Geschichte begreifen

11.11.2008 | Von:
Annegret Ehmann

"Damals war es Friedrich"/ "In diesem Kurort sind Juden unerwünscht"

Beispiele für den Einsatz fiktionaler und nichtfiktionaler Texte im Unterricht


2. "In diesem Kurort sind Juden unerwünscht" – Stationen der Judenverfolgung

In einer 9. Hauptschulklasse behandelte der Lehrer mit seinen Schülerinnen und Schülern fächerübergreifend in Deutsch und Geschichte im Rahmen von drei Unterrichtsstunden fiktionale und nichtfiktionale Texte über die Verfolgung und Ermordung der Juden. Ziel war es, nachhaltige Lernerfolge zu erreichen und über historisches Grundwissen hinaus ethische Werte und politische Normen für die Gegenwart und Zukunft zu vermitteln.

Folgende Texte wählte er dafür aus:
  • Die Kurzgeschichte "Saisonbeginn" von Elisabeth Langgässer (1899-1950),
  • Das Gedicht "Todesfuge" von Paul Celan (= Paul Antschel, 1920-1970),
  • Auszüge aus dem Protokoll der Wannsee-Konferenz (1942),
  • Ein Zitat aus der Bibel.
Die Schülerinnen und Schüler erarbeiteten Stationen der Judenverfolgung, analysierten historische und aktuelle Formen von Sprachverschlüsselung und deren politische Funktion.

Kurzinformationen zu den Texten

1. In der Kurzgeschichte "Saisonbeginn", veröffentlicht 1947, geht es um Judenfeindlichkeit der Einwohnerinnen und Einwohner eines Kurortes. Diese erreicht durch das Aufstellen des Schildes "In diesem Kurort sind Juden unerwünscht" als Blickfang am Ortseingang neben einem Christuskreuz ihren sichtbaren Höhepunkt. Geschildert wird hauptsächlich das Aufstellen des Schildes. Im Mittelpunkt stehen aber die Reaktionen der Bewohnerinnen und Bewohner des Kurortes, die sich nicht dagegen verwahren. Die schöne Beschreibung des Kurorts, der für jedermann offen stehen soll, kontrastiert mit der Infamie der Aussage des Schildes.

Die Autorin Elisabeth Langgässer, katholischen Glaubens, erhielt als so genannte Halbjüdin 1936 von der Reichsschrifttumskammer Publikationsverbot. Ihr stark christlich orientiertes Werk gehört zur Nachkriegsepoche der so genannten Trümmerliteratur.

2. Der historische Text, der nach dieser Geschichte besprochen wurde, war ein Auszug aus dem Protokoll der Wannsee-Konferenz. In dieser besprachen und koordinierten am 20. Januar 1942 unter Leitung des Chefs des Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich, Funktionsträger des NS-Staates auf Verwaltungs- und Parteiebene die mit dem Begriff "Endlösung" getarnten Maßnahmen zur Deportation und Ermordung der Juden Europas.

3. Ein weiterer literarischer Text war das Gedicht "Todesfuge" von Paul Celan, veröffentlicht 1952 in dem Sammelband "Mohn und Gedächtnis". Es ist Celans bekanntestes Werk. Wie Langgässer wurde Celan wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt. Die Metapher "schwarze Milch der Frühe", ist einigen Interpreten nach ein Verweis auf die Chemikalie Zyklon B, mit der die Menschen in den Gaskammern ermordet wurden. Das Gedicht gibt die Todesahnung und -furcht des gepeinigten menschlichen Individuums in künstlerischer, surrealistischer Form wieder. Unter anderem an diesem Werk entzündete sich in der Nachkriegszeit die Diskussion zur These von Theodor W. Adorno, nach Auschwitz wäre es unmöglich noch Gedichte zu schreiben.

4. Aus der Bibel wurde ein Ausschnitt der Kreuzigungsbeschreibung durch Johannes eingesetzt.

Vorgehen

In der Arbeit an den Texten sollte die Reihenfolge der ausgewählten Texte zugleich die zunehmende Brutalisierung der Judenverfolgung im Verlauf der NS-Machtausübung verdeutlichen. Ziel der Interpretation der Texte war es, die Intentionen der jeweiligen Autorin und der Autoren der Texte herauszuarbeiten sowie die Formen der Verschlüsselung von Sprache und deren Funktion zu erkennen.

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Info

Methodensteckbrief

  • Teilnehmerzahl: Normale Klassenstärke, ca. 25-30
  • Altersstufe: 9. Hauptschulklasse
  • Zeitbedarf: 3 Unterrichtsstunden
  • Kosten: Nicht ermittelbar
  • Benötigte Ausstattung: Lektüretexte, Historisches Dokument, Bibelzitat
  • Als eine der Hausaufgaben sollten die Schülerinnen und Schüler einen biblischen Text in Bezug zur Kurzgeschichte "Saisonbeginn" deuten und die entsprechende Bibelstelle herausfinden. Im Unterrichtsgespräch wurde vor allem darauf eingegangen und herausgearbeitet, weshalb das Töten von Menschen mit symbolischen oder verschleiernden Begriffen umschrieben wurde und weiterhin wird.

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