Geschichte begreifen
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11.11.2008 | Von:
Annegret Ehmann

"Damals war es Friedrich"/ "In diesem Kurort sind Juden unerwünscht"

Beispiele für den Einsatz fiktionaler und nichtfiktionaler Texte im Unterricht

Die beiden Projekte "Damals war es Friedrich" und "In diesem Kurort sind Juden unerwünscht" sind gute Beispiele für den Einsatz fiktionaler und nichtfiktionaler Texte zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Unterricht.
Beispielhaft für den Einsatz fiktionaler und nichtfiktionaler Texte im Unterricht stehen zwei Projekte zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Die Projektreihe "Damals war es Friedrich" richtete sich an Schülerinnen und Schüler der 5. und 6. Jahrgangsstufe, "In diesem Kurort sind Juden unerwünscht" behandelte eine 9. Hauptschulklasse in drei Unterrichtsstunden.

Laut Polizeiordnung mussten Jüdinnen und Juden einen gelben Davidstern tragen - eine weitere Brandmarkung.Judenverfolgung und Holocaust im Deutschunterricht. (© bpb)

1. "Damals war es Friedrich" - Kinder und Jugendliche zur Zeit des Nationalsozialismus

"Damals war es Friedrich" von Hans Peter Richter enthält die kurze Lebensgeschichte Friedrich Schneiders, Sohn jüdischer Eltern, der zur Zeit des Nationalsozialismus aufwuchs. Der Bogen spannt sich von der Geburt (1925) bis ins Alter von 17 Jahren (1942). Während eines Bombardements wird Friedrich, weil er Jude ist, aus dem Luftschutzkeller vertrieben und findet draußen, von einem Splitter getroffen, den Tod.


Der Autor erzählt die Geschichte in chronologischer Parallele zur nationalsozialistischen Judenverfolgung: In den 32 Kapiteln wird Schritt für Schritt die Entwicklung von der Entrechtung bis zur Ermordung der Juden dargestellt. Es beginnt mit Beschimpfungen und endet mit Zerstörungen, Verhaftungen und dem Tod Friedrichs, der hier stellvertretend für alle jüdischen Opfer steht.

Die Gewalttaten gegen die Juden werden unmittelbarer und konkreter erfahrbar, da ihre Auswirkungen auf der persönlichen Lebensebene Friedrichs und seiner Eltern geschildert werden. Der Ich-Erzähler ist ein nicht-jüdischer Augenzeuge, der aus seiner Perspektive als Kind und Jugendlicher ohnmächtig die Spirale der Gewalt beobachtet und miterlebt. Über die Schilderung der NS-Verfolgung hinaus vermittelt das Buch auch Einblicke in jüdisches Leben und Denken.

Projektreihe im Untericht

"Damals war es Friedrich" stand im Mittelpunkt einer Unterrichtsreihe zum Projekt "Kinder und Jugendliche zur Zeit des Nationalsozialismus" in einer Schule der Orientierungsstufe (5. und 6. Jahrgangsstufe) in Göttingen. Angeregt durch das Jugendbuch befragten Schülerinnen und Schüler in einer Projektwoche Zeitzeugen sowie Zeitzeuginnen aus ihrer Stadt zur Judenverfolgung, besuchten das Stadtmuseum sowie den jüdischen Friedhof und erarbeiteten sich Kenntnisse über die Verfolgung von Kindern und Jugendlichen in der Gedenkstätte Moringen.

Methodische Arbeitsschritte der Unterrichtsreihe zum Jugendbuch

Da bei den Schülerinnen und Schülern dieser Altersstufe noch kein historisches Wissen über die NS-Zeit und ihre epochale Einordnung vorhanden ist, wurden Informationsblätter eingesetzt. Diese erläuterten den geschichtlichen Hintergrund in einer den Kindern verständlichen Sprache. Die Schülerinnen und Schüler lasen gemeinsam Kapitel für Kapitel und entnahmen den Begriffserläuterungen im Buchanhang weitere Informationen.

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Info

Methodensteckbrief

  • Teilnehmerzahl: Normale Klassenstärke, ca. 25-30
  • Altersstufe: Sekundarstufe I, 5./6 Jg. Orientierungsstufe
  • Zeitbedarf: Mehrere Wochen mit Exkursionen (Museum, Gedenkstätte)
  • Kosten: Nicht ermittelbar
  • Benötigte Ausstattung: Lektüre; Informationsbögen für den historischen Hintergrund; Arbeitsbögen; Filmclip über die Hitler-Jugend (HJ); Museums- und Gedenkstättenbesuch
  • Szenische Spiele auf Grundlage der jeweiligen Kapitel sollten ein oberflächliches Durchlesen des Buches zu vermeiden. Durch das Rollenspiel konnten die Schülerinnen und Schüler das Geschehen aus den verschiedenen Perspektiven einzelner Personen nachempfinden. Der Videofilm "Die Hitlerjugend", eine 20-minütige Dokumentation des Schulfernsehens im Bayerischen Rundfunk, wurde im Kontext der Bearbeitung des Kapitels "Die Schlaufe" über die Ausgrenzung Friedrichs aus der Hitlerjugend eingesetzt. Klassengespräche mit Hilfe von Arbeitsbögen vertieften die Kapitel des Buches über Religion, Geschichte und Kultur des Judentums.

    Mit den Gefühlen Friedrichs für ein "arisches" Mädchen und seinen Ängsten setzten sich die Schülerinnen und Schüler anhand eines Arbeitsblattes auseinander. Aus der Perspektive Friedrichs sollten sie ihre Gedanken für einen fiktiven Adressaten festhalten: "Hast Du Zeit für mich? Ich möchte Dir etwas schreiben. Mein Vater kann es nicht verstehen; er hört nie richtig zu. Irgendjemandem muss ich es aber mitteilen, sonst halte ich es nicht mehr aus!"

    Das Vorlesen besonders wichtiger Kapitel (Der Tod, Der Rabbi, Fledderer, Ende) übernahm der Lehrer. Den Abschluss bildete eine gemeinsame Lesung eines Gedichts von Johannes R. Becher: "Der Jude".

    Projektwoche nach der Unterrichtsreihe

    • Besuch des Museums der Stadt Göttingen, wo die Schülerinnen und Schüler angeleitet durch ein Arbeitsblatt die Zeit des Nationalsozialismus erkundeten;
    • Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in der Schule. Fragen für die Gespräche wurden von den Schülerinnen und Schüler vorbereitet;
    • Besuch des jüdischen Friedhofs zusammen mit einem der Zeitzeugen oder Zeitzeuginnen;
    • Besuch der Gedenkstätte Moringen, wo sich die Schüler und Schülerinnen über das ehemalige Jugend-KZ informierten, das von 1940 bis 1945 im heutigen Landeskrankenhaus untergebracht war;
    • Kreative Verarbeitung der Gefühle und Eindrücke in künstlerischen Arbeiten (Malen) und kreativem Schreiben (Texte, Gedichte);
    • Auswertungsgespräch und Dokumentation in der Presse. Ein Mitarbeiter der Göttinger Zeitschrift "Extra Tip", der die Klasse an allen Projekttagen begleitete, dokumentierte das Auswertungsgespräch der Schülerinnen und Schüler in einer Ausgabe der Zeitung.


    2. "In diesem Kurort sind Juden unerwünscht" – Stationen der Judenverfolgung

    In einer 9. Hauptschulklasse behandelte der Lehrer mit seinen Schülerinnen und Schülern fächerübergreifend in Deutsch und Geschichte im Rahmen von drei Unterrichtsstunden fiktionale und nichtfiktionale Texte über die Verfolgung und Ermordung der Juden. Ziel war es, nachhaltige Lernerfolge zu erreichen und über historisches Grundwissen hinaus ethische Werte und politische Normen für die Gegenwart und Zukunft zu vermitteln.

    Folgende Texte wählte er dafür aus:
    • Die Kurzgeschichte "Saisonbeginn" von Elisabeth Langgässer (1899-1950),
    • Das Gedicht "Todesfuge" von Paul Celan (= Paul Antschel, 1920-1970),
    • Auszüge aus dem Protokoll der Wannsee-Konferenz (1942),
    • Ein Zitat aus der Bibel.
    Die Schülerinnen und Schüler erarbeiteten Stationen der Judenverfolgung, analysierten historische und aktuelle Formen von Sprachverschlüsselung und deren politische Funktion.

    Kurzinformationen zu den Texten

    1. In der Kurzgeschichte "Saisonbeginn", veröffentlicht 1947, geht es um Judenfeindlichkeit der Einwohnerinnen und Einwohner eines Kurortes. Diese erreicht durch das Aufstellen des Schildes "In diesem Kurort sind Juden unerwünscht" als Blickfang am Ortseingang neben einem Christuskreuz ihren sichtbaren Höhepunkt. Geschildert wird hauptsächlich das Aufstellen des Schildes. Im Mittelpunkt stehen aber die Reaktionen der Bewohnerinnen und Bewohner des Kurortes, die sich nicht dagegen verwahren. Die schöne Beschreibung des Kurorts, der für jedermann offen stehen soll, kontrastiert mit der Infamie der Aussage des Schildes.

    Die Autorin Elisabeth Langgässer, katholischen Glaubens, erhielt als so genannte Halbjüdin 1936 von der Reichsschrifttumskammer Publikationsverbot. Ihr stark christlich orientiertes Werk gehört zur Nachkriegsepoche der so genannten Trümmerliteratur.

    2. Der historische Text, der nach dieser Geschichte besprochen wurde, war ein Auszug aus dem Protokoll der Wannsee-Konferenz. In dieser besprachen und koordinierten am 20. Januar 1942 unter Leitung des Chefs des Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich, Funktionsträger des NS-Staates auf Verwaltungs- und Parteiebene die mit dem Begriff "Endlösung" getarnten Maßnahmen zur Deportation und Ermordung der Juden Europas.

    3. Ein weiterer literarischer Text war das Gedicht "Todesfuge" von Paul Celan, veröffentlicht 1952 in dem Sammelband "Mohn und Gedächtnis". Es ist Celans bekanntestes Werk. Wie Langgässer wurde Celan wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt. Die Metapher "schwarze Milch der Frühe", ist einigen Interpreten nach ein Verweis auf die Chemikalie Zyklon B, mit der die Menschen in den Gaskammern ermordet wurden. Das Gedicht gibt die Todesahnung und -furcht des gepeinigten menschlichen Individuums in künstlerischer, surrealistischer Form wieder. Unter anderem an diesem Werk entzündete sich in der Nachkriegszeit die Diskussion zur These von Theodor W. Adorno, nach Auschwitz wäre es unmöglich noch Gedichte zu schreiben.

    4. Aus der Bibel wurde ein Ausschnitt der Kreuzigungsbeschreibung durch Johannes eingesetzt.

    Vorgehen

    In der Arbeit an den Texten sollte die Reihenfolge der ausgewählten Texte zugleich die zunehmende Brutalisierung der Judenverfolgung im Verlauf der NS-Machtausübung verdeutlichen. Ziel der Interpretation der Texte war es, die Intentionen der jeweiligen Autorin und der Autoren der Texte herauszuarbeiten sowie die Formen der Verschlüsselung von Sprache und deren Funktion zu erkennen.

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    Info

    Methodensteckbrief

  • Teilnehmerzahl: Normale Klassenstärke, ca. 25-30
  • Altersstufe: 9. Hauptschulklasse
  • Zeitbedarf: 3 Unterrichtsstunden
  • Kosten: Nicht ermittelbar
  • Benötigte Ausstattung: Lektüretexte, Historisches Dokument, Bibelzitat
  • Als eine der Hausaufgaben sollten die Schülerinnen und Schüler einen biblischen Text in Bezug zur Kurzgeschichte "Saisonbeginn" deuten und die entsprechende Bibelstelle herausfinden. Im Unterrichtsgespräch wurde vor allem darauf eingegangen und herausgearbeitet, weshalb das Töten von Menschen mit symbolischen oder verschleiernden Begriffen umschrieben wurde und weiterhin wird.
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