Ein Ausstellungsraum der Deutschen Kinemathek Berlin. Audiovisuelle Formate sind in Filmmuseen längst etabliert, setzen sich aber auch in anderen Zusammenhängen mehr und mehr durch.
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15.1.2010 | Von:
Michael Baute

Geschichte und Formen der audiovisuellen Filmvermittlung

Eine Einführung

Die Vermittlung des Films im eigenen Medium ist älter als man denkt. In der über 100-jährigen Geschichte des Films findet sich eine parallele Geschichte der audiovisuellen Filmvermittlung. Vom Kino über das Fernsehen zu DVD und Internet sucht Michael Baute nach ihren Spuren.
Auch eine Form der Filmvermittlung: Eine Besucherin des Filmmuseums in Potsdam betrachtet eine Reihung von Bildern aus der bekannten Duschszene in Alfred Hitchcocks "Psycho".Auch eine Form der Filmvermittlung: Eine Besucherin des Filmmuseums in Potsdam betrachtet eine Reihung von Bildern aus der bekannten Duschszene in Alfred Hitchcocks "Psycho". (© AP)

Parallel zur Filmgeschichte hat es immer auch deren Vermittlung in ihrem eigenen Medium gegeben. Audiovisuelle Filmvermittlung. Filmvermittelnde Filme. Filme oder ähnliche audiovisuelle Formate, die sich mit dem Kino auseinandersetzen und sich dabei der Mittel des Kinos – bewegten Bildern, Tönen, Schnitten – bedienen. Audiovisuelle Filmvermittlung nimmt dabei die unterschiedlichsten Formen an: Es kann eine künstlerische Videoarbeit sein, die typische Einstellungen aus Filmen eines Regisseurs reiht. Oder ein Dokumentarfilm über Bild-Motive eines Genres. Oder ein filmkundlicher, didaktischer Film zur Kinovermittlung in der Schule. Auch finden sich Filmemacher wie Harun Farocki, deren eigenes Werk immer wieder von filmvermittelnden Arbeiten durchsetzt ist.


Filmvermittelnde Filme wollen etwas erläutern, erklären, "vermitteln", und zwar die Frage, was das ist: Film, Kino, und wie es in Einzelfällen funktioniert und wie es wirkt. Es sind Filme, die von anderen Filmen gelernt haben und die das, was sie gelernt haben, weitergeben wollen. Ihnen ist gemeinsam, dass sie – jedenfalls potentiell – einen direkteren Kontakt zum Material der Filme haben als Texte. Um etwas über das Medium Film zu vermitteln, bedarf es also keiner Übersetzung der Bilder in einen Text, denn das zu Beschreibende und die Beschreibung finden im gleichen Medium statt.

Dieses Genre ist bisher wenig beachtet und selbst in der Filmwissenschaft nur marginal behandelt. Ein Grund dafür ist sicher, dass sich Formate audiovisueller Filmvermittlung nicht an die Grenzen zwischen den Medien und Disziplinen halten und zahlreiche Formen annehmen und angenommen haben. Filmvermittelnde Filme finden sich gleichermaßen im Kino wie im Fernsehen, auf DVDs, in Bildungs- und Kunstzusammenhängen oder auf nutzergenerierten Kanälen wie YouTube. Das Genre umfasst viele Formate: experimentelle, analytische, didaktische, essayistische Formen für Kino, Fernsehen, Museum, Schule. In einer immer stärker visuell geprägten Kultur sind sie der Versuch, sich dem Visuellen über das Visuelle zu nähern.

Eine lange Tradition

Schon früh in der Filmgeschichte, ab den 10er Jahren des 20. Jahrhunderts, sind solche Filme entstanden. Zunächst als kurze filmologische Lehr- und Kulturfilme, die als Vorfilm in den Kinos gezeigt wurden. Oft behandelten sie die technische Seite der Filmherstellung: Wie funktioniert eine Kamera? Wie werden bewegte Bilder auf Film aufgenommen? Wie werden aus unterschiedlichen Einstellungen Szenen zusammengesetzt? Meist wurden diese Filme von den Filmstudios selbst hergestellt. Das interessierte und begierige Publikum musste mit immer mehr Informationen zum immer wichtiger werdenden Medium versorgt werden. So inszenierte bspw. 1924 Friedrich Porges den 6-teiligen Kulturfilm "Der Film im Film. Ein Blick hinter die Kulissen", in dem die "Geschichte der Kinematografie", die "inhaltliche Entwicklung des Films", die "Wunder des Films", das "Werden des Films", der Weg "vom Filmband zum fertigen Film" sowie "die künstlerische Arbeit am Film" vermittelt werden.

Aufgrund ihrer Affinität zur Industrie sind dann auch viele frühe filmvermittelnde Filme nur dürftig getarnte Werbung: "Making Ofs", die, wie zahlreiche TV-Formate und DVD-Bonusmaterialien heutzutage, um Schauspieler, Stars und den neuesten zu bewerbenden Film kreisen. Ein frühes amerikanisches Beispiel für eine solche Nähe zwischen Werbung und Information: Die Warner-Production "A Trip Thru a Hollywood Studio" (R: Ralph Staub) von 1935, die einen Überblick über die Studiolandschaft zu Beginn der 30er Jahre inszeniert, um dann an einem Warner-Set zu landen, auf dem Busby Berkeley gerade eine Choreographie einstudiert.

Doch auch die Bildungsträger (Schulen und Universitäten) haben schon früh Filme in Auftrag gegeben, die dem Publikum - vor allem Schülern und Studenten - Filmtechnik, -geschichte und -ästhetik vermitteln sollten. Ein Beispiel für einen solchen Film ist Ekkehard Schevens "Das Wunder des Films" von 1955, in dem mehrere Kulturfilme zu einzelnen Phasen der Filmproduktion in eine Rahmenhandlung mit dem Regisseur Helmut Käutner integriert sind. Spätestens ab den 1960er Jahren wurde schließlich das Fernsehen zum wichtigsten Produzenten filmvermittelnder Formate.

Filmvermittlung im Fernsehen

Audiovisuelle Filmvermittlung im Fernsehen war von Beginn an eine Mischung zwischen föderalem Bildungsauftrag, journalistischer Informationspflicht und der Kinoliebe einzelner Redakteure. Neben den kulturjournalistischen Formaten, in denen über aktuelle Filmstarts berichtet wurde, hat sich vor allem in Deutschland und Frankreich seit den späten 1960er Jahren ein Strang audiovisueller Filmvermittlung ausgeprägt, der aus kinemathekarischen und cinephilen Impulsen heraus Filmgeschichte und -ästhetik in neuartigen TV-Formaten vermittelte.

Herausragend ist dabei sicherlich die französische Reihe "Cinéastes de notre temps", die – mit Unterbrechungen – von 1964 bis 2001 (seit 1989 als "Cinéma, de notre temps") bestand. In der von Janine Bazin und André S. Labarthe redaktionell betreuten Reihe wurden Filmemacher von Filmemachern porträtiert, was zu zahlreichen individuellen Dokumentationen, Interview- und Essayfilmen führte.

Eine weitere, für die audiovisuelle Filmvermittlung bahnbrechende Reihe, die Ende der 1980er Jahre in Kooperation zwischen Fernsehen und Bildungsträgern in Frankreich entstand, ist die Reihe "Image par image". Unter der Leitung des französischen Filmkritikers Jean Douchet erarbeitete die Reihe Modell-Analysen von Filmklassikern (wie Sergej Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin", Fritz Langs "M – Eine Stadt sucht einen Mörder" oder Orson Welles' "Citizen Kane"). Das Prinzip der Reihe ist ihr kleinteiliges Vorgehen und ihre Konzentration auf kurze Abschnitte der behandelten Filme. Einzelne Sequenzen werden – pars pro toto – Bild für Bild durchgegangen und in Wiederholungen immer wieder neu aufgeladen und aus dem Off analysiert. Die einzelne Einstellung wird dabei als eine zentrale Einheit aufgefasst und zum Angelpunkt analytischer (politischer, zeitgeschichtlicher, moralischer, ästhetischer) Überlegungen gemacht.

Auch in Alain Bergalas 12-teiliger Reihe "Le cinéma – une histoire de plans", die 1998/99 in Zusammenarbeit zwischen Fernsehen und Filmbildungsinstitutionen entstand, ist die einzelne Film-Einstellung die grundlegende Analyse-Einheit. In jedem der 12 Filme (zu Klassikern von den Brüdern Lumière, über "La règle du jeu" von Jean Renoir und "Moonfleet" von Fritz Lang bis zu "La maman et la putain" von Jean Eustache) ist immer nur eine einzige Einstellung Gegenstand der Untersuchung. Diese Einstellung (die bei den drei Lumière-Filmen mit dem gesamten Film zusammenfällt) wird zu Beginn einmal vollständig und ohne jeden Zusatz gezeigt. Dann wird sie, über einen Zeitraum von 8 bis 10 Minuten, angehalten, verlangsamt, beschleunigt, vor- oder zurückgespult und aus dem Off in Form eines Dialogs kommentiert. Als Zuschauer ist man so – wie an einem Schneidetisch – ganz nah am Material des Films dran und erfährt zugleich etwas über die Filmgeschichte als Ganzes, über das Kino als Kunst- und Lebensraum.

Vertiefende, informierende, kommentierende Sendungen zu einzelnen Filmen, Regisseuren, Genres oder Filmländern wurden und werden auch in Deutschland hergestellt. So gibt es beispielsweise bis heute die vom WDR hergestellten Formate "Filmtip" (seit 1978) und "Kinomagazin" (seit 1990). Der "Filmtip", mit über 350 Sendungen eines der langlebigsten Filmvermittlungsformate im deutschen Fernsehen, stellt auf Basis des Autorenprinzips Neustarts oder Wiederaufführungen vor und verzichtet dabei weitgehend auf Nacherzählung und Werbung. Stattdessen steht die filmische Inszenierungsweise im Blickpunkt des Formats. Einzelne Einstellungen, besondere Schnitte, Kamerabewegungen, Lichtstimmungen werden anhand des Materials des jeweiligen Films durch sparsam verwendeten Off-Kommentar verdeutlicht und hervorgehoben. Ähnlich konzentriert, aber mit anderen Mitteln, behandelt das "Kinomagazin" zumeist einzelne Regisseure, die in ausführlichen Interviews porträtiert werden. Anhand von klug ausgewählten Ausschnitten, die zwischen den Interviewpassagen zu sehen sind, hat das "Kinomagazin" zudem den Charakter eines Dokumentarfilms, bei dem der Betrachter selbst die Verbindung zwischen den Aussagen des Regisseurs und den gezeigten Filmausschnitten herstellen kann.

Neue technologische Möglichkeiten

Viele der seit den 1960er Jahren vom Fernsehen produzierten filmvermittelnden Sendungen sind in den letzten Jahren durch Wiederveröffentlichungen als Bonus-Material von DVDs wieder zugänglich gemacht worden. Das vergleichsweise neue Medium DVD scheint bei allen technischen Unzulänglichkeiten zumindest zwei Effekte zu haben: Es gibt immer mehr Filme zu sehen – und zwar quer durch die Genres und Register – und es gibt auch in den Filmen mehr zu sehen oder an ihnen zu lernen. Die großen DVD-Produzenten (wie der US-amerikanische DVD-Verlag "Criterion", die französische Edition "Carlotta" oder die deutsche "Kinowelt") graben nicht nur alte Sendungen aus, sondern produzieren auch selber filmvermittelnde Extras. Filmanalytische Beiträge in der Großrubrik "Bonus" auf DVDs sind zwar meist nur eines von zahlreichen Extras und oft nicht unterschieden von "Making Ofs" oder Trailern für andere Filme. Doch inzwischen haben sich auch hier bemerkenswerte Herangehensweisen herausgebildet. So hat in den letzten Jahren beispielsweise der amerikanische Autor Tag Gallagher zahlreiche Essayfilme (zu Filmen von Roberto Rossellini, John Ford, Max Ophüls u.a.) veröffentlicht. Gallaghers äußerst eigene Video-Essays haben das Genre des Bonus-Films durch seinen sehr individuellen Gebrauch von Schnittrhythmen, Wiederholungen und Off-Text deutlich erweitert und dabei überraschend neue Perspektiven auf zahlreiche Filmklassiker ermöglicht.

Mit Blick auf die didaktischen Möglichkeiten hat die DVD vor allem durch die Arbeit Alain Bergalas an Bedeutung gewonnen. Als Datenträger, der einen nicht-linearen Zugriff auf das darauf vorhandene Material ermöglicht, nutzt Alain Bergala die DVD zu einer innovativen Form der audiovisuellen Filmvermittlung. Eine sorgsam zusammengestellte Auswahl an Filmausschnitten kann so in immer neuen Variationen miteinander in Beziehung gesetzt werden. Das Kino vermittelt sich hier über die Zusammenhänge, Vergleiche und Differenzen einzelner Ausschnitte, wobei der Nutzer der DVD dabei selbst aktiv zwischen ihnen vermittelt.

Neben den (Wieder-)Veröffentlichungen filmvermittelnder Filme und neuen Formen der Vermittlung auf DVD spielt spätestens seit Mitte der 0er-Jahre das Internet eine immer wichtigere Rolle für die audiovisuelle Filmvermittlung. Seit auf Portalen wie YouTube oder Vimeo immer mehr user-generated content produziert und wahrgenommen wird (und das Beschaffen und Bearbeiten von Filmen aufgrund der Digitalisierung vereinfacht wurde), kann man – mit dem Videoessayisten Kevin Lee – davon sprechen, dass immer mehr Betrachter auch zu eigenständigen Schöpfern audiovisueller Kommentare werden. The Viewer as Creator. Vielleicht wäre das auch das implizite Ziel jeder intelligenten audiovisuellen Filmvermittlung: Aktives Sehen zu lehren und immer wieder neu zu lernen.
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