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Ein Ausstellungsraum der Deutschen Kinemathek Berlin. Audiovisuelle Formate sind in Filmmuseen längst etabliert, setzen sich aber auch in anderen Zusammenhängen mehr und mehr durch.

15.1.2010 | Von:
Maja Keppler

"Letztendlich haben die Filmausschnitte immer auch ein Eigenleben"

Ein Interview mit Maja Keppler

Welche Rolle spielt die audiovisuelle Filmvermittlung im Filmmuseum? Welche Erfahrungen machen Kuratoren/innen mit dieser Form der Filmvermittlung und was ließe sich optimieren? Maja Keppler, Kuratorin am Deutschen Filminstitut (DIF) in Frankfurt am Main, berichtet aus der kuratorischen Praxis im Filmmuseum und vom Einsatz von Kompilationen.
Deutsches Filmmuseum FrankfurtDeutsches Filmmuseum Frankfurt (© DIF)

Frau Keppler, Ihre Arbeit als Kuratorin im Deutschen Filmmuseum kann man im weitesten Sinne ja als filmvermittelnd begreifen. Wie gehen Sie ganz grundsätzlich an die Konzeption einer Ausstellung heran? Welche Elemente, Artefakte und Präsentationsmöglichkeiten spielen dabei eine zentrale Rolle, um das Werk eines Filmemachers, die geschichtliche Entwicklung der Filmtechnik oder einen ästhetischen/thematischen Schwerpunkt von Filmen zu vermitteln?

Maja Keppler: Grundsätzlich trifft die Charakterisierung "filmvermittelnd" auf unsere Ausstellungen sicherlich zu. Man bewegt sich bei der Konzeption einer Ausstellung ja im Grunde auf einer Metaebene, in der man etwas zum Film, über Film, über das Kino veranschaulichen möchte. Abgesehen von der Vermittlungsfunktion thematisiert sich eine Ausstellung aber immer auch selbst als eigenständiges Medium. Bei der Konzeption arbeiten wir meistens auf verschiedenen Ebenen: Wir nutzen Originalgegenstände aus den Sammlungen, inszenieren Räume, initiieren interaktive Formen wie z.B. Spiele und stellen natürlich auch das bewegte Bild selbst aus. Die Vermittlung durch das Medium Ausstellung ist aus meiner Sicht dann gelungen, wenn ein spannendes Zusammenspiel von unterschiedlichen Ebenen entsteht, von didaktischen, inszenatorischen und interaktiven Elementen.


Uns interessieren besonders die audiovisuellen Filmvermittlungsformate im Bereich der Museumspädagogik, d.h. Filme oder ähnliche audiovisuelle Formen, die den Film, seine Geschichte oder seine Ästhetik vermitteln. In welchen Ausstellungen haben Sie mit solchen Formaten gearbeitet und in welcher Form haben Sie diese eingesetzt?

Maja Keppler: Hier muss man unterscheiden zwischen dem Einsatz in den Programmen der Museumspädagogik und dem Einsatz in Ausstellungen. Das sind unterschiedliche Bereiche, auch wenn es selbstverständlich Verbindungen gibt. Hauptsächlich arbeiten wir in den Ausstellungen mit den sogenannten Kompilationen, also der Zusammenstellung von Filmausschnitten. Dies kann zum Beispiel zu einzelnen Filmen - wie z.B. Stanley Kubricks "2001: A Space Odyssey"/ 2001: Odyssee im Weltraum - gemacht werden oder es werden thematische Kompilationen aus verschiedenen Filmen erstellt. Die Filmausschnitte sind ihrer Funktion nach Zitate und die werden bewusst ausgewählt. Sie dienen nicht der bloßen Vergegenwärtigung der Filme, sondern dazu, auf den Stil des Regisseurs, die Bildgestaltung, wiederkehrende Motive oder filmsprachliche Mittel hinzuweisen. Bei den Kompilationen der Maria Schell-Ausstellung haben uns beispielsweise die Arbeiten des Experimentalfilmers Matthias Müller dazu inspiriert, ihre Filme motivisch zu durchleuchten, also nach wiederkehrenden Momenten zu suchen, wie Tränen, Reisen oder Krankheiten. Über die Motivebene hinaus sollte dadurch auch der zeithistorische Kontext der 1950er-Jahre anklingen. Oft arbeiten wir auch mit Interviewsequenzen, wobei wir darauf achten, dass diese mehr Informationsgehalt als das durchschnittliche Making-Of einer DVD haben. Wenn möglich, beauftragen wir selbst ein Team, das die Interviews führt, so dass sie genau auf das Konzept der Ausstellung abgestimmt sind.

Und wird der Betrachter bei den Kompilationen an irgend einer Stelle darauf hingewiesen, mit welcher Intention das Material zusammengestellt wurde oder soll das anhand der Kompilation erkannt werden?

Maja Keppler: Da gibt es keinerlei Hinweise. In der Kombination mit den anderen Dingen in diesem Bereich der Ausstellung sollte sich die Intention hinter der Kompilation von selbst erschließen. Der Gedanke, den man sich zu der Kompilation gemacht hat, wird dem Besucher nicht mehr explizit erläutert, das soll offen bleiben.

Und haben Sie die Erfahrung gemacht, dass die Besucher dies zumeist verstehen, dass sie das Konzept hinter einer Kompilation erkennen und so etwas über Filme vermittelt bekommen oder nehmen sie es oft nur als audiovisuelle Bebilderung innerhalb der Ausstellung wahr?

Maja Keppler: Natürlich versuchen wir, die Kompilationen so zu gestalten, dass der Betrachter ihr Anliegen erkennen kann. Eine Blicklenkung ist von unserer Seite also durchaus erwünscht. Letztendlich haben die Filmausschnitte immer auch ein Eigenleben und die Besucher deuten diese vermutlich sehr unterschiedlich, ihnen fallen Sachen auf, die wir nicht unbedingt intendiert haben. Ich betrachte dies als einen schönen Nebeneffekt.


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