Geschichte begreifen

12.11.2008 | Von:
Annegret Ehmann

Unterwegs mit Israel Loewenstein

Spurensuche und Gedenkstättenfahrt mit einem Zeitzeugen

Der Auschwitzüberlebende Israel Loewenstein begleitete Schülerinnen und Schüler einer Berliner Hauptschulklasse 2005 als Zeitzeuge auf einer Fahrt in die Gedenkstätte.

Schülerinnen und Schüler einer Berliner Hauptschulklasse mit zum Teil fremdenfeindlichen Einstellungen erfuhren durch die Begegnung mit einem in Israel lebenden Überlebenden des Holocaust, wie stark Diskriminierung und Verfolgung bis heute die Lebensrealität der Opfer prägt.

Schienen im ehemaligen Nazi-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau am 17 Januar 2005 im heutigen südlichen Polen. Schätzungsweise 600.000 Menschen besuchen das Lager jedes Jahr um zu lernen oder zu trauern; die große Mehrheit bewegt sich ruhig und in einem Geist der Ehrfurcht auf dem Komplex. Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau war das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus.Schienen, die in das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz Birkenau führen. (© AP)

Durch ihre Fahrt in die Gedenkstätte Auschwitz in Begleitung dieses Zeitzeugen wurden die Schülerinnen und Schüler für die dort begangenen Verbrechen und für die Auswirkungen dieser Geschichte bis heute nachhaltig sensibilisiert.

Die Projektidee

Die Idee zu dem Projekt entwickelte die Klassenlehrerin für ihre 8. Hauptschulklasse, um den bei ihren Schülerinnen und Schülern festgestellten bedenklichen Tendenzen entgegenzuwirken. Diese zeigten sich unter anderem durch Offenheit für politisch rechte Jugendtrends, Fremdenfeindlichkeit und Verherrlichung des NS-Systems.


Die Worte "Pole" und "Jude" waren den Schülerinnen und Schülern als Schimpfwörter geläufig und wurden auch im Unterricht provozierend gebraucht. Konkrete Vorstellungen waren mit diesen Bezeichnungen verbunden.

Die Projektdurchführung

1. Phase: Wissenserwerb im Fachunterricht

Im Geschichts- und Sozialkundeunterricht erarbeiteten sich die Schülerinnen und Schüler Grundkenntnisse zur Geschichte des Nationalsozialismus und zum Zweiten Weltkrieg. Sie setzten sich intensiv mit der Entstehung von Konzentrationslagern, der Ausschaltung politischer Gegner des Nationalsozialismus und rassistischen Feindbildern auseinander.

2. Phase: Projekttage zur Vertiefung

An Projekttagen wurden - ausgehend von Fragen der Schülerinnen und Schüler - weitere Themen wie zum Beispiel jüdisches Leben in Deutschland vor Beginn der Verfolgungspolitik aufgegriffen und sachlich bearbeitet. Während dieser Projekttage, insbesondere nach einem gemeinsamen Besuch in der Gedenkstätte Sachsenhausen und der Begegnung mit einem Zeitzeugen, einem ehemaligen Zwangsarbeiter aus der Ukraine, regten die Schülerinnen und Schüler wiederholt eine Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz an.

3. Phase: Planung und Vorbereitung der Gedenkstättenfahrt

Die Lehrerin erarbeitete zunächst mit den Schülerinnen und Schülern Rahmenbedingungen zur Durchführung einer solchen Studienfahrt sowie Regeln, zu deren Einhaltung sich alle verpflichteten. Beispielsweise sollten alle Mitfahrerinnen und Mitfahrer an den handwerklichen Arbeiten in der Gedenkstätte teilnehmen oder sich während des Aufenthalts in der Gedenkstätte angemessen verhalten. Erst dann nahm sie mit einem ihr schon länger bekannten Überlebenden des Holocaust in Israel Verbindung auf. Israel Loewenstein erklärte sich trotz anfänglicher Bedenken bereit, an dem Projekt mitzuwirken und die Schülerinnen und Schüler nach Auschwitz zu begleiten.

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Info

Methodensteckbrief

  • Teilnehmerzahl: Klassenverband Hauptschule, ca. 15 Schüler
  • Altersstufe: Sekundarstufe I/ 9. Jahrgang
  • Zeitbedarf: Über ein Schuljahr im Unterricht und außerunterrichtlich in mehreren Phasen
  • Preis (ohne Fahrten): Nicht ermittelbar
  • Benötigte Ausstattung: Fotoapparat, Videokamera, PCs für Erarbeitung einer Powerpoint-Präsentation, Flexibles Set von Ausstellungstafeln
  • Durch die Begegnung mit diesem Zeitzeugen, der in Berlin geboren wurde und dort seine Kindheit verbrachte, als Jugendlicher nach Auschwitz deportiert wurde und seit 1949 in Israel lebt, sollten die Schülerinnen und Schüler konkret erfahren, wie stark Diskriminierung und Verfolgung bis heute die Lebensrealität der NS-Opfer prägt.

    Das Projekt unter dem Titel "Unterwegs mit Israel Loewenstein" sollte die bisherige Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern durch Anschauung und Erleben fortsetzen, vertiefen und inhaltlich logisch ergänzen:

    Zur Vorbereitung der Studienfahrt gehörten deshalb drei Projekttage in der Schule. Inhaltliche Schwerpunkte waren die Themen Judentum, Jüdisches Leben in Berlin, Judenverfolgung im Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Zwangsarbeit, Deportation, Konzentrations- und Vernichtungslager, Geschichte Polens, Polen heute, Gedenken und Erinnern heute. In Arbeitsgruppen bereiteten die Schülerinnen und Schüler Kurzvorträge zu einzelnen Themen für die Gruppe vor. Zum Abschluss der Projekttage kochten sie polnische Gerichte in der Schulküche.

    Ziel des Projekts war neben Vermittlung und Aneignung von historischem Grundwissen vor allem die Sensibilisierung der Schülerinnen und Schüler für politisches Unrecht, Verletzungen der Menschenwürde, Umgang mit Minderheiten und die Hervorhebung der Bedeutung eines demokratischen Rechtssystems. Darüber hinaus sollte das Projekt die Schülerinnen und Schüler durch die neuen Erfahrungen ermutigen, sich ihrer eigenen Rolle in der Gesellschaft bewusst zu werden.

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