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Dossierbild Film als Teil schulischer Bildung

28.5.2009

Montagekonzepte in der Geschichte des internationalen Spielfilms

Dr. Michael Staiger (Pädagogische Hochschule Freiburg)

Michael Staiger führte in seinem Vortrag aus, dass die Filmmontage als zentrales Merkmal der Medienästhetik eines Films gelte, dieser Aspekt in der schulischen Filmvermittlung heutzutage aber kaum eine Rolle spiele. Anhand eines kurzen Streifzugs durch die Filmgeschichte stellte Staiger schlaglichtartig die wichtigsten Montagekonzepte vor und verdeutlichte die Entwicklungslinien der Filmmontage bis in die Gegenwart – von George Méliès über Edwin S. Porter und David W. Griffith zu Sergej Eisenstein, vom Continuity-System zur Auflösung sämtlicher Montageregeln in aktuellen Actionfilmen. Die Auseinandersetzung mit Filmgeschichte und unterschiedlichen Montagekonzepten ermögliche es Jugendlichen, den Wandel filmischer Konventionen und Sehgewohnheiten nachzuvollziehen, so der Referent.

Vielfach sei versucht worden, die Vielfalt von Montageformen zu systematisieren. Nach Michael Staiger sind komplexe Systematisierungen jedoch für den Unterricht wenig praktikabel. Er plädierte dafür, sich in der Vermittlung auf zwei Grundtypen der Montage zu konzentrieren: die epische Montage und die konstruktivistische Montage. Bei der epischen Montage ginge es darum, einen Erzählfluss zu etablieren. Ziel sei es, einen Eindruck von Unmittelbarkeit, Einheitlichkeit und Kontinuität entstehen zu lassen. Bei der konstruktivistischen Montage hingegen werde der Schnitt sichtbar, er stehe nicht im Dienst eine kohärenten Erzählung, sondern verlange vielmehr vom Zuschauenden eine eigene intellektuelle Leistung der Bedeutungsfindung und trage zu einer eher distanzierten Rezeptionshaltung bei.

Michael Staiger schlug eine Beschäftigung mit Montage im Unterricht nach folgenden Gesichtspunkten vor:
    1. Analyse von Montagearten anhand ausgesuchter Filmausschnitte. Dabei sollten Filme aus der Lebenswelt der Schüler/innen einbezogen werden.

    2. Eigenproduktion: Reihung von Einzelbildern. Hierbei könne mit Fotos oder Präsentationen gearbeitet werden. Ziel sei das Spiel mit verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten, das Erkennen der Wirkung verschiedener Einstellungsgrößen und die Art ihres Zusammenspiels bei der Aneinanderreihung. Dies wäre eine Möglichkeit, Prinzipien der filmischen Montage nachzuvollziehen, ohne eine aufwändige technische Ausstattung zu benötigen.

    3. Theoretische Auseinandersetzung: Die Beschäftigung mit theoretischen Schriften, zum Beispiel von Sergej Eisenstein oder Walter Murch. Ein andere Möglichkeit bestünde darin, anhand von Beobachtungen gemeinsam mit den Schülern/innen ein eigenes Montagekonzept zu entwickeln.

    4. Medienvergleich: Unterschiede zwischen verschiedenen Medienformaten wie Handy, Internet und Film könnten bezüglich des Gebrauchs von Montagetechniken untersucht werden.
Die anschließende Diskussion beleuchtete die merklichen Unterschiede in den Wahrnehmungsgewohnheiten verschiedener Generationen. Die so genannte MTV-Ästhetik, die sich heute in Werbeclips, Fernsehformaten und Filmen wiederfindet, werde von älteren Menschen oft als zu schnell und störend empfunden. Jugendliche hingegen würden sich bei "alten" Filmen langweilen, da diese ihnen zu langsam erschienen. Solche Unterschiede könnten ebenfalls im Unterricht thematisiert werden. Dabei sei es wichtig, voneinander zu lernen, zum Beispiel indem man häufiger gemeinsam Filme ansehe, sich darüber austauscht und somit eine größere Offenheit gegenüber unterschiedlichen Erzählweisen erlange. Den Umgang mit Langsamkeit und Schwarzweißbildern könne man beispielsweise mit dem Film "Down by Law" (1986, R: Jim Jarmusch) erlernen. Weitere erprobte Vorschläge zur kreativen Auseinandersetzung mit Montagetechniken im Unterricht wurden erörtert, so die Erstellung von Foto-Romanen, Comics als Storyboards zu lesen oder Filme einzusetzen, die selbst mit Standbildern arbeiten wie etwa "La jetée" (1963, R: Chris Marker).

Unterstrichen wurde, dass Schüler/innen (ebenso wie Erwachsene) trotz Einführung von Fachbegriffen oft große Schwierigkeiten hätten, über Filme zu sprechen. Deshalb sei es wichtig, mehr kreative und produktionsorientierte Aufgaben in den Unterricht zu integrieren, damit theoretische Kategorien über eigene praktischen Erfahrungen angeeignet werden können.

Zusammenfassung: Kirstin Weber


Das Internet hat unsere Kommunikationskultur nachhaltig verändert – vor allem für Jugendliche, die mit digitalen Medien aufgewachsen sind. Kinofenster.de untersucht, wie das Smartphone den Alltag der Digital Natives prägt, welche Bedeutung die Neuen Medien für die Bildung und wie sie Eingang in filmische Erzählwelten gefunden haben. Passend zum Thema gibt es Unterrichtsmaterial von der Grundschule bis zur Oberstufe.

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Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

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