Ein Ausstellungsraum der Deutschen Kinemathek Berlin. Audiovisuelle Formate sind in Filmmuseen längst etabliert, setzen sich aber auch in anderen Zusammenhängen mehr und mehr durch.

15.1.2010 | Von:
Harun Farocki

Drückebergerei vor der Wirklichkeit

Wie wird das Bild im Fernsehen als eigenständiges Ausdrucksmittel genutzt? Was sehen wir im Fernsehen wirklich und wie wird unser Blick gelenkt? Harun Farocki analysiert 1973 im Fernsehen das Fernsehen. Eine Zusammenfassung.
"Der Ärger mit den Bildern""Der Ärger mit den Bildern" (© Harun Farocki, 1973)

Im WDR 3 gibt es eine Redaktion mit Namen Telekritik, man kann dort im Fernsehen über das Fernsehen sprechen. Im März habe ich dort eine Sendung über eine Gattung von Fernsehsendungen gemacht (Der Ärger mit den Bildern, Sendetermin 16. Mai 1973): "Eine Kritik an der Gattung Feature." Wenn man im Fernsehen eine Kritik macht, hat man Archiv und Schneidetisch zur Verfügung, die dem schreibenden Kritiker meistens fehlen. Man kann Material wieder und wieder sehen, und man kann damit die Geschichte der Bilder ans Licht holen. Das ist besonders wichtig bei der Gattung des "Features", denn die meisten Features sind so gemacht, dass man sie sich nicht merken kann. Ihre Oberfläche stößt jedes Eindringen ab. Auch wenn man eines gerade gesehen hat, wird man kaum sagen können, aus welchen Einzelheiten es bestand.

"Feature" ist die mittlere und große Form des TV-Journalismus, mit Aufsatz, Essay oder der Reportage im Wortjournalismus zu vergleichen. Wichtig, dass Features in Bild und Ton artikulierte Mitteilungen sind, also keine Übertragung stattfindender Ereignisse. Und sie sind selbständige Ausdrücke, also nicht auf Kontextuierung angewiesen, wie es kurze Filmbeiträge in Magazinen manchmal sind.


Und die qualitative Definition: Feature bezeichnet eine bestimmte Art, Bild- und Ton-Informationen zu verwursten; mit einem Minimum an Informationstiefe ein Sujet zu vermarkten; mit einem Schwall von Halbheiten lieblos aufgenommene Bilder zuzudecken. Feature ist Bezeichnung geworden für das Verfahren, Dokumenten den Sinn abzupressen, den man am bequemsten brauchen kann; für das Verfahren, Bild- und Tonmaterial entweder so aufzunehmen oder so zu organisieren, dass man nur erfahren kann, was man schon wusste. Wenn man Features im laufenden Programm sieht, kann man das alles feststellen, und schreibende Kritiker haben das alles schon festgestellt.

Aber Archiv und Schneidetisch sind im Falle des Features ein besonders scharfes Instrument gegen die rhetorische Hülle. Denn bei diesem traurigen Genre Feature sind beinahe alle Mittel der Darstellung Mittel der Vertuschung. Wie geschnitten wird, wie die Informationen aufeinanderfolgen, wie sich die Bilder auf die Töne beziehen: all das ist zum Vertuschen da. So wie die Rede von einem, der nichts zu sagen hat und das Nichts in vollständige Sätze kleidet.

Ich habe Features über Stadtplanung, Sanierung, Lehrlingsausbildung, Scheidungsreform, Vorschulerziehung, Schulpsychologie untersucht.

Unkonkretheit

In dem Feature über Stadtplanung kommt nicht eine einzige Sequenz vor, in der die Kamera ein konkretes Geschehen beschreibt. Weder sieht man, wie geplant wird, noch sieht man Leute bei dem, wo die Folgen der Planung oder Nichtplanung sind, beim Leben. Es gibt keine Beschreibung des Lebens in einer schlechten Wohnung, keine Beschreibung des Lebens bei schlechter Verkehrslage und keine Beschreibung des Lebens bei schlechten Erholungsmöglichkeiten. Genauso ist das in dem Feature über Sanierung. In dem über Lehrlingsausbildung gibt es keine Beschreibung eines Arbeitsplatzes oder auch nur einer handwerklichen oder industriellen Tätigkeit. In der Sendung über die Scheidungsreform keine Beschreibung von Menschen, die sich scheiden lassen wollen und es nicht können oder unter einer vollzogenen Scheidung leiden. Im Falle der Sendung über Schulpsychologie gibt es eine Beschreibung von der Behandlung eines sprachgestörten Kindes. Weil der Vorgang der Behandlung sehr lange dauert, haben die Autoren sich in den Behandlungsraum mit der Kamera gestellt, und das Kind ist vor Schreck über das Team wieder stumm geworden. Es hat sich dann durch Einwirkung der Therapeutin erholt, und so können wir uns etwas von dem Vorgang des Sprechenlernens vorstellen. Das ist die einzige Sequenz von vielen Hunderten aus den 45-Minuten-Filmen, die ich mir angesehen habe, in der etwas nicht nur verstummt, sondern auch wieder zu sprechen anfängt.

Es kostet viel Geduld, Einfühlung und Intelligenz, etwas zu beobachten und zu beschreiben, und diese Arbeitskraft bringen die Autoren und Realisatoren nur in diesem einen Fall auf. Man kennt das vom geschriebenen Journalismus: Der Nahost-Korrespondent gibt einen Bericht von einem Land, das er nie betreten hat, und der Volontär beschreibt eine Stadtrandsiedlung, wie er sie sich vorstellt. Bei gefilmtem Journalismus wird der Ort der Erörterung zwar betreten, denn Bilder kann man nur von den Dingen machen, in deren Reichweite man ist. Die Bilder sind dann so, dass man auch zu Hause hätte bleiben können.


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