Ein Ausstellungsraum der Deutschen Kinemathek Berlin. Audiovisuelle Formate sind in Filmmuseen längst etabliert, setzen sich aber auch in anderen Zusammenhängen mehr und mehr durch.

15.1.2010 | Von:
Helmut Merker

Das Verstehen als sinnliches Vergnügen

Der WDR Filmtip als Opposition gegen die große Komplizenschaft der Quotenjäger

So wie Literaturkritik wieder Literatur ist, jedenfalls etwas Geschriebenes, so halte ich einen Film für die optimale Form einer Filmkritik, jedenfalls ein Gebilde aus Bildern, Wörtern, Tönen. "Die einzig wahre Kritik eines Films kann nur ein anderer Film sein" (Jacques Rivette). Und so wie man dem Rezensenten eines Romans keine Wörter oder Zitate verbieten oder vorschreiben kann, so ist es natürlich ausgeschlossen, einer Filmkritik im Fernsehen bestimmte Bilder oder Szenen aus dem Spielfilm vorzuenthalten oder ihr eine bestimmte Auswahl vorzuschreiben. Kurzum: Selbstverständlich muss uns der ganze Film zu Verfügung stehen, wir lassen uns nicht mit einem EPK der Werbeagenturen abspeisen.

Ob man es vielleicht auch ganz anders machen könnte? Ich weiß jedenfalls nicht, wie, und schaut man auf die anderen "Filmsendungen" im Fernsehen, sieht man nur geballte Ladungen, wie man es nicht machen kann. Zwar gibt es nicht immer weniger Sendungen zum Kino, sondern es gibt nur keine weiteren Filmsendungen (ohne Anführungsstriche). Weitgehend hat der Moderator, diese unselige Fernseh-Erfindung, den Autor abgelöst. Keiner weiß, was ein Moderator bei einer Filmkritik zu moderieren hätte, und er selbst weiß auch so recht nichts mit seiner Rolle anzufangen. So übt er sich einerseits als Schauspieler, der irgendwie den interessierten Zuschauer darstellen soll, und andererseits als Zwerg Allwissend, der in grandioser Selbstüberschätzung seine Zensuren verteilt. Der eine reckt tatsächlich mit Herrschergeste seinen Daumen in die Kamera, der andere hat nie einen der Filme gesehen, die er ansagt, plappert aber gern den Satz: "Dieser Film hatte am letzten Sonntag glanzvolle Premiere, und da durfte ‚Kino Kino‘ natürlich nicht fehlen." Die Krönung jedes Kurzberichts ist dann noch die erfolgreiche Jagd nach einem Statement der Hauptdarstellerin von 1´30. Das Frühstücksfernsehen stellt uns in vier Minuten drei Filme vor und hat dafür die passenden Etiketten parat, den "Action-Streifen für Zuschauer mit starken Nerven" oder das "Schmuse-Lustspiel für die ganze Familie". Die wichtigen Nachrichtensendungen zeigen die wichtigen Gala-Events des deutschen Films, bei denen wichtige Vertreter von Politik und Gesellschaft sich als Film-Kurzkritiker beweisen können. Die nicht ganz so wichtigen Kultur-Magazine werden auf die Filme angesetzt, die ihre jeweiligen Sender mitproduziert haben und denen sie höchste Qualität bescheinigen. Bei der Berlinale wird dann jeder zum Filmkritiker, der Potsdamer Platz ist voll von Fernsehteams für die unübersehbaren Filmfestivalbericht-erstattungssendungen.

Diese "inflationäre" Bilderflut vom Roten Teppich hat Helmut Merschmann als "große Komplizenschaft" dargestellt, und dagegen hat sich Josef Nagel für seinen Sender ZDF tapfer in die Bresche geworfen – und nun wird es niedlich. "Neu im Kino" werde nämlich "ausschließlich mit Filmausschnitten hergestellt". Das wird schon so sein, bloß wie oft das bloß die notorischen EPK-Ausschnitte sind, wird wohlweislich nicht verraten. So sieht man dann immer dieselben solcherart vorfabrizierten Szenen auf jedem Sender, und dazu passen dann auch die vorfabrizierten Sätze aus den Presseheften. Das mag seine Vorteile haben, daraus wird aber keine Filmkritik. Josef Nagels Frage, ob man denn Film immer als "Kultur" verstehen müsse, ist längst beantwortet: so viele Anführungsstriche kann man der Kultur gar nicht umhängen, damit der Begriff für ein solches Filmverständnis noch zuträfe. Auf dieser Ebene ist Film längst zur Bühne für Werbetrommelei, Prominentengetue und Talk-Show-Runden über die Gefährdung der Jugend verkommen.

So steht der Filmtip im bewussten Gegensatz zu all jenen "Filmtipps", die in Morgen-, Mittags-, Boulevard- und Kulturmagazinen flott zusammengeschnipselt wuchern. Die dienen nicht der Kritik, nicht dem Zuschauer, nicht dem Film; der behauptete "Service" ist nichts anderes als Liebedienerei und besinnungsloses Mitklappern bei aufwendigen Kinokampagnen.

Wie viel dazu auch der einzelne Film-Journalist beigetragen hat, ist fast unerheblich gegenüber dem Stand der Dinge im Fernsehen überhaupt. In die hysterische Quotenjagd passen weder ein kritisches Bewusstsein noch ästhetische Querulanten. Man schaue sich nur einmal an, wann die Filme, um die es geht, noch gesendet werden: am liebsten gar nicht – oder zwischen 25.00 und 27.00 h. Da steht der "Filmtip" noch ganz gut da (gegen 0.50 h).

Wann immer sich jedenfalls eine Polemik der Branche gegen missliebige Kritiker richtet, gerät bezeichnenderweise nicht das Fernsehen, sondern die schreibende Zunft ins Visier. Wenn die teuren erfolgreichen (aber armseligen) Filme "niedergemacht", die kostbaren kleinen aber, die im Kino niemand mehr sehen will (also die wertlosen), "hochgejubelt" werden, dann zeige sich daran, wie falsch die Kritiker schreiben, wie machtlos sie sind. So die Argumentation der "Mächtigen". (Vgl. etwa zuletzt Günther Rohrbachs Aufsatz "Das Schmollen der Autisten", in: Der Spiegel, 22. Januar 2007.)

Damit können wir gut leben, die Macht des Wortes zeigt sich anderswo als in Zuschauerforschungen, Marktanteilsquoten-untersuchungen, Akzeptanzüberlegungen. Für die Filmkritik hat zu gelten, was William Shawn, der frühere Chefredakteur des "New Yorker" formuliert hat: "Wir publizieren nicht für Leser. Wir denken nie ‚Wird das irgend jemandem gefallen oder wird das von wenigen oder von vielen Leuten gelesen?‘ Wir versuchen, das zu drucken, was uns selbst interessiert, worüber wir etwas lernen wollen, was wir amüsant finden. Ich weiß nicht, wer unsere Leser sind und will es auch nicht wissen. Wir denken, wir erweisen den Lesern den größten Respekt, wenn wir nicht versuchen, zwischen ihnen und uns zu unterscheiden."

Erstveröffentlichung: Lexikon des internationalen Films. Filmjahr 2006, Marburg: Schüren 2007, S. 31-33. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors.


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