Geschichte begreifen

14.11.2008 | Von:
Regine Gabriel

Theaterprojekte

Methoden aus der Theaterpädagogik haben bei der Auseinandersetzung mit Geschichte besondere Vorteile: Sie ermöglichen affektive Lernprozesse und lassen Empathie entstehen.

Augusto Boals "Theater der Unterdrückten" kann eine Arbeitsgrundlage für Lerngruppen jeden Alters in Gedenkstätten sein. Das "Theater der Unterdrückten" geht von zwei Grundsätzen aus: Der Zuschauer als passives Wesen und Objekt soll zum Aktivisten der Handlung werden. Das Theater soll sich nicht nur mit der Vergangenheit beschäftigen, sondern ebenso mit der Zukunft und deren Möglichkeiten. Die Schnittstellen liegen sowohl in der Theaterpädagogik als auch in der politischen Bildung wie auch im politischen Theater.

Maskerade. Bild: ©  Bernd Boscolo / PIXELIO, www.pixelio.deMaskerade. (© Bernd Boscolo / PIXELIO, www.pixelio.de)

Die von Boal erdachten und erprobten Formen wie "Statuentheater" und "Unsichtbares Theater" ermöglichen eine inhaltliche Auseinandersetzung, indem die Ausdrucksmöglichkeiten des eigenen Körpers bewusst erfahren und eingesetzt werden. Das Statuentheater ist eine Form, in der die Protagonisten ein Bild aus Personen stellen, das ihre kollektive Vorstellung über ein Thema zeigt.


Das Bild kann solange bearbeitet werden bis es von allen Beteiligten als Realbild akzeptiert wird. In einem weiteren Schritt formen die Teilnehmer aus diesem Realbild ein Idealbild. Wichtig ist, dass alles in einem raschen Tempo vonstatten geht, damit die Protagonisten nicht erst in Worten, sondern sofort in Bildern denken.

Unsichtbares Theater geht bei Boal immer von einem aktuellen Thema aus, das bei den Zuschauenden auf Interesse stoßen soll. Es wird ein Text erarbeitet, der schriftlich fixiert wird, aber für Veränderungen offen bleibt. Die Schauspieler spielen ihre Rollen genau wie im konventionellen Theater, allerdings nicht in einem Theaterraum, sondern in anderen öffentlichen Räumen. Die Zuschauenden wissen in der Regel nicht, dass sie Zuschauer/innen eines Theaterstücks sind. (Boal 1989, S. 71ff.)

Ziele und Vorteile der theaterpädaogogischen Arbeit

Eines von Boals Hauptzielen ist das Beenden von Sprachlosigkeit. Im Zusammenhang mit der Bearbeitung des Themas Nationalsozialismus bedeutet dies, dass das Schweigen auch der 2. und 3. Generation die notwendige Suche nach der Beendigung der Sprachlosigkeit verhindert oder zumindest hinauszögert.

Künstlerische Zugangsformen erleichtern die Kommunikation, weil eben auch ohne Sprache, durch den spärlichen Einsatz von Sprache oder durch Sprachverfremdung, Verständigung geschieht. Dies kann gerade bei Gruppen aus mehreren Nationen von großem Vorteil sein. Boal hat seine Methode zwar für Menschen in Lateinamerika entwickelt, die ihre Lebenssituationen reflektieren und möglicherweise verändern wollen. Sie kann aber auch in anderen Kontexten angewendet werden.

Begibt man sich auf den Weg der theaterpädagogischen Vermittlung, werden Teilnehmende immer unmittelbar am Lernprozess beteiligt. Dies fördert vor allem die Motivation bei Kindern und Jugendlichen sehr stark.

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Info

Methodensteckbrief

  • Teilnehmerzahl: Max. 20
  • Altersstufe: Ab 10 Jahre
  • Zeitbedarf: 2-3 Projekttage
  • Preis (ohne Fahrten): Je nach Materialbedarf zwischen 5 und 15 Euro
  • Benötigte Ausstattung: Mehrere Räume, einen großen Raum für die Präsentation, Material abhängig vom Projekt
  • Bei der Beschäftigung mit dem Thema Nationalsozialismus erleichtern diese Methoden, Kinder, Jugendliche und Erwachsene der Nachkriegsgeneration in ihrem Alltag abzuholen und dennoch Parallelen zwischen damals und heute erfahrbar zu machen. Hartmut von Hentig schreibt: "...das Theaterspiel [ist] eines der machtvollsten Bildungsmittel, die wir haben: ein Mittel, die eigene Person zu überschreiten, ein Mittel der Erkundung von Menschen und Schicksalen und ein Mittel der Gestaltung der so gewonnenen Einsicht. [...] Mit dem Bemühen, einen anderen Menschen darzustellen, gehen alle, die das Theaterspielen nicht nur als Nachahmung eines Schauspielers verstehen, einen wichtigen Schritt zur Erweiterung und Vermenschlichung des eigenen Ichs." (Hentig 1996, S.117 ff.)

    Walk Act

    "Lebendige Bilder – Ein Walk Act" war das Motto eines Projektes der Gedenkstätte Hadamar im Jahr 2006. Die Projektteilnehmer/innen im Alter zwischen zwölf und fünfzehn Jahren führten einen Walk Act (Szenisches Straßentheater) in Limburg auf. Der Walk Act wurde mit verschiedenen Techniken aus der Theaterpädagogik vorbereitet, wie zum Beispiel Präsenz- und Wahrnehmungsübungen, Körperarbeit oder dem Stellen von Standbildern.

    Inspirationsrahmen für den Walk Act waren Bilder und Schüttelverse der Jugendlichen in einer Collagetechnik nach John Elsas. Elsas war ein jüdischer Künstler, dessen Nachlass während des Zweiten Weltkriegs unangetastet blieb. Die Arbeiten der Jugendlichen schlugen den Bogen zu aktuellen politischen Ereignissen, deren Folgen mit dem Wissen um die NS-Zeit besser zu verstehen sind. Themenbereiche waren: Sterbehilfe, Patiententötungen heute, Ausgrenzung, rechtsextremistische Überfälle auf Ausländer, Arbeitslosigkeit.

    Alle Spieler/innen erhielten einen Bilderrahmen aus Holz, mit dem sie als Ausdrucks- und Hilfsmittel agieren konnten. Die gemeinsame schwarze Kleidung betonte die Zusammengehörigkeit der Gruppe. Außerdem lenkte sie die Aufmerksamkeit der Zuschauenden weg von möglichen Äußerlichkeiten und beförderte die Konzentration auf die Bewegungen und damit auf die Darbietung.


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