Refugee eleven

Fluchtursachen

14.3.2017
An jedem Tag des Jahres 2015 sind weltweit etwa 24 Menschen pro Minute geflohen.[1] Im gesamten Jahr waren mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Konflikten und Verfolgung, das entspricht ungefähr der gesamten Bevölkerung von Großbritannien und Nordirland.[2] 51 Prozent der Geflüchteten waren Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.[3]
Abdullah Youla Daffee und Neven Subotic unterhalten sich im Rahmen des Projekts "Refugee Eleven" auf dem Trainingsgelände von Borussia Dortmund über Fluchtursachen wie zum Beispiel Krieg und Armut. (© Bundeszentrale für politische Bildung)

Die Mehrheit der Menschen auf der Flucht sind Binnenvertriebene: Sie werden innerhalb ihres Landes vertrieben. Etwa ein Drittel flieht über die Landesgrenzen.[4] Neun von zehn Geflüchteten leben in Entwicklungsländern.[5] Bis nach Europa kommt nur ein kleiner Teil. 2016 sind 280.000 Asylsuchende nach Deutschland gekommen.[6]
Woher kommen die meisten Geflüchteten, die in Deutschland Asyl beantragen?Woher kommen die meisten Geflüchteten, die in Deutschland Asyl beantragen? (© bpb)

Geflüchtete Menschen verlassen ihr Zuhause meist nicht freiwillig. Flucht hat etwas mit äußeren Zwängen zu tun. Es gibt viele Gründe, die Menschen zu dieser Entscheidung nötigen: Krieg, Diskriminierung, Verfolgung, Armut und Umweltkatastrophen. In vielen Fällen ist es eine Mischung aus mehreren Gründen, die Menschen dazu bringt, ihr Herkunftsland zu verlassen.[7]

Krieg



Krieg ist weltweit eine der häufigsten Fluchtursachen.[8] Mehr als 70 Prozent der Asylsuchenden in Deutschland kommen aus Kriegs- und Krisengebieten (siehe Karte).[9] Sie fliehen vor den unmittelbaren Auswirkungen des Krieges, oft auch um einer Zwangsrekrutierung zu entgehen. Häufig werden schon Kinder zu einem Einsatz als Soldatin oder Soldat gezwungen.[10]
  • Aias Aosman

    "Die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, haben schlimme Sachen erlebt. Es hilft ihnen, wenn sie das Gefühl haben, dass ihnen hier jemand hilft. Aber man muss sich an Spielregeln halten. Wenn man sich nicht daran hält, spielt man halt nicht."

    Aias Aosman 24 Jahre, Mittelfeldspieler bei SG Dynamo Dresden, kam mit fünf Jahren aus Syrien
  • Arton Ferati

    "Die Sprache ist sehr wichtig für den Alltag, ohne Sprache kommt man nicht weit. Man muss wirklich üben, üben, üben. Aber Integration kann man nicht einfach lernen. Integration dauert Jahre."

    Arton Ferati 20 Jahre, Mittelfeldspieler bei SC Germania Erftstadt-Lechenich, kam mit zwei Jahren aus dem Kosovo
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Mehr als die Hälfte aller Menschen, die nach Deutschland geflohen sind, kommen aus Syrien, Afghanistan und Irak.[11] Dort gibt es seit vielen Jahren gewaltsame Konflikte. Syrien wird seit 2011 von einem Bürgerkrieg beherrscht.[12] Die Vereinten Nationen schätzen, dass bis 2016 bereits mehr als 400.000 Menschen in Syrien getötet wurden.[13] Die Hälfte der syrischen Bevölkerung ist auf der Flucht. Millionen leben in Flüchtlingscamps innerhalb Syriens, in Nachbarländern oder an den Grenzen Europas.[14] Doch es gibt auch viele Notunterkünfte, die überfüllt sind. Hier fehlt es an Nahrung [15] und es kommt immer wieder zu sexueller Gewalt.[16] Dann entschließen sich Menschen häufig ein weiteres Mal zur Flucht, weil sich ein vermeintlich sicherer Ort als unsicher herausstellt.

Diskriminierung



Auch Diskriminierung und Verfolgung sind Ursachen für Flucht. In einigen Ländern schränken Regierungen die Rechte ihrer Bürgerinnen und Bürger massiv ein. Sie dürfen ihre Meinung nicht frei äußern und nicht für ihre Rechte demonstrieren. Sie werden aufgrund ihrer politischen Meinung, Herkunft, Religion, sexuellen Identität oder ihres Aussehens diskriminiert und verfolgt.[17]

Diskriminierung und Verfolgung werden aber nicht immer durch Staaten verursacht. So verfolgen beispielsweise Terrororganisationen wie der sogenannte "Islamische Staat" in Syrien und Irak [18], "Boko Haram" in Nigeria [19] oder die "Taliban" in Afghanistan und Pakistan [20] systematisch Menschen, die nicht nach ihrer Ideologie leben wollen.

Neven Subotic und Abdullah Youla Daffe unterhielten sich auf dem Trainingsgelände von Borussia Dortmund über
Fluchtursachen wie zum Beispiel Krieg und Armut.Neven Subotic und Abdullah Youla Daffe unterhielten sich auf dem Trainingsgelände von Borussia Dortmund über Fluchtursachen wie zum Beispiel Krieg und Armut. (© bpb)

Armut



Viele Menschen fliehen auch vor Armut, welche mit Hunger, mangelnder Gesundheitsversorgung und Arbeitslosigkeit einhergeht. Rund 1,2 Milliarden Menschen haben weit weniger als einen Euro pro Tag zum Überleben.[21] Viele dieser Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Anlagen. Als Folge davon ist die Kindersterblichkeit in den betroffenen Regionen viel höher. Auch die Lebenserwartung Erwachsener ist geringer als in Europa.[22] Im Gegensatz zu diesen von extremer Armut Betroffenen lebt ein kleiner Teil der Menschheit in riesigem Reichtum: Ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt heute fast die Hälfte des Gesamtvermögens der Welt.[23]

Umwelt



Umweltkatastrophen zwingen Menschen ebenfalls zur Flucht. Die globale Klimaerwärmung verursacht in vielen Regionen der Welt Dürre, Überschwemmungen und schwere Stürme. Menschen, die dort bereits in Armut leben, sind davon besonders betroffen. Seit 2008 wurden durchschnittlich mehr als 26 Millionen Menschen jährlich aufgrund extremen Klimas aus ihrer Herkunftsregion vertrieben [24], besonders innerhalb von Entwicklungsländern.[25]

Die Gründe für eine Flucht sind also sehr vielfältig. Die meisten Menschen fliehen jedoch, um ein Leben in Frieden, Sicherheit und ohne Angst vor Verfolgung zu führen.


Aufgaben für den Unterricht

  • Neven und Abdullah sind beide als Kinder geflohen. Warum?
  • Welche Gründe für Flucht nennt der Text? Vervollständige deine Liste.
  • Beschreibe eine Situation, die dich zu der Entscheidung bringen würde, aus Deutschland zu fliehen.
  • Haben Menschen, die fliehen Einfluss auf die Ursachen ihrer Flucht? Diskutiere in der Gruppe.




Fußnoten

1.
Vgl. UNHCR (2016): Global Trends. Forced Displacement in 2015, S. 2. Im Internet: http://www.unhcr.de/service/zahlen-und-statistiken.html. Bei Redaktionsschluss lagen noch keine Zahlen für 2016 vor.
2.
Vgl. UNHCR (2016): Global Trends. Forced Displacement in 2015, S. 6. Im Internet: http://www.unhcr.de/service/zahlen-und-statistiken.html. Bei Redaktionsschluss lagen noch keine Zahlen für 2016 vor.
3.
Vgl. UNHCR (2016): Global Trends. Forced Displacement in 2015, S. 3. Im Internet: http://www.unhcr.de/service/zahlen-und-statistiken.html. Bei Redaktionsschluss lagen noch keine Zahlen für 2016 vor.
4.
Vgl. UNHCR (2016): Global Trends. Forced Displacement in 2015, S. 6. Im Internet: http://www.unhcr.de/service/zahlen-und-statistiken.html. Bei Redaktionsschluss lagen noch keine Zahlen für 2016 vor.
5.
Vgl. UNHCR (2016): Global Trends. Forced Displacement in 2015, S. 2. Im Internet: http://www.unhcr.de/service/zahlen-und-statistiken.html. Bei Redaktionsschluss lagen noch keine Zahlen für 2016 vor.
6.
Vgl. BAMF (2016): Schlüsselzahlen Asyl 2016. Im Internet: https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Flyer/flyer-schluesselzahlen-asyl-2016.html?nn=1694460
7.
Vgl. BAMF (2016): IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten: Überblick und erste Ergebnisse. Forschungsbericht 29, S. 23 f. Im Internet: http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Forschungsberichte/fb29-iab-bamf-soep-befragung-gefluechtete.pdf?__blob=publicationFile
8.
Vgl. BAMF (2016): IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten: Überblick und erste Ergebnisse. Forschungsbericht 29, S. 23 f. Im Internet: http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Forschungsberichte/fb29-iab-bamf-soep-befragung-gefluechtete.pdf?__blob=publicationFile
9.
Vgl. BAMF (2016): Schlüsselzahlen Asyl 2016. Im Internet: https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Flyer/flyer-schluesselzahlen-asyl-2016.html?nn=1694460
10.
Vgl. BAMF (2016): IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten: Überblick und erste Ergebnisse. Forschungsbericht 29, S. 6. Im Internet: http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Forschungsberichte/fb29-iab-bamf-soep-befragung-gefluechtete.pdf?__blob=publicationFile
11.
Vgl. BAMF (2016): Schlüsselzahlen Asyl 2016. Im Internet: https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Flyer/flyer-schluesselzahlen-asyl-2016.html?nn=1694460
12.
Vgl. Bpb (2013): Syrien: Zwei Jahre Bürgerkrieg. Im Internet: http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/156632/buergerkrieg-in-syrien-15-03-2013
13.
Vgl. United Nations Radio (2016): Syria envoy claims 400.000 have died in Syria con ict. Im Internet: http://www.unmultimedia.org/radio/english/2016/04/syria-envoy-claims-400000-have-died-in-syria-conflict/#.WDMHtWfrtaQ
14.
Vgl. UNHCR (2016): Global Trends. Forced Displacement in 2015, S. 6f. Im Internet: http://www.unhcr.de/service/zahlen-und-statistiken.html. Bei Redaktionsschluss lagen noch keine Zahlen für 2016 vor.
15.
Vgl. UN News Centre (2015): In Jordan, head of UN food relief agency urges increased funding for Syrian refugees. Im Internet: http://www.un.org/apps/news/story.asp?NewsID=51614#.WDVu7GCE670
16.
Vgl. Sola Hülsewig, SWR (2016): Wenn Frauen nur mit Sex überleben können. Im Internet: http://www.swr.de/landesschau-aktuell/uebergriffe-in-fluechtlingslagern-wenn-frauen-nur-mit-sex-ueberleben-koennen/-/id=396/did=17652592/nid=396/18h6p3j/
17.
Vgl. Julius Wolf, der Freitag (2015): Weshalb fliehen Menschen? Im Internet: https://www.freitag.de/autoren/julius-wolf/weshalb-fliehen-menschen
18.
Vgl. Miriam M. Müller, bpb (2016): Terror oder Terrorismus? Der "Islamische Staat" zwischen staatstypischer und nichtstaatlicher Gewalt. Im Internet: http://www.bpb.de/apuz/228873/der-islamische-staat-zwischen-staatstypischer-und-nichtstaatlicher-gewalt
19.
Vgl. Jan Sändig, bpb (2016): Boko Haram: Lokaler oder transnationaler Terrorismus? Im Internet: http://www.bpb.de/apuz/228876/boko-haram-lokaler-oder-transnationaler-terrorismus
20.
Vgl. Guido Steinberg, bpb (2011): Taliban. Im Internet: http://www.bpb.de/politik/extremismus/islamismus/36377/taliban
21.
Vgl. DGVN (2014): Der Bericht über die menschliche Entwicklung 2014, S. 24. Im Internet: http://www.dgvn.de/index.php?id=1922
22.
Vgl. World Health Organization (2016): World Health Statistics 2016: Monitoring health for the SDGs, S. 104ff. Im Internet: http://www.who.int/gho/publications/world_health_statistics/2016/en/
23.
Vgl. Credit Suisse AG (2016): Research Institute. Global Wealth Report 2016, S. 2. Im Internet: http://www.db.zs-intern.de/uploads/1479892972-GlobalWealthReport2016.pdf
24.
Vgl. Sophie Wirsching (2016): Hilfe für Flüchtlinge. Vor dem Klima auf der Flucht, S.1. Im Internet: https://www.brot-fuer-die-welt.de/fileadmin/mediapool/2_Downloads/WeltGemeinde/Gemeindematerial/hilfe-fluechtlinge/vor_dem_klima_auf_der_flucht.pdf
25.
Vgl. Jochen Oltmer, bpb (2013): Welche Folgen haben die globalen Umweltveränderungen für Migrationsverhältnisse? Im Internet: http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/168596/umweltveraenderungen
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