Geschichte begreifen

12.11.2008 | Von:
Gabriele Knapp

Musik im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück

Ein Musik- und Geschichtsprojekt


1. Phase: Projekttage des Musikkurses in Ravensbrück

Die inhaltliche Vorbereitung der vier Projekttage in der Gedenkstätte zum Thema "Musik in Ravensbrück" lag bei der Projektkoordinatorin. Sie arbeitete während dieser Zeit mit dem Musiklehrer (Betreuung der Musikproben, Freizeitgestaltung der Jugendlichen, Videoaufnahmen) und den Mitarbeiterinnen der museologischen Dienste (Vorbereitung der Recherchen in Depot, Bibliothek und Fotothek) zusammen.

Die Schülerinnen und Schüler lernten in Kleingruppen und durch Selbst-Führung mit Hilfe einer Lagerskizze das Gelände kennen. Sie hatten die Aufgabe, die Orte zu dokumentieren (Fotos, Zeichnungen), die sich für sie mit Musik bzw. heimlichem Musizieren verbinden ließen.

Es folgte eine Führung durch eine Mitarbeiterin der pädagogischen Dienste unter Ergänzung von Musikbeispielen aus dem Alltag im Lager durch die Koordinatorin. Jeweils ein Jugendlicher las Zitate aus Erinnerungsberichten von Zeitzeuginnen an dem Ort vor, an dem Musik eine Rolle gespielt hatte.

Auf dem Appellplatz ging es zum Beispiel um das Zwangssingen beim Marschieren der Gefangenen; im Bunker um das Singen in den Einzelzellen usw. Dadurch verknüpfte sich ein Ort mit seiner musikspezifischen Geschichte und häufig auch mit dem Schicksal eines weiblichen Häftlings.

Den Lageralltag lernten die Jugendlichen anhand von Zeichnungen, Handarbeiten, kleinen Büchern und Kunstgegenständen (Gegenstände aus dem Depot der Gedenkstätte) kennen. Sie erfuhren, welche Bedeutung Kreativität für das Überleben der Gefangenen hatte, aber auch welche Gefahren mit diesen heimlichen künstlerisch-kreativen Aktivitäten verbunden waren. Sie lasen Erlebnisberichte von Zeitzeuginnen (Quellenstudium in der Bibliothek), wobei sie besonders nach Erinnerungen an Musik und das Singen im Lager suchten.

Das Literatur- und Quellenstudium diente der Kontextualisierung von Musik am historischen Ort und der Sensibilisierung für die Musikausübung damals im Lager, aber auch für die von den Schüler/innen selbst geplanten musikalischen Aktivitäten.

Einüben von Lagerliedern und Präsentation der Stücke

Zum aktiven Musizieren kam die Gruppe durch die Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte der tschechischen Musiklehrerin Ludmila Pevkařová. Sie hatte in Ravensbrück Lieder komponiert und diese nach ihrer Befreiung notiert. Einige ihrer die Lagerwelt verarbeitenden Lieder wurden 2003 auf CD eingespielt, sodass die Jugendlichen sie hören und die deutsche Übersetzung der Liedtexte lesen konnten.

Aus einer vorbereiteten Mappe mit Liedern und Musikstücken aus Ravensbrück suchten sich die Jugendlichen ein Stück aus, das sie in ihrer Formation einstudieren sollten. Einen Tag hatte jede Gruppe Zeit, sich ausführlich mit dem ausgesuchten Stück auseinander zu setzen.

Teils spielten Gruppen ein Lied im Original, teils arrangierten sie die Stücke neu. Eine Gruppe entschloss sich, ein trauriges Lied nicht zu proben. Anstatt dessen komponierte sie ein eigenes Stück mit dem Titel "Die Hoffnung stirbt zuletzt". Die Gruppen präsentierten ihre Stücke am letzten Projekttag an von ihnen gewählten Orten auf dem Lagergelände. Dabei entstanden Videoaufzeichnungen.

Auswertung

Die Projekttage endeten mit einer Diskussion zu Fragen nach der Funktion und Wirkungsweise von Musik in Ravensbrück – zum einen für die Gefangenen, zum anderen für den funktionalen Ablauf des Lageralltags. Am Ende der Projekttage stand ein "Reinigungsritual" anstelle einer klassischen "Feedback-Runde": Die Teilnehmenden schrieben Gedanken, die sie nicht mitnehmen wollten, auf Zettel. Diese steckten sie in einen Schuhkarton und verbrannten ihn.

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