle muss der Fragebogen (M 01.02) an die individuellen Ziele angepasst werden.

Je nach Alter und Leistungsstand der Lerngruppe sowie den zeitliche Kapazitäten wird das nachfolgende Planungsgespräch vorstrukturiert und durchgeführt. Die folgenden Fragen dienen hierbei als Leitfaden:

1. Zielgruppe: WEN befragen wir?
  • Führen wir die Befragung in unserer Klasse, in der Jahrgangsstufe, in der ganzen Schule oder sogar in der Kommune durch?
  • Wird die Befragung in der Gemeinde, bzw. dem Stadtteil durchgeführt?
  • Kann diese Aktion bereits als punktuelle Beteiligungsform im Sinne einer Vorbereitung weiterer Aktionen verstanden werden (s. Praxisbeispiele in Info 04.04 und Info 04.03)?
2. Befragungsschwerpunkt: WAS fragen wir? Welche Aspekte und Fragen sollten im Fragebogen vorkommen?
  • Faktoren des Wohlbefindens: Was sollte sich in der Kommune verändern? (z. B. Freizeitmöglichkeiten, Verkehrslage)
  • Bestandsaufnahme von genereller Bereitschaft zur Mitwirkung und tatsächlichem Engagement
  • Gegenstand jugendlicher Partizipation – Welche Interessen haben die Jugendlichen?
  • Feststellung der Partizipationsmöglichkeiten in der Schule, in der Gemeinde oder im Stadtteil
3. Befragungsart: WIE wollen wir befragen?
  • Eignet sich eine Onlinebefragung, eine Papierbefragung mit Rücklauf oder eine Straßenbefragung?
Vorschau: Musterfragebogen "Partizipation vor Ort"Vorschau: Musterfragebogen "Partizipation vor Ort" (© Forschen mit GrafStat)
Im Anschluss an das Planungsgespräch wird ein entsprechender Fragebogen erstellt oder der Musterfragebogen (M 01.02) an das eigene Befragungsvorhaben angepasst. Die Befragung kann daraufhin anonym mittels einer Onlineumfrage, per Papierbefragung oder Straßenbefragung durchgeführt werden (s. Information zu den verschiedenen Befragungsarten im Bereich Didaktische Konzeption).

Befragung auswerten
Nachdem die Daten erhoben worden sind, können die Schülerinnen und Schüler die Daten auswerten. In arbeitsteiliger Partner- oder Gruppenarbeit untersuchen sie die Daten nach ausgewählten Aspekten.

Mögliche Auswertungspunkte sind folgende:
  • Wie engagieren sich die Schülerinnen und Schüler?
  • In welchem Maße engagieren sie sich?
  • In welchen Themenbereichen und Gruppen engagieren sie sich?
  • Wo würden sie sich gerne zukünftig engagieren?
  • Welche Form der Beteiligung erscheint besonders attraktiv?
  • Aus welchen Gründen engagieren sie sich?
  • Welche Motive oder äußeren Umstände verhindern ihr Engagement?
  • etc.
Für die Auswertung der Ergebnisse durch die Schülerinnen und Schüler stehen unterstützende Anleitungen zu einzelnen Auswertungsfunktionen der Software GrafStat zur Verfügung (M 01.03M 01.06). Die Ergebnisse der Auswertungsphase werden von den Schülerinnen und Schülern anschließend präsentiert und im Plenum diskutiert.
Falls aufgrund zeitlicher Beschränkungen oder fehlender Computerplätze die Auswertung der Daten nicht gemeinsam in der Klasse erfolgen kann, können stattdessen einige ausgewählte Grafiken mit markanten Ergebnissen gemeinsam interpretiert und diskutiert werden. Die Daten werden dafür von der Lehrkraft vorab allein ausgewertet und anschließend auf Folie oder über den Beamer in der Klasse präsentiert.

Einordnender Vergleich
Im Anschluss an die Auswertung vergleichen die Schülerinnen und Schüler in vier thematischen Gruppen (Gruppenarbeit, GA) die Ergebnisse der eigenen (Klassen-)Befragung mit dem Engagement von Jugendlichen in Deutschland. Als Vergleichsdaten dienen die Ergebnisse einer Studie der Bertelsmannstiftung (M 01.07) .
Wichtig: Dieser Vergleich ist nur dann möglich, wenn bei einer Bearbeitung des Musterfragebogens die entsprechenden Fragen (Items) beibehalten worden sind.

Vertiefung



Begriffsklärung "Partizipation"
Nach der Auswertung der Daten geht es darum, sich theoretisch mit Partizipation auseinanderzusetzen. Zunächst soll der Begriff "Partizipation", der in der Fachliteratur Verwendung findet, geklärt werden. Dazu schreibt die Lehrkraft den Begriff "Mitwirkung" an die Tafel und bittet jeweils drei bis vier Schülerinnen und Schüler zeitgleich einen Begriff assoziativ an die Tafel zu schreiben. Anschließend wird die Kreide so lange an Mitschülerinnen und Mitschüler weitergereicht, dass jede/r einen Begriff an die Tafel schreiben konnte. Der Lehrer/die Lehrerin bittet die Schülerinnen und Schüler anschließend, sich die assoziierten Begriffe anzuschauen und zu erläutern, was politische Mitwirkung für sie bedeutet. Anschließend erklärt er/sie, dass 'Partizipation' ein alternativer Begriff zu 'Mitwirkung' ist. Eine genaue Definition des Begriffs können die Schülerinnen und Schüler dann mithilfe von zwei Definitionen erarbeiten. Dazu bearbeiten sie jeweils eine der zwei Definitionen zum Begriff 'Partizipation' (M 01.08), um dessen Bedeutung auszudifferenzieren und vergleichen anschließend die Ergebnisse mit ihrem Sitznachbarn.

Auseindandersetzung mit Faktoren
Vertiefend können im Anschluss daran die Gründe für Partizipation bzw. fehlende Partizipationsbereitschaft genauer erarbeitet werden. Eingeleitet werden kann diese Vertiefungsphase entweder mit Statements von Jugendlichen (M 01.09) oder mit Ergebnissen der eigenen Befragung, die die Beweg- und Hinderungsgründe für Mitwirkung benennen. Als Basis zur vertiefenden Erarbeitung von Gründen, warum es sinnvoll ist, sich zu engagieren und zu beteiligen, dient ein Vertiefungstext (M 01.10), der die Gründe für Partizipation aus der Perspektive der Jugendlichen darstellt. Die Schülerinnen und Schüler erarbeiten aus dem Text die verschiedenen Aspekte / Gründe heraus, erstellen kleine Plädoyers für Partizipation und diskutieren anschließend im Plenum.
Für den Fall, dass für den Einstieg in den Baustein die Alternativvariante gewählt wurde, kann die Vertiefungsphase auch daran anknüpfend eingeleitet werden.

Eine tabellarische Übersicht über den Verlauf des Bausteins 1 steht als PDF-Icon PDF-Dokument zum Download bereit.