Wahre Welle

6.6.2018 | Von:
Max Muth

Warum Verschwörungstheorien nicht tot zu kriegen sind

Verschwörungstheorien bieten einfache Wahrheiten für eine komplizierte Welt. Wie kommen sie zustande? Und warum glauben einige Menschen daran und andere nicht?

wahrewelle.tvwahrewelle.tv (© Turbokultur/bpb)

Wären alle Verschwörungstheorien wahr, dann wäre die Welt ein ziemlich anstrengender Ort: Das Weltfinanzjudentum, die Nazis (aus der Hohlerde, deren Eingang sich in der Antarktis befindet), die Illuminaten und Reptiloiden aus der vierten Dimension streiten im Hintergrund um die Weltherrschaft. "Normale" Menschen sind in diesem Spiel nur Marionetten - und müssen sich zudem mit Problemen durch Aliens, Elektrosmog und Chemtrails herumschlagen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Elvis und John Lennon leben noch - Adolf Hitler leider auch.

Verschwörungstheorien kommen in allen Formen und Farben, von kreativen Spinnereien, über abstrus-verworren bis zu antisemitisch und brandgefährlich. Ein Urteil über sie alle zu fällen ist deshalb schwer bis unmöglich. Dennoch haben sie einige Gemeinsamkeiten.

Eine wichtige Rolle bei den meisten Verschwörungstheorien spielt der Zweifel. Ein gutes Beispiel dafür ist der Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001: Laut der offiziellen Version sollen die brennenden Flugzeuge, die in die beiden Wolkenkratzer gelenkt wurden, die Gebäude zum Einsturz gebracht haben. Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker wenden hier ein: Aber Flugzeugbenzin brennt bei einer Temperatur von 800°C, Stahlträger, wie sie beim Bau der Türme verwendet wurden, schmelzen jedoch erst bei 1500°C. Seltsam.

Ist der Zweifel erst gesät, geht der Verschwörungstheoretiker meist über zum zweiten Akt: Das Motiv. In Internetforen fällt dabei häufig der Satz: "Cui bono?" - auf deutsch: "Wem zum Vorteil?". Gemeint ist damit: Wer hätte ein Motiv für eine derartige Inszenierung? Die selbstgewisse Antwort des Verschwörungsanhängers im Fall des World Trade Centers: natürlich die USA selbst, insbesondere deren Rüstungsindustrie. Durch den Terroranschlag hatten diese einen Vorwand, um in Afghanistan und im Irak Krieg führen zu können.

Bei der Frage nach dem Motiv machen es sich Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretiker jedoch allzu leicht. Wäre die Antwort auf die Frage "Wer war es?" immer so leicht, dann wären Mordfälle sehr einfach zu lösen und der "Tatort" im Ersten ziemlich langweilig. Oft ist eben gerade nicht die oder der Verdächtige mit dem klarsten Motiv die Täterin oder der Täter. Und nur weil ich davon profitiere, dass meine Lehrerin kurz vor der Klausur krank geworden ist, heißt das nicht, dass ich sie vergiftet habe.

Zweifel an der offiziellen Version von Ereignissen sind oft durchaus angebracht. Journalistinnen und Journalisten können ein Lied davon singen, wenn sie mit Regierungen, Behörden und Geheimdiensten streiten. Doch die Verschwörungstheorie betreibt Zweifel-Rosinenpickerei. Ihre eigenen Annahmen hinterfragt sie selten. Mit Argumenten ist Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretikern deshalb schwer beizukommen. Wer ihrer Version der Ereignisse widerspricht, wird schnell zum Handlanger der Mächtigen erklärt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die behaupten, dass Stahlträger bereits bei 800°C instabil genug sind um einzustürzen, stecken mit der CIA unter einer Decke oder werden einfach ignoriert.

Eine der wichtigsten Fragen, um die Sinnhaftigkeit einer wissenschaftlichen Hypothese zu prüfen ist: Was müsste passieren, damit die Theorie sich für die Anhängerin und den Anhänger als falsch herausstellt? Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können auf diese Frage eine Antwort geben, Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretiker meist nicht. Sie setzen ihre Theorie als wahr voraus und machen sie so von vornherein unangreifbar gegenüber möglicher Kritik.

Doch wieso werden manche Zweifelnde zu investigativen Journalistinnen und Journalisten oder Physikerinnen und Physikern und andere zu Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretikern? Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versuchen seit Jahren das herauszufinden. Ein interessantes Ergebnis ihrer Studien: Wer an eine Verschwörungstheorie glaubt, der oder die glaubt mit großer Wahrscheinlichkeit auch an weitere: Reichsbürger glauben also oft auch an Chemtrails und an die jüdische Weltverschwörung: es gibt offenbar so etwas wie "Verschwörungstheoriegefährdete".

Auch dazu, warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben, gibt es mittlerweile Theorien: Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretiker sind meist felsenfest davon überzeugt, die Wahrheit zu kennen. Sie sehen es als ihre Aufgabe an, die vielen leichtgläubigen Menschen, die den offiziellen "Lügen" glauben, von ihrer Wahrheit zu überzeugen. In ihrer Wahrnehmung gehören sie also zu einem kleinen Kreis von Missonarinnen und Missionaren, die im Auftrag des Guten unterwegs sind.

Ein weiterer Grund für Verschwörungstheorien: Die Welt ist kompliziert. Krieg und Zerstörung, Finanzkrisen, Armut und Hungersnöte - vieles von dem, was auf der Welt passiert, ist schwer zu verstehen. Die meisten Menschen machen sich darüber nur wenige Gedanken. Verschwörungsgläubige dagegen suchen nach einem Grund für Alles. Und die Theorien tun ihnen den Gefallen und liefern für eine chaotisch erscheinende Welt einfache Erklärungen. So seltsam es klingt, Verschwörungstheorien können Menschen Halt geben.

All das heißt nicht, dass alle angenommenen Verschwörungen Humbug sind. Wer im Jahr 2010 behauptet hätte, dass westliche Geheimdienste die Internetkabel im Atlantik anzapfen, um illegal Daten über alle Erdbewohner abzugreifen, der wäre wohl als Spinnerin oder Spinner abgetan worden. Der Whistleblower Edward Snowden enthüllte 2013, dass genau das der Fall war. Der NSA-Skandal zeigt: Misstrauen ist durchaus angebracht.

Verschwörungstheorien können aber auch schnell gefährlich werden. Wer davon ausgeht, dass er ständig angelogen wird, der glaubt bald auch nicht mehr den Warnhinweisen der Polizei, Nachrichtenmeldungen aus den Medien und den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. In der Folge entstehen Subkulturen, die Angst vor Kondensstreifen am Himmel haben und die Impfungen für gefährlich und die Bundesrepublik für einen Unrechtsstaat halten, der bekämpft werden muss. Zu was das führen kann, konnte die Öffentlichkeit Mitte Oktober 2016 sehen. Ein Sondereinsatzkommando sollte die Waffensammlung eines Reichsbürgers beschlagnahmen. Der schoss auf die Polizisten, dabei wurde ein Beamter getötet und zwei verletzt.


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[1 Kommentar Letzter Kommentar vom 27.12.2016 15:13]

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