Ein Ausstellungsraum der Deutschen Kinemathek Berlin. Audiovisuelle Formate sind in Filmmuseen längst etabliert, setzen sich aber auch in anderen Zusammenhängen mehr und mehr durch.

15.1.2010 | Von:
Michael Baute

Geschichte und Formen der audiovisuellen Filmvermittlung

Eine Einführung

Filmvermittlung im Fernsehen

Audiovisuelle Filmvermittlung im Fernsehen war von Beginn an eine Mischung zwischen föderalem Bildungsauftrag, journalistischer Informationspflicht und der Kinoliebe einzelner Redakteure. Neben den kulturjournalistischen Formaten, in denen über aktuelle Filmstarts berichtet wurde, hat sich vor allem in Deutschland und Frankreich seit den späten 1960er Jahren ein Strang audiovisueller Filmvermittlung ausgeprägt, der aus kinemathekarischen und cinephilen Impulsen heraus Filmgeschichte und -ästhetik in neuartigen TV-Formaten vermittelte.

Herausragend ist dabei sicherlich die französische Reihe "Cinéastes de notre temps", die – mit Unterbrechungen – von 1964 bis 2001 (seit 1989 als "Cinéma, de notre temps") bestand. In der von Janine Bazin und André S. Labarthe redaktionell betreuten Reihe wurden Filmemacher von Filmemachern porträtiert, was zu zahlreichen individuellen Dokumentationen, Interview- und Essayfilmen führte.

Eine weitere, für die audiovisuelle Filmvermittlung bahnbrechende Reihe, die Ende der 1980er Jahre in Kooperation zwischen Fernsehen und Bildungsträgern in Frankreich entstand, ist die Reihe "Image par image". Unter der Leitung des französischen Filmkritikers Jean Douchet erarbeitete die Reihe Modell-Analysen von Filmklassikern (wie Sergej Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin", Fritz Langs "M – Eine Stadt sucht einen Mörder" oder Orson Welles' "Citizen Kane"). Das Prinzip der Reihe ist ihr kleinteiliges Vorgehen und ihre Konzentration auf kurze Abschnitte der behandelten Filme. Einzelne Sequenzen werden – pars pro toto – Bild für Bild durchgegangen und in Wiederholungen immer wieder neu aufgeladen und aus dem Off analysiert. Die einzelne Einstellung wird dabei als eine zentrale Einheit aufgefasst und zum Angelpunkt analytischer (politischer, zeitgeschichtlicher, moralischer, ästhetischer) Überlegungen gemacht.

Auch in Alain Bergalas 12-teiliger Reihe "Le cinéma – une histoire de plans", die 1998/99 in Zusammenarbeit zwischen Fernsehen und Filmbildungsinstitutionen entstand, ist die einzelne Film-Einstellung die grundlegende Analyse-Einheit. In jedem der 12 Filme (zu Klassikern von den Brüdern Lumière, über "La règle du jeu" von Jean Renoir und "Moonfleet" von Fritz Lang bis zu "La maman et la putain" von Jean Eustache) ist immer nur eine einzige Einstellung Gegenstand der Untersuchung. Diese Einstellung (die bei den drei Lumière-Filmen mit dem gesamten Film zusammenfällt) wird zu Beginn einmal vollständig und ohne jeden Zusatz gezeigt. Dann wird sie, über einen Zeitraum von 8 bis 10 Minuten, angehalten, verlangsamt, beschleunigt, vor- oder zurückgespult und aus dem Off in Form eines Dialogs kommentiert. Als Zuschauer ist man so – wie an einem Schneidetisch – ganz nah am Material des Films dran und erfährt zugleich etwas über die Filmgeschichte als Ganzes, über das Kino als Kunst- und Lebensraum.

Vertiefende, informierende, kommentierende Sendungen zu einzelnen Filmen, Regisseuren, Genres oder Filmländern wurden und werden auch in Deutschland hergestellt. So gibt es beispielsweise bis heute die vom WDR hergestellten Formate "Filmtip" (seit 1978) und "Kinomagazin" (seit 1990). Der "Filmtip", mit über 350 Sendungen eines der langlebigsten Filmvermittlungsformate im deutschen Fernsehen, stellt auf Basis des Autorenprinzips Neustarts oder Wiederaufführungen vor und verzichtet dabei weitgehend auf Nacherzählung und Werbung. Stattdessen steht die filmische Inszenierungsweise im Blickpunkt des Formats. Einzelne Einstellungen, besondere Schnitte, Kamerabewegungen, Lichtstimmungen werden anhand des Materials des jeweiligen Films durch sparsam verwendeten Off-Kommentar verdeutlicht und hervorgehoben. Ähnlich konzentriert, aber mit anderen Mitteln, behandelt das "Kinomagazin" zumeist einzelne Regisseure, die in ausführlichen Interviews porträtiert werden. Anhand von klug ausgewählten Ausschnitten, die zwischen den Interviewpassagen zu sehen sind, hat das "Kinomagazin" zudem den Charakter eines Dokumentarfilms, bei dem der Betrachter selbst die Verbindung zwischen den Aussagen des Regisseurs und den gezeigten Filmausschnitten herstellen kann.

Neue technologische Möglichkeiten

Viele der seit den 1960er Jahren vom Fernsehen produzierten filmvermittelnden Sendungen sind in den letzten Jahren durch Wiederveröffentlichungen als Bonus-Material von DVDs wieder zugänglich gemacht worden. Das vergleichsweise neue Medium DVD scheint bei allen technischen Unzulänglichkeiten zumindest zwei Effekte zu haben: Es gibt immer mehr Filme zu sehen – und zwar quer durch die Genres und Register – und es gibt auch in den Filmen mehr zu sehen oder an ihnen zu lernen. Die großen DVD-Produzenten (wie der US-amerikanische DVD-Verlag "Criterion", die französische Edition "Carlotta" oder die deutsche "Kinowelt") graben nicht nur alte Sendungen aus, sondern produzieren auch selber filmvermittelnde Extras. Filmanalytische Beiträge in der Großrubrik "Bonus" auf DVDs sind zwar meist nur eines von zahlreichen Extras und oft nicht unterschieden von "Making Ofs" oder Trailern für andere Filme. Doch inzwischen haben sich auch hier bemerkenswerte Herangehensweisen herausgebildet. So hat in den letzten Jahren beispielsweise der amerikanische Autor Tag Gallagher zahlreiche Essayfilme (zu Filmen von Roberto Rossellini, John Ford, Max Ophüls u.a.) veröffentlicht. Gallaghers äußerst eigene Video-Essays haben das Genre des Bonus-Films durch seinen sehr individuellen Gebrauch von Schnittrhythmen, Wiederholungen und Off-Text deutlich erweitert und dabei überraschend neue Perspektiven auf zahlreiche Filmklassiker ermöglicht.

Mit Blick auf die didaktischen Möglichkeiten hat die DVD vor allem durch die Arbeit Alain Bergalas an Bedeutung gewonnen. Als Datenträger, der einen nicht-linearen Zugriff auf das darauf vorhandene Material ermöglicht, nutzt Alain Bergala die DVD zu einer innovativen Form der audiovisuellen Filmvermittlung. Eine sorgsam zusammengestellte Auswahl an Filmausschnitten kann so in immer neuen Variationen miteinander in Beziehung gesetzt werden. Das Kino vermittelt sich hier über die Zusammenhänge, Vergleiche und Differenzen einzelner Ausschnitte, wobei der Nutzer der DVD dabei selbst aktiv zwischen ihnen vermittelt.

Neben den (Wieder-)Veröffentlichungen filmvermittelnder Filme und neuen Formen der Vermittlung auf DVD spielt spätestens seit Mitte der 0er-Jahre das Internet eine immer wichtigere Rolle für die audiovisuelle Filmvermittlung. Seit auf Portalen wie YouTube oder Vimeo immer mehr user-generated content produziert und wahrgenommen wird (und das Beschaffen und Bearbeiten von Filmen aufgrund der Digitalisierung vereinfacht wurde), kann man – mit dem Videoessayisten Kevin Lee – davon sprechen, dass immer mehr Betrachter auch zu eigenständigen Schöpfern audiovisueller Kommentare werden. The Viewer as Creator. Vielleicht wäre das auch das implizite Ziel jeder intelligenten audiovisuellen Filmvermittlung: Aktives Sehen zu lehren und immer wieder neu zu lernen.


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