Geschichte begreifen

11.11.2008 | Von:
Loretta Walz

"Das hängt einem immer an - das KZ von nebenan"

Jugendliche aus Fürstenberg und Umgebung drehten 2006 und 2007 einen Dokumentarfilm zum Frauen-KZ Ravensbrück. Das Projekt lief über ein Jahr.

Einen Dokumentarfilm zum Verhältnis des Ortes Fürstenberg zum angrenzenden ehemaligen Frauen-KZ Ravensbrück sowie der Gedenkstätte Ravensbrück haben Jugendliche gemeinsam mit drei Medienpädagogen erarbeitet.

Zum Andenken an die Opfer des ehemaligen Frauen-KZ Ravensbrück werden Nelken in den See der Tränen geworfen. Ravensbrück, 2005. Bild: Jan ZappnerZum Andenken an die Opfer des ehemaligen Frauen-KZ Ravensbrück werden Nelken in den See der Tränen geworfen. Ravensbrück, 2005. (© Jan Zappner)

Die Jugendlichen eigneten sich Kenntnisse zum historischen Geschehen an und erlangten Kompetenzen im Umgang mit Filmtechnik. Sie entwickelten Drehbuch wie Film und organisierten eine viel beachtete Premiere. Das außerschulische Projekt lief über ein Jahr und beinhaltete zwei Projektwochen sowie mehrere Projekttage.

Hintergrund

Im Jahr 2005 gründete der Berliner Verein Waidak media e.V. in Zusammenarbeit mit der Mahn- und Gedenkstätte sowie der Jugendbegegnungsstätte Ravensbrück die Initiative medi@ktiv. Ihr Ziel ist der Auf- und Ausbau einer aktiven Medienarbeit mit und für Jugendliche. Mittlerweile finden auch zahlreiche medi@ktiv-Projekte in der Jugendbegegnungsstätte Sachsenhausen statt.


Ein wesentliches Fundament dieser Initiative ist die Sammlung lebensgeschichtlicher Videointerviews mit ehemaligen Häftlingsfrauen des KZ Ravensbrück. Diese hat die Filmemacherin Loretta Walz in über 25-jähriger Arbeit geführt und archiviert. Nur noch wenige lebende Zeitzeugen und Zeitzeuginnen können von ihren Erfahrungen berichten. Deswegen bilden Teile dieser Sammlung den thematischen Ausgangspunkt einer Vielzahl von Medienprojekten, die in den vergangenen drei Jahren entstanden. So werden diese wertvollen Erinnerungen nicht nur am Leben erhalten, sondern auch für zeitgemäße mediale Vermittlungsformen insbesondere der Jugendarbeit zugänglich gemacht. Dies kann ein modellhaftes Vorgehen für ähnliche Projekte im Umfeld anderer Gedenkstätten und vergleichbarer Institutionen sein. Auch dort gibt es oftmals Bestände an Interviews und anderen Materialien, deren Erarbeitung mit Jugendlichen möglich ist.

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Info

Knut Gerwers

Knut Gerwers arbeitete 10 Jahre als Kurator für das transmediale Festival Berlin. Seine Videos und Installationen wurden auf zahlreichen internationale Festivals präsentiert. Der Medienkünstler, Webdesigner und Autor ist Gründungsmitglied des Waidak media e.V. und Dozent für Multimedia an der Freien Universität Berlin.

Projektziel

Kernziel des Großprojekts medi@ktiv und damit auch des Films war und ist es, Konzepte für die verantwortungsvolle und sensible Nutzung der Interviews - zumeist sehr persönliche Erinnerungen von Überlebenden der KZ-Lagers aus West- und Osteuropa - zu entwickeln und so an ihre Geschichten zu erinnern.

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Info

Methodensteckbrief

  • Teilnehmerzahl: k.A.
  • Altersstufe: Ab 10. Klasse
  • Zeitbedarf: Mindestens 3-5 zusammenhängende Projekttage. Sinnvoll: in einem Zeitraum von 3-10 Monaten 2 Wochenstunden und während des Projektzeitraumes 2-3 Wochen.
  • Preis (ohne Fahrten): Nicht ermittelbar
  • Benötigte Ausstattung: Arbeitsräume für Gruppenarbeit mit Videoprojektor, Videokamera, Licht- und Tonausrüstung, PC mit Internetzugang, Videoschnittplatz, Kopierer, Projektbetreuer mit Kenntnissen der Videotechnik und des Videoschnitts.
  • Thematisch wollten die Medienpädagogen und Medienpädagoginnen an einer mit dem Lebensumfeld der Jugendlichen - ihrer Region - verbundenen Fragestellung arbeiten: Wie wurde und wie wird mit dem historischen Ort "KZ" und dem aktuellen Ort "Gedenkstätte" umgegangen?

    In Zusammenarbeit mit dem Strittmatter-Gymnasium Gransee sollte die Geschichte des Ortes Fürstenberg, in dem die Gedenkstätte für das Frauen-KZ Ravensbrück liegt, mit der Gegenwart verbunden werden. Aus der Perspektive eines jugendlichen Filmteams sollte ein aktueller Blick auf die vielfältigen wie schwierigen Verbindungen geworfen werden. Als Projektprodukt wurde entweder ein Videofilm, eine DVD oder eine CD-ROM angestrebt. Diese mediale Umsetzungsform sollte auch für jene Jugendlichen einen Zugang eröffnen, deren vordringliches Interesse nicht so sehr dem Thema sondern der Arbeit mit Medien gilt.

    Die Materialsammlung

    Im Sommer 2006 begann das Projekt mit 20 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums, die in und um Fürstenberg lebten und durch die Schule von dem Projekt gehört hatten. Alle Jugendlichen hatten sich freiwillig für die Mitarbeit am Projekt gemeldet. Sowohl im Bezug auf ihr Interesse am Thema als auch auf ihre Fähigkeiten und Kenntnisse waren die Jugendlichen sehr heterogen.

    Am Anfang stand ein Besuch der Gedenkstätte Ravensbrück. Außerdem wurde in mehreren Stunden im Geschichtsunterricht sowohl die Geschichte, das Thema, als auch die Möglichkeiten einer medialen Auseinandersetzung mit dem KZ besprochen.

    Im Herbst 2006 folgte die erste Projektwoche in der Jugendbegegnungsstätte Ravensbrück. Das pädagogische Team hatte Passagen aus den lebensgeschichtlichen Videointerviews ehemaliger Häftlinge ausgewählt. Die Schülerinnen und Schüler sahen sich diese Erinnerungen, die sowohl die individuellen biografischen Hintergründe als auch deren spezielle Berührungspunkte mit der Stadt Fürstenberg umfassten, an und diskutierten sie. Daneben wurden ihnen zwei Videointerviews mit Fürstenberger Bürgern gezeigt, die ganz besondere Erfahrungen mit dem früheren KZ verbanden: Peter Keibel, dessen Kindermädchen Grete Mewes eine der grausamsten Aufseherinnen des Lagers war und Ilse Kilian, die nach dem Kriegsende zu Aufräumarbeiten im Lager verpflichtet wurde.

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