Ein Ausstellungsraum der Deutschen Kinemathek Berlin. Audiovisuelle Formate sind in Filmmuseen längst etabliert, setzen sich aber auch in anderen Zusammenhängen mehr und mehr durch.

15.1.2010 | Von:
Kevin B. Lee

Der Betrachter als Schöpfer

Früher schrieb er einen Text, nachdem er einen Film gesehen hatte. Heute macht er einen Film darüber. Über die Arbeit an eigenen Video-Essays, die Rolle des Internets und die problematische Frage des Copyrights.
Der Philosoph Slavoj Zizek taucht im Film "The Birds" von Alfred Hitchock auf und vermittelt, was er selbst in dem Film sieht - Eine Szene aus "The Pervert's Guide to Cinema".Der Philosoph Slavoj Zizek taucht im Film "The Birds" von Alfred Hitchock auf und vermittelt, was er selbst in dem Film sieht - Eine Szene aus "The Pervert's Guide to Cinema". (© Westdeutscher Rundfunk/Sophie Fiennes)

Im Jahr 2007 startete ich meinen Blog "Shooting Down Pictures", um die Vollendung eines für den obsessiven Cinephilen typischen Projektes aufzuzeichnen: Die 1000 besten Filme aller Zeiten zu gucken, die von "They Shoot Pictures, Don't They?" zusammengetragen wurden, einer Website, die über 1800 Listen von Filmkritikern, Filmemachern und Wissenschaftlern kombiniert hat und damit, so sagt man, die verbindlichste Liste großer Filme darstellt (Zum Zeitpunkt dieses Aufsatzes habe ich 962 der Filme gesehen). Für jeden von mir gesehenen Film schreibe ich eine Kritik, sammle Zitate und Links auf Texte über den Film und bette Online verfügbare Videoclips des Films ein. Mit dem Fortschreiten des Projektes verspürte ich das Bedürfnis, einige dieser Clips direkt zu kommentieren oder meine Reflexion über den Film mit den Clips zu kombinieren, um so meine Beobachtungen zu illustrieren. Indem ich meine Fähigkeiten des Filmemachens und Schneidens mit der aktuellen Technologie in Sachen Vervielfältigung und Videoschnitt kombinierte, um das Ergebnis Online zu stellen, begann meine Arbeit am Format des Video-Essays.


Bisher habe ich über 50 Video-Essays produziert, wovon man auf die meisten über meinen Blog und meinen YouTube Kanal zugreifen kann. Mit jedem Video versuche ich einen anderen Ansatz zu verwirklichen, der den Film und seinen Einfluss auf mich reflektiert. Der Fokus mag auf einer einzigen Sequenz liegen (z.B. bei "La Haine" / Hass von Mathieu Kassovitz oder "Rekopis Znaleziony w Saragossie"/ Die Handschrift von Saragossa von Wojciech Has), auf einer schauspielerischen Darbietung ("Un coeur en hiver" / Ein Herz im Winter von Claude Sautet), der Musik ("E la nave va" / Fellinis Schiff der Träume von Federico Fellini), dem soziologischen Kontext ("The World According to Garp" / Garp und wie er die Welt sah von George Roy Hill oder "Gran Torino" von Clint Eastwood) bis hin zur autobiografischen Annäherung ("A hora da estrela" von Suzana Amaral oder "America America" / Die Unbezwingbaren von Elia Kazan). In manchen Fällen filme ich eigenes Originalmaterial, um einen Aspekt des Filmes zu ergänzen oder zu betonen ("Et dieu...créa la femme" / ...und ewig lockt das Weib von Roger Vadim oder beim Vergleich von "Zodiac" / Zodiac – Die Spur des Killers von David Fincher mit "The Vanishing" / Spurlos verschwunden von George Sluizer) oder arbeite mit Material eines mit dem Film im Zusammenhang stehenden Ereignisses (eine Mitternachtsvorführung von "El Topo" von Alejandro Jodorowsky, eine Gruppe beim Betrachten von "Duel" / Duell von Steven Spielberg, ein Interview mit Paul Schrader und Ed Lachmann zum Film "Light Sleeper" von Paul Schrader). Ich habe Text-Inserts benutzt, um bestimmte Bereiche des Bildausschnitts hervorzuheben ("The Evil Dead II" / Tanz der Teufel II – Jetzt wird noch mehr getanzt von Sam Raimi), eine Methode, die von meinen Video-Essay Kollegen Steve Boone und Matt Zoller Seitz perfektioniert wurde. Ich habe sogar mit dem Lesen eines legendären Essays von Susan Sontag den Toten eine Stimme verliehen und sie über Ausschnitte des Films "Hitler – Ein Film aus Deutschland" von Hans-Jürgen Syberberg gelegt, um so ihre Erkenntnisse zu illustrieren. Außer der Todesangst, mich zu wiederholen und dem Verlangen, den Grad der Verfeinerung bei jedem Ansatz dieses neuen Formats der Filmkritik zu erhöhen, gibt es keine strenge Richtlinie für meine Ansätze.

Der lohnendste Aspekt dieses Projektes war die Beteiligung dutzender Filmkritiker und Wissenschaftler bei vielen dieser Videos. Früh erkannte ich, dass ich unmöglich mit interessanten Einsichten zu all diesen Videos aufwarten konnte und rief andere Leute dazu auf, ihre Kommentare oder kreativen Ideen zu Filmen einzubringen, die ihnen am Herzen lagen. Dank E-mail und Online-Sozialnetzwerken braucht es nicht viel, um so ziemlich jede/n, die/der mich interessiert zu kontaktieren. Durch das Projekt habe ich Bekanntschaft mit einer ganzen Reihe von Liebhabern mit unterschiedlichen Hintergründen und Interessen gemacht: mit Stummfilm-Fachleuten (Kristin Thompson, Paolo Cherchi Usai), altgedienten Kritikern (Jonathan Rosenbaum, Nicole Brenez, Richard Brody), Filmemachern (Dan Sallitt, Preston Miller, Christoph Hochhäusler) und Anhängern der Online-Cinephilen-Gemeinde (Girish Shambu, Keith Uhlich). Einige der besten Videos entstanden mit nicht-professionellen Kritikern (mit Vadim Rizov über "Grey Gardens" von Ellen Hovde oder mit C. Mason Wells über "Les deux anglaises et le continent" / Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent von François Truffaut), deren Stimmen von einer Zukunft passionierter, intelligenter Cinephilie zeugen.


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