Anti-Nazi-Aufkleber

31.7.2014

M 03.03 Fallbeispiel Kevin

I: In Deutschland gibt es nach Angaben des Verfassungsschutzes rund 22400 Nazis. Rund 10000 davon sind sogar gewaltbereit. Doch wie rutscht man eigentlich in die rechte Szene? Kaum jemand kann das so gut beantworten, wie Kevin Müller 24 Jahre. Rund 7 Jahre war er in der Szene aktiv. Kevin, es ist gar nicht so leicht dich zu treffen, du gehst auf Nummer sicher, bevorzugst öffentliche Orte, wovor hast du Angst?

K: Seit meinem Ausstieg habe ich etliche Morddrohungen aus der rechten Szene erhalten und es gab auch schon körperliche Übergriffe. Darum musste ich mich absichern, da auch Nazis versuchen mich zu treffen unter dem Pseudonym, sie wären von der Presse oder Interessenten der rechten Szene oder was auch immer.

I: Du warst 7 Jahre bei der NPD dabei, sogar Schatzmeister in Spandau, wie bist du in die Szene reingerutscht?

K: Ich war einer von sehr vielen frustrierten Jugendlichen. Ich bin aus Grunewald in die Uckermark gezogen, da ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch. Ich hatte vorher keine Berührung mit Nazis gehabt, erst zu dem Zeitpunkt meines Umzugs nach Brandenburg. Mit 14 war ich noch in der Hip-Hop-Szene, trug weite Hosen, Markenklamotten, Baggies und das passte der damaligen Dorfjugend gar nicht in den Kram. Damals war es sehr modern Alpha Bomberjacken zu tragen und enge Jeans. Ich passte einfach nicht in ihr Weltbild. Anfangs bin ich noch als Opfer in die rechte Szene reingerutscht. Durch Frustrationen, die mich geplagt haben, weil u.a. in Kreuzberg und Neukölln Ausländer Übergriffe auf mich ausgeübt haben, weil ich ein Deutscher bin; so haben sich einige Sachen, die ich von den Rechten gehört hatte, bestätigt. Die Rechten meinten, dass man in der Zwischenzeit ein Fremder in seinem eigenen Land wäre und sich hier nicht mehr frei bewegen kann. Das war der Grund, warum ich eingestiegen bin.

I: Du hast mal gesagt, Musik sei die Eintrittskarte ins vierte Reich, was genau meinst du damit?

K: Die Musik ist sehr wichtig, um sich in die rechte Gesellschaft zu integrieren. Sie lockt und ich möchte jetzt nicht sagen, dass sind unterschwellige Botschaften vermittelt, aber es setzt sich halt ziemlich ins Hirn fest. Jede Subkultur und jeder Jugendkultur braucht ihre Musik und kann sich damit identifizieren und so auch eben die rechte Kultur. Die Nazis machen auch den Holocaust lächerlich mit Liedern wie „Haste Hunger ist dir kalt, willst zurück nach Buchenwald. Deine Mutter hatte Glück und kam nach Ravensbrück.“ Und das sind Texte, die den Holocaust verharmlosen und man kann sich dann damit ganz anders auseinandersetzen. Ein weiterer Schritt auf dem Weg eines verfestigten Nationalsozialisten ist dann die Leugnung des Holocaust. Man kann sich selber einfach viel wohler fühlen, wenn man denkt oder glaubt zu wissen, dass es sowas nicht gegeben hat und das Ganze eine riesen Lüge der Juden selbst ist.

I: Nach den 7 Jahren bist du aber ausgestiegen, was war da der Punkt, der dich ins Grübeln gebracht hat? Wo kamen die Zweifel her?

K: Es waren mehrere Aspekte gewesen u.a. eine ziemlich extreme Gewalterfahrung, die wir an einem Antifaschisten in seiner eigenen Wohnung ausgeübt haben. Dabei sind sämtliche Gedanken von mir abgefallen. Der Einstieg in die rechte Szene hat mir eigentlich bedeutet, dass wir Humanisten sind und Gewalt ablehnen und dass wir die Kultur ja nur bewahren wollen. Zudem ist der Antifaschist auch ein Deutscher gewesen.

I: Und ihr seid dann in seine Wohnung und habt ihn dort verprügelt?

K: Ja so wars. Und das war halt ein Punkt. Der andere Punkt war dass, als ich ausstiegwillig war, ideologisch aber noch gefestigt war, ich einen Dialog selbst mit Antifaschisten u.a. mit einem sehr engen Familienfreund gesucht habe und der mit mir zu Gedenkstätten wie Ravensbrück gefahren ist. Wir haben drüber geredet. Ich hatte ein Buch, was den Holocaust verleugnet, dabei und wir haben diskutiert.

I: Hast du denn an einem Aussteigerprogramm teilgenommen?

K: Nein, also ich bin an kein Aussteigerprogramm ran getreten, halte es aber dennoch für sehr wichtig. Meiner Meinung nach ist es ziemlich kompliziert an ein bestimmtes Aussteigerprogramm ran zutreten, wenn man erst eine kostenpflichtige Nummer anrufen muss. Für jemanden der noch nicht sehr gefestigt ist oder eben sehr gefestigt war in der rechten Szene, ist so ein Aussteigerprogramm natürlich sehr wichtig. Ich denke aber schon, dass vereinzelte Nazis ausstiegswillig wären, wenn man ihnen eine Perspektive bieten würde, d.h. eine Ausbildung, eine neue Heimat, eine ordentliche Wohnung, einen neuen Freundeskreis. Wenn das alles nicht geboten wird, was die rechte Szene aber bietet, sie bieten Ausbildungen in der rechten Szene, sie machen Konzerte, du hast dort deinen Freundeskreis, dein soziales Umfeld, das macht es halt nicht einfach auszusteigen. Ich gehe jetzt seit über zwei Jahren an Schulen und diskutiere dort mit Schülern von der 7. Klasse bis zu Abiturienten, um aufzuklären, wie man überhaupt reinrutschen kann, was eine Schulhofoffensive ist und warum die NPD CDs auf dem Schulhof verteilt. Ich denke, dass es wichtig ist, so früh wie möglich anzufangen aufzuklären, was Rechtsextremismus ist, warum die Rechten den Holocaust leugnen, was da die Hintergründe sind, wie die Leute aussehen, wer sie sind. Einfach komplett ohne Kompromisse aufzuklären.

I: Kevin vielen Dank für das Gespräch. Viel Glück und viel Erfolg für deine Arbeit. Danke.

Aus: Du hast die Macht (Hrsg.) Der Naziaussteiger, 30.11.2012, http://www.duhastdiemacht.de/beitr%C3%A4ge/621-der-nazi-aussteiger (13.01.2014).

Arbeitsaufträge

  1. Einzelarbeit: Welche Ursachen werden im Interview dafür genannt, dass Kevin in die rechte Szene eingestiegen ist?

  2. Partnerarbeit : Vergleiche deine Ergebnisse mit einem Partner, der das gleiche Fallbeispiel bear-beitet hat. Ergänze ggf. deine Notizen mit neuen Aspekten.

  3. Gruppenarbeit : Bildet 3er-Gruppen und beachtet, dass jeder ein anderes Fallbeispiel bearbeitet hat, sodass ihr euch über die drei verschiedenen Fallbeispiele austauschen könnt.
    • Vergleicht eure Notizen über die Fallbeispiele im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede und haltet diese stichwortartig fest.


Das Arbeitsmaterial ist PDF-Icon hier als PDF-Dokument abrufbar.


Das Auffliegen der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) hat gezeigt: In Deutschland sind Strukturen entstanden, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage stellen. Aber nicht nur im Untergrund oder am Rand der Gesellschaft gibt es rechtsextreme Einstellungen wie Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus und den Glauben an einen starken Führer.

Mehr lesen

Publikationen zum Thema

Entscheidung im Unterricht: Rechtsextremismus

Was tun gegen Rechts-
extremismus?

Rechtsextreme Strategien, um im öffentlichen Raum präsent zu sein, sind subtiler geworden. Ein ers...

Was geht? 2/2012 - Es reicht! Das Heft gegen Rassismus und Rechtsextremismus

Es reicht! Das Heft gegen Rassismus und Rechts-
extremismus

Um Rassismus und Rechts-
extremismus geht es in der neuen Ausgabe von Was geht?. Was...

Coverbild fluter Nazis

Nazis

Rechts-
extremismus ist ein häufig unterschätztes Problem in unserer Gesellschaft. Die Mordseri...

Zum Shop

Grafstat Logo Service
Wenn's Fragen gibt...

Grafstat Service

Für alle Fragen, die bei der Durchführung Ihres Projektes auftauchen, versucht das Team der Universität Münster eine Antwort zu finden - ganz gleich, ob Sie Fragen zur Software, zur Methodik oder zur Organisation Ihres Projektes haben.

Mehr lesen

Grafstat Logo Methoden
Meinungsforschung im Unterricht

Grafstat Methoden

Die Attraktivität des Unterrichtsfaches Politik/Sozialkunde kann in erheblichem Maße dadurch gesteigert werden, dass den Jugendlichen motivierende Aufgaben gestellt und Raum für Eigenaktivitäten geschaffen wird. Die unterrichtsmethodischen Vorschläge haben das Ziel, die methodischen Handlungsmöglichkeiten der Lehrperson deutlich zu erhöhen.

Mehr lesen