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30.11.2007

M 03.11 Zum "Ausländer" gemacht

Der Text verdeutlicht, dass Menschen, die keine deutschen Wurzeln haben, sich nicht unbedingt als Ausländer fühlen müssen, dass sie allerdings von anderen Menschen häufig als "anders" oder "fremd" wahrgenommen werden.

Die folgenden Ausgrenzungserlebnisse gehören für Menschen zum Alltag, die offensichtlich aus Familien stammen, die nach Deutschland zugewandert sind:

"Ich hab mich nie als Ausländerin gefühlt", erzählt Sevim. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Bis zu dem Zeitpunkt, als sie zum ersten Mal bemerkte, dass sie sich zwar selbst nicht als anders betrachtete, aber von vielen Mitmenschen so gesehen wurde. Dieses "erste Mal" kann ein scheinbar unbedeutendes Erlebnis sein.

So hatte etwa der kleine Mehmet den Wettbewerb "Sicher durch den Straßenverkehr" gewonnen. Daraufhin wurde er zu einem Empfang beim Bürgermeister geladen. Er war dort das einzige Kind mit Migrationshintergrund [= dessen Eltern oder Großeltern eingewandert sind]. Als der Bürgermeister fragte, woher er denn komme, da nannte Mehmet den Namen des Dorfes nahe Bielefeld, in dem er mit seinen Eltern wohnte. Worauf der gesamte Saal in Lachen ausbrach. Die Anwesenden hatten erwartet, dass der Junge sich als "Ausländer" identifizierte: "Ich komme aus der Türkei". Für den kleinen Mehmet barg dieses Erlebnis eine initiale [erstmalige] Erkenntnis – die Erkenntnis nämlich, dass er anders ist, dass er von woanders kommt und dass er offenbar nicht dazugehört.

Zuvor hatte Mehmet, der in Deutschland geboren wurde, fest geglaubt, dass er dazugehört – zu den anderen Kindern, zu seinem Dorf und letztlich auch zu Deutschland. Diese Selbstverständlichkeit war danach dahin. Seitdem ist er - kaum hatte jemand seine schwarzen Haare bemerkt oder seinen Namen gehört - immer wieder gefragt worden, wo er denn herkomme. Und immer wurde so lange gebohrt, bis seine "Fremdheit" zum Vorschein kam.

Aus: Mark Terkessidis: Alltagsrassismus und Alltagsdiskriminierung als Hindernis der Integration, in: Forum gegen Rassismus: Umsetzung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG ), http://www.nrwgegendiskriminierung.de/de/docs/pdf/Infobrief-09.pdf (28.11.2007).

Aufgaben:

  • Beschreibe kurz, wodurch Sevim und Mehmet das Gefühl bekommen haben, anders als andere Menschen zu sein.
  • Überlege, was sich für Sevim und Mehmet geändert hat, nachdem sie als "Ausländer" bezeichnet wurden?
  • Weshalb haben die Menschen im Saal gelacht? Wie haben sie das gemeint - haben sie ihn ausgelacht? Was meinst du, wie hat sich Mehmet dabei gefühlt?