Geschichte begreifen
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Kunst als Zeugnis


6.1.2009
Kunstbezogene Methoden ermöglichen eine besondere Form von empathischer Annäherung an die Zeit des Nationalsozialismus. Die NS-Gedenkstätten haben daher in den vergangenen Jahren ein größeres Gewicht auf die künstlerische Vermittlung von Ereignisgeschichte gelegt.

Viele der realen Geschehnisse im Nationalsozialismus sowie das Erleben der Opfer sind für die Nachgeborenen nur in ihrer Abstraktion nachvollziehbar. Die Nicht-Eindeutigkeit von Kunst sowie die Rezeption ihrer Entstehung bieten Chancen einer besonderen Form von empathischer Annäherung. Diese kann das Geschehene reflektieren, ohne einer vorschnellen Identifikation mit den Verfolgten und Gepeinigten zu erliegen und sie zu vereinnahmen.

Eine literarische Führung über das Gelände der Gedenkstätte Ravensbrück. Bild: (c) Berliner Arbeitskreis KonfrontationenEine literarische Führung über das Gelände der Gedenkstätte Ravensbrück. (© Berliner Arbeitskreis Konfrontationen)

Die in den Konzentrationslagern geschaffenen Bilder sind künstlerische Zeugnisse der Verfolgten. Sie erhalten ihre Autorität durch den primären Charakter der Darstellung. Die oft erzählende Struktur der in den Lagern entstandenen Bilder macht diese zu Zeugnissen, welche die Geschichte der jeweiligen Lagerrealitäten zu rekonstruieren vermögen. Die erzählende Struktur gibt zentral die Sicht der Häftlingsgruppen wieder.

Historische Bildung kann anbieten, in diesen Bildern zu lesen und sie zu übersetzen - etwa mithilfe von belegbaren Quellen wie der Biographie des Künstlers oder der Künstlerin. So kann eine Annäherung an die Ereignisgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager mittels Kunst für Jugendliche möglich werden.

So eindrücklich das subjektive Erleben bei Führungen an den historischen Orten oder bei der Rezeption von Kunst auch sein mag, die Struktur der Häftlingsgesellschaft, die Funktionsweise des Lagersystems und die Macht der SS bedürfen der Erklärung. Kunst, die sich extremen menschlichen Erfahrungen im Kontext nationalsozialistischer Massenverbrechen widmet, macht in der historisch-politischen Bildung folgende Prämissen erforderlich: Man muss sie ihre eigene künstlerische Sprache entfalten lassen und gleichermaßen präzise das spezifische derjenigen historischen Orte erklären, über die in den Kunstwerken kommuniziert und reflektiert wird.

Info

Methodensteckbrief

  • Teilnehmerzahl: Kleingruppen
  • Altersstufe: ab 16 Jahren
  • Zeitbedarf: keine Angaben
  • Preis (ohne Fahrten): nicht ermittelbar
  • Benötigte Ausstattung: Reproduktionen von Kunstwerken, ggfs. Fotoapparat

  • Die hier skizzierten Konzepte und Methoden für die kunstpädagogische Arbeit zum Thema Holocaust in Gedenkstätten und Schulen richten sich an Jugendliche ab 15 Jahren und Erwachsene als Zielgruppe. Allerdings setzt das Konzept ein Grundwissen über Nationalsozialismus, Holocaust und andere Massenverbrechen in diesem Kontext voraus. Eine Vorbereitung, beispielsweise durch begleitende Lehrer, ist wünschenswert.

    Kunstpädagogische Herangehensweisen



    Ein wesentlicher Aspekt der Arbeit mit Kunst sind Übungen, in denen sich die Teilnehmenden mit Bildern von Künstler/innen, die in den Konzentrationslagern inhaftiert waren, auseinandersetzen können. Kopien von Kunstwerken sollten dabei von den Teilnehmenden selbst ausgewählt werden auf der Grundlage ihrer Erfahrungen und Erlebnisse aus dem vorangegangenen Gedenkstättenbesuch.

    Führungen über historische Gelände können mit literarischen Ausführungen und Zeitzeugenberichten kontrastiert werden, indem Textpassagen zum Vorlesen an die Teilnehmenden verteilt und offene Fragen geklärt werden. Dabei sollten die Textformen und ihre Hintergründe erläutert werden - ob beispielsweise ein Zeitzeugenbericht oder eine literarische Figur benutzt werden.

    Eine zentrale Übung kann die Arbeit mit einem "Gedenkstättencluster" sein, das sich über die Zeit des Seminars mit Bildern der Teilnehmenden füllt und eine imaginäre Erinnerungslandschaft in Form eines reproduzierten Lageplans der Gedenkstätte abbildet. Die Teilnehmenden ergänzen je nach Fragestellung die Perspektive der Kunstwerke und ihre persönlichen Interpretationen auf dem Plan der vorliegenden Erinnerungslandschaft und stellen so den Prozess ihres Zugangs an das Gedenkstättengelände dar.

    Photographische Erkundungen können die Teilnehmenden noch stärker in eine forschende Perspektive bringen. Indem sie selbst mit der Kamera über das Gelände gehen, wird ihr Blick geschärft für künstlich Geschaffenes und bewusste Inszenierungen von Gedenken. Reflektionen über die Emotionen der Teilnehmenden ermöglichen es den Jugendlichen, ihre Gefühle über ihre Wahrnehmung des historischen Ortes zur Sprache zu bringen. Dabei ist von großer Bedeutung, dass eine weite Bandbreite von Gefühlen legitim ist - von Betroffenheit und Trauer über Wut bis zum Gefühl einer emotionalen Distanz zum Geschehenen.

    Bewährt haben sich außerdem kunstpädagogische Aktivitäten, in denen die Teilnehmer/innen sich selbst zum Ausdruck bringen können, z.B. Malen und Zeichnen, kreatives Schreiben, theaterpädagogische Elemente, Erinnerungscollagen oder Arbeit mit Ton. Es sollten mehrere Medien zur Auswahl gestellt werden, so dass die Teilnehmenden ein Medium wählen können, mit dem sie gerne arbeiten.



     

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