Refugee eleven

Warten

14.3.2017
Das Asylverfahren ist ein sehr aufwändiger Prozess und kann ziemlich lange dauern. Das ist von Bundesland zu Bundesland verschieden und hängt davon ab, wie viele Anträge das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bearbeiten muss. Das Warten auf die Asylentscheidung ist für Asylsuchende eine von großer Unsicherheit geprägte Zeit.

Fehmi Almgharbl und Eroll Zejnullahu unterhalten sich in der Lounge des 1. FC Union Berlin im Stadion an der Alten Försterei im Rahmen des Projekts "Refugee Eleven" darüber, wie Sport ihnen dabei hilft, Zeiten des Wartens zu bewältigen. (© Bundeszentrale für politische Bildung)

Erstaufnahmeeinrichtung



Nach ihrer Ankunft wohnen Geflüchtete zunächst in einer Erstaufnahmeeinrichtung.[1] Häufig werden Kasernen [2], Sporthallen, neu errichtete Container-Dörfer oder Zelte als Sammelunterkunft genutzt.[3] Die Geflüchteten leben dort auf engem Raum zusammen. Hunderte einander nicht bekannte Menschen teilen sich Toiletten, Duschen und Küchen. In den Schlafräumen stehen viele Reihen Betten. Häufig bieten nur Vorhänge etwas Privatsphäre. Geflüchtete haben dort kaum einen Rückzugsort, an dem sie allein sein können. Sie kommen aus verschiedenen, manchmal verfeindeten Herkunftsländern. Verschiedene Lebensweisen und Religionen stoßen aufeinander. So können auch Konflikte zwischen den Menschen entstehen.[4]

Im nächsten Schritt werden die Geflüchteten in die zuständigen Aufnahmeeinrichtungen der einzelnen Bundesländer verteilt. Das nennt sich EASY-Verteilung – Erstverteilung von Asylbegehrenden. Die Zuweisung hängt von den aktuellen Kapazitäten ab. Darüber hinaus spielt es eine Rolle, an welchem Standort des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) das jeweilige Herkunftsland der Asylsuchenden bearbeitet wird.[5]
  • Fehmi Almgharbl

    "Ich habe ein Jahr auf meine Aufenthaltserlaubnis gewartet. Die Unsicherheit über meine Zukunft war sehr schwer für mich. Mir war auch oft langweilig. Der Fußball hat mir geholfen, meine Sorgen zu vergessen."

    Fehmi Almgharbl 32 Jahre, Mittelfeldspieler bei SC Germania Erftstadt-Lechenich
  • Eroll Zejnullahu

    "Neun Jahre haben meine Eltern in einer Sammelunterkunft gelebt. Dort bin ich auch geboren. Es war eine sehr lange und sehr schwere Zeit. Meine Eltern durften nicht arbeiten, ihr Studium wurde nicht anerkannt. Besonders für meinen Vater war es erniedrigend, dass er sich nicht um seine Familie kümmern konnte. Er hatte im Kosovo seine eigene Firma."

    Eroll Zejnullahu 22 Jahre, Mittelfeldspieler beim 1. FC Union Berlin
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Königsteiner Schlüssel



Welches Bundesland wie viele Menschen aufnimmt, darüber entscheidet der sogenannte Königsteiner Schlüssel. Er wird jedes Jahr aus der Einwohnerzahl und den Steuereinnahmen der Bundesländer berechnet. Damit Familien, die während ihrer Ankunft in Deutschland in unterschiedliche Unterkünfte verteilt wurden, wieder zusammengeführt werden können, müssen sie bei ihrer Registrierung unbedingt angeben, ob und wo sich Familienmitglieder in Deutschland aufhalten.[6] Je nach Herkunftsland bleiben Geflüchtete mehrere Monate in einer Aufnahmeeinrichtung. Nach einiger Zeit können sie aber auch in kleineren Unterkünften und Wohnungen untergebracht werden.[7]

Eroll Zejnullahu und Fehmi Almgharbl trafen sich in einer Lounge des 1. FC Union Berlin im Stadion an der Alten Försterei.Eroll Zejnullahu und Fehmi Almgharbl trafen sich in einer Lounge des 1. FC Union Berlin im Stadion an der Alten Försterei. (© bpb)
In den Aufnahmeeinrichtungen bekommen die Geflüchteten Essen, Kleidung und Hygieneartikel. Wenn sie schwer krank sind, müssen sie zuerst zum Sozialamt und erhalten dort einen speziellen Krankenschein mit dem sie in eine Arztpraxis gehen können. In einigen Bundesländern wurde eine spezielle Gesundheitskarte für Geflüchtete eingeführt, mit der sie direkt zu einer Ärztin oder einem Arzt gehen können.[8] Außerdem steht ihnen ein sogenanntes "Taschengeld" für notwendige persönliche Bedürfnisse zu.[9] Für staatliche Unterstützung gelten strenge Voraussetzungen: Wer in einer Flüchtlingsunterkunft wohnt und Erspartes hat oder Geld verdient, muss die Kosten für die Unterbringung, Verpflegung und andere Leistungen an den Staat zurückzahlen.[10]

Eine Familienzusammenführung mit Familienmitgliedern, die in den Herkunftsländern verblieben sind, ist sehr schwierig. Sie dürfen nicht nach Deutschland nachkommen solange das Asylverfahren nicht abgeschlossen ist. Geflüchtete in Deutschland dürfen erst einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen, wenn ihr Asylverfahren abgeschlossen ist und sie eine Schutzform erhalten haben, die das vorsieht. Das Familienasyl gilt aber nur für Ehepartnerinnen und -partner sowie minderjährige Kinder.[11]

Bleibeperspektive



Eroll Zejnullahu und Fehmi Almgharbl waren sich einig, dass Sport in Zeiten von Unsicherheit hilft, Stress zu bewältigen.Eroll Zejnullahu und Fehmi Almgharbl waren sich einig, dass Sport in Zeiten von Unsicherheit hilft, Stress zu bewältigen. (© bpb)
In den ersten drei Monaten nach der Stellung des Asylantrages gilt die Residenzpflicht. Die Asylsuchenden dürfen sich nicht frei in ganz Deutschland bewegen, sondern nur in einem vorgegebenen Gebiet.[12] Asylsuchende mit schlechter Bleibeperspektive dürfen nicht arbeiten. Wer eine gute Bleibeperspektive hat, darf frühestens nach drei Monaten arbeiten.[13] Doch den meisten Geflüchteten fehlen die notwendigen Sprachkenntnisse. Deshalb gibt es mittlerweile viele Integrationsmaßnahmen von Bund und Ländern auch für Geflüchtete, deren Asylverfahren noch läuft. Geflüchtete mit guter Bleibeperspektive haben Anspruch auf einen Integrationskurs, in dem sie die deutsche Sprache und Gesellschaft kennenlernen.[14] Es gibt aber auch viele andere kostenlose Angebote, um Deutsch zu lernen.[15]

Schulpflicht



Minderjährige Geflüchtete erhalten in der Regel eine pädagogische Betreuung. Auch bekommen sie einen Erwachsenen als gesetzlichen Vormund zur Seite gestellt, der sie durch das Asylverfahren begleitet. Zudem gilt für sie die Schulpflicht. Wann und in welcher Form der Schulbesuch stattfindet, wird von den einzelnen Bundesländern unterschiedlich geregelt.[16]

Um Asylverfahren schneller abzuschließen, werden die Asylsuchenden nach ihrem Herkunftsland unterschieden. Eine gute Bleibeperspektive haben derzeit Geflüchtete aus Herkunftsländern wie Syrien, Eritrea, Iran und Irak. Asylsuchende aus Ländern wie Albanien und Ghana haben hingegen eine schlechte Bleibeperspektive.[17]

Beschäftigung



Das Warten auf die Asylentscheidung ist für viele Geflüchtete eine schwierige Zeit. Es fehlt oft an Beschäftigung und Perspektiven. Doch am Schlimmsten ist die Ungewissheit, wann ihr Asylverfahren entschieden wird und ob sie in Deutschland leben dürfen oder wieder in ihr Herkunftsland zurückkehren müssen.[18]


Aufgaben für den Unterricht

  • Wie unterscheidet sich das Leben in einer Aufnahmeeinrichtung von deinem Leben zu Hause? Sammle die wichtigsten Punkte.
  • Wie lange müssen Geflüchtete warten, bis sie Deutsch lernen oder arbeiten gehen dürfen?
  • Warum ist es wichtig, dass minderjährige Geflüchtete zur Schule gehen können? Diskutiere in der Gruppe.




Fußnoten

1.
Vgl. Schulz-Reiss, Christine (2016): Nachgefragt: Flucht und Integration. Basiswissen zum Mitreden. Bindlach: Loewe Verlag GmbH, S. 81.
2.
Vgl. Bundesamt für Immobilienaufgaben (2015): BImA erfolgreich bei Unterbringung von Flüchtlingen. Im Internet: https://notunterbringung.bundesimmobilien.de/977495/Bima_erfolgreich
3.
Vgl. Bpb (2015): Fluchtpunkt Europa. Unsere humanitäre Verantwortung. Bonn: Körber-Stiftung (Band 1671), S. 160.
4.
Vgl. Schulz-Reiss, Christine (2016): Nachgefragt: Flucht und Integration. Basiswissen zum Mitreden. Bindlach: Loewe Verlag GmbH, S. 81.
5.
Vgl. BAMF (2017): Erstverteilung der Asylsuchenden (EASY). Im Internet: http://www.bamf.de/DE/Fluechtlingsschutz/AblaufAsylv/Erstverteilung/erstverteilung-node.html;jsessionid=DD8DB5F7EC18A07F505AB52713D29FF2.1_cid286
6.
Vgl. Nachgefragt: Flucht und Integration, Basiswissen zum Mitreden, S. 82 f.
7.
Vgl. BAMF (2016): Persönliche Asylantragstellung. Im Internet: http://www.bamf.de/DE/Fluechtlingsschutz/AblaufAsylv/PersoenlicheAntragstellung/persoenliche-antragstellung-node.html
8.
Vgl. Ankommen App. Im Internet: www.ankommenapp.de
9.
Vgl. Schulz-Reiss, Christine (2016): Nachgefragt: Flucht und Integration. Basiswissen zum Mitreden. Bindlach: Loewe Verlag GmbH, S. 83.
10.
Vgl. Die Bundesregierung (2017): Fragen und Antworten: Flucht, Migration, Integration. Welche Leistungen stehen Asylbewerbern zu? Im Internet: https://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/DE/Themen/Fluechtlings-Asylpolitik/4-FAQ/_function/glossar_catalog.html?nn=1419512&lv2=1663008&id=GlossarEntry1659160
11.
Vgl. BAMF (2016): Familienasyl und Familiennachzug. Im Internet: http://www.bamf.de/DE/Fluechtlingsschutz/FamilienasylFamiliennachzug/familienasyl-familiennachzug-node.html
12.
Vgl. BAMF (2016): Persönliche Asylantragstellung. Im Internet: http://www.bamf.de/DE/Fluechtlingsschutz/AblaufAsylv/PersoenlicheAntragstellung/persoenliche-antragstellung-node.html
13.
Vgl. Die Bundesregierung (2017): Fragen und Antworten: Flucht, Migration, Integration. Dürfen Flüchtlinge arbeiten? Im Internet:
https://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/DE/Themen/Fluechtlings-Asylpolitik/4-FAQ/
_function/glossar_catalog.html;jsessionid=6A35AC0DF727882B50891C910ACEF917.s2t1?
nn=1419512&lv2=1663008&id=GlossarEntry1659158
14.
Vgl. BAMF (2016): Integrationskurse für Asylbewerber und Geduldete. Im Internet: http://www.bamf.de/DE/Willkommen/DeutschLernen/IntegrationskurseAsylbewerber/
integrationskurseasylbewerber-node.html
15.
Vgl. Ankommen App. Im Internet: www.ankommenapp.de
16.
Vgl. Andreas Müller, BAMF (2014): Unbegleitete Minderjährige in Deutschland. Fokus-Studie der deutschen nationalen Kontaktstelle für das Europäische Migrationsnetzwerk (EMN), S. 39. Im Internet: https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/EMN/Studien/wp60-emn-minderjaehrige-in-deutschland.pdf?__blob=publicationFile
17.
Vgl. BAMF (2016): Sichere Herkunftsstaaten. Im Internet: http://www.bamf.de/DE/Fluechtlingsschutz/Sonderverfahren/SichereHerkunftsstaaten/sichere-herkunftsstaaten-node.html. Stand: 1. August 2016 - bis zum Redaktionsschluss am 31. Januar 2017 unverändert.
18.
Vgl. Miltiadis Oulios, bpb (2014): Meinung: Leben ohne sicheren Aufenthaltstitel. Asyl- und Abschiebungspolitik aus Sicht der Betroffenen. Im Internet: http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/neukoelln-unlimited/190654/meinung-leben-ohne-sicheren-aufenthaltstitel-individuelle-perspektive
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