Geschichte begreifen

12.11.2008 | Von:
Gabriele Knapp

Musik im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück

Ein Musik- und Geschichtsprojekt

Was bedeutete Musik für das Überleben im KZ Ravensbrück? Mit dieser Frage beschäftigten sich Gymnasiasten aus Neustrelitz 2004/ 2005 fächerübergreifend. Sie spielten und arrangierten Lagerlieder neu, forschten eigenständig und luden Überlebende ein.

Mit der Bedeutung von Musik für das Überleben im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück beschäftigten sich Schülerinnen und Schüler aus Neustrelitz von Juni 2004 bis April 2005 in einem jahrgangs- und fächerübergreifendem außerschulischen Geschichtsprojekt.

Das Denkmal "Müttergruppe" von Fritz Cremer am Krematorium vor der Mauer der Nationen im ehemaligen Frauen-KZ Ravensbrück. Bild: Norbert Radtke, commons.wikimedia.org, by GNU FDLDas Denkmal "Müttergruppe" von Fritz Cremer am Krematorium vor der Mauer der Nationen im ehemaligen Frauen-KZ Ravensbrück Lizenz: GNU FDL (© Norbert Radtke)
Das von der Verfasserin dieses Textes entwickelte und koordinierte Kooperationsprojekt zwischen der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück sowie dem Gymnasium Carolinum in Neustrelitz/ Mecklenburg Vorpommern bestand aus drei Phasen. Es begann im Juni 2004 mit vier Projekttagen des Musikkurses in der Gedenkstätte und wurde mit Anfang des Schuljahres 2004/05 mit den Schülerinnen und Schülern des Geschichtskurses fortgeführt. Die letzte Phase bestand aus der Planung, Vorbereitung und Durchführung einer Veranstaltung am Gymnasium.


Insgesamt waren 25 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums (9. bis 13. Klasse) in den ersten beiden Arbeitsphasen beteiligt, wovon dreizehn Jugendliche Mitglied des Musikkurses waren und zwölf Schülerinnen und Schüler im Geschichtskurs zusammenarbeiteten. Letztere recherchierten auch im Archiv der Gedenkstätte.

Den Abschluss des Projektes gestalteten schließlich alle Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums mit: Am 16. April 2005 fand eine feierliche Gedenkveranstaltung in der Aula des Gymnasiums statt. Die Veranstaltung unter dem Motto "Schülerinnen und Schüler laden Zeitzeuginnen in ihre Schule ein" besuchten über siebzig Ravensbrück-Überlebende mit ihren Angehörigen.

Das Musik-Geschichts-Projekt gewann im Juni 2005 als Teilprojekt den 1. Preis beim Wettbewerb um den "Goldenen Floh 2005", einem Förderpreis für praktisches Lernen in Mecklenburg-Vorpommern. Das Projekt "Schüler laden ein" wurde mit dem "Daniel-Sanders-Kulturpreis 2005" des Landkreises Mecklenburg-Strelitz ausgezeichnet.

Ziele des Projekts

Das Projekt ermöglichte Jugendlichen, sich der Musik-Geschichte des Konzentrationslagers Ravensbrück zu nähern - ausgehend von und aufbauend auf ihren spezifischen Interessen und Kenntnissen. Im ersten Teil erschlossen sich die Schülerinnen und Schüler das ehemalige Lagergelände und seine Geschichte. Sie lernten die Biografien ehemaliger Häftlingsfrauen kennen, die im Lager heimlich Musik ausgeübt hatten. Die Quellen hatte die Projektkoordinatorin von 1999 bis 2001 in ihrem Forschungsprojekt "Musik in Ravensbrück" gesammelt.

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Info

Methodensteckbrief

  • Teilnehmerzahl: 25 Jugendliche
  • Altersstufe: 9.-13. Klasse, jahrgangsübergreifend
  • Zeitbedarf: 6 Monate (1 Schulhalbjahr)
  • Preis: 5000 Euro (Projektgebundene Spende von Siemens an Gedenkstätte) plus Eigenbeteiligung der Schule, Kosten u.a. für Sachmittel (z.B. Kopien, Filmausleihe), Reisekosten, Honorarmittel, Projektkoordination, Gestaltung und Druck der Broschüre, Durchführung der Veranstaltung
  • Benötigte Ausstattung: Eigene Musikinstrumente, Digitalkamera (Bilddokumentation), Videokamera oder Aufnahmegerät (Tondokumentation), Übungsräume, Kopierer, Internetzugang, eventuell PC, Beamer und Leinwand
  • Der Geschichtskurs legte seinen Schwerpunkt auf die Biografieforschung beziehungsweise die Rekonstruktion von Biografien. Er recherchierte nach Musikerinnen, die aus Frankreich, Belgien, Polen und deutschsprachigen Ländern ins Lager deportiert worden waren.

    Die Schülerinnen und Schüler setzten sich mit der Rassenideologie und -politik der Nationalsozialisten am Beispiel jüdischer und der "slawischen Rasse" angehörender Musikerinnen auseinander. Sie erfuhren am Schicksal einzelner Frauen von der Vernichtungspolitik des Dritten Reiches, dem System der Konzentrationslager – insbesondere der Geschichte des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück. Und sie hörten von der Überlebenskraft der Gefangenen, die versuchten, sich mit Hilfe von Musik selbst zu behaupten und dem System zu widersetzen.

    Wissenschaftlich begleitet und inhaltlich unterstützt wurden die Jugendlichen von der Projektkoordinatorin sowie Mitarbeiterinnen der Museologischen Dienste der Gedenkstätte. Sie arbeiteten eng mit dem Musiklehrer und den beiden Geschichtslehrerinnen vor Ort am Gymnasium zusammen (projektorientierter Unterricht). Bei Bedarf stellte die Projektkoordinatorin den Jugendlichen Hinweise für ihre selbstständige Recherche (forschendes Lernen) und Arbeitsmaterialien zur Verfügung (Quellen- und Literaturstudium).

    Die Rechercheergebnisse stellten die Jugendlichen in einer Dokumentationsbroschüre zusammen, für die sie selbst die Texte verfassten. Außerdem gestalteten sie das Programm einer Gedenkveranstaltung an ihrer Schule und bewirteten die Gäste in den Klassenräumen, wodurch sie zwanglos mit Ravensbrück-Überlebenden in Kontakt kommen konnten.

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