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Leichte Sprache – eine neue »Kultur« der Beteiligung


26.11.2015
Leichte Sprache ist eine Form der schriftlichen und mündlichen Kommunikation, deren Regelwerk vor allem für und gemeinsam mit Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickelt wurde. Bevölkerungsgruppen wie zum Beispiel Migrantinnen und Migranten oder funktionale Analphabeten sind ebenfalls von Ausgrenzung betroffen, wenn es um komplizierte Schriftstücke geht. Nadine Rüstow legt in ihrem Beitrag dar, warum sie ein wesentlicher Schlüssel für mehr Teilhabe und Selbstbestimmung ist.

Das Konzept der Leichten Sprache
"Die Leichte Sprache ist eine linguistische Welt für sich. Sie hat eigene Regeln, eigene Übersetzer, ein eigenes Schriftgut. Und sie breitet sich vermehrt neben der 'komplexen' Sprache aus. Die Idee der Leichten Sprache stammt aus den USA. In Deutschland engagiert sich seit den 1990er Jahren die Organisation Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland, die später das Netzwerk Leichte Sprache gegründet hat, für die Weiterentwicklung der Leichten Sprache. Die Gleichstellungsbewegung für Menschen mit Lernschwierigkeiten rüttelt damit an der letzten Bastion, die den Zugang zu allen Informationen versperren kann: der Sprache." (Ochsenbein 2014)

Leichte Sprache ist eine Form der schriftlichen und mündlichen Kommunikation, deren Regelwerk vor allem für und gemeinsam mit Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickelt wurde. Es existiert ein festes Regelwerk, das für Übersetzerinnen und Übersetzer in Leichte Sprache eine wichtige Handlungsmaxime darstellt. Komplizierte Sachverhalte werden zum Beispiel in kurzen Sätzen und mit gebräuchlichen Wörtern dargestellt. Fach- und Fremdwörter werden vermieden oder erklärt. Bestimmte grammatikalische Regeln und Schreibweisen kommen für eine bessere Verständlichkeit und Lesbarkeit zur Anwendung. Publikationen werden übersichtlich mit Bildern gestaltet. Zurückgreifen können Übersetzerinnen und Übersetzer dafür z. B. auf ein Buch und eine CD der Lebenshilfe Bremen (2013) mit über 500 Abbildungen für die Leichte Sprache. Mehr Verständlichkeit von Texten, Informationen zu Patientenrechten, Flyern, Webauftritten, vertraglichen Informationen, Leitbildern, Parteiprogrammen etc. – das ist eine Forderung vor allem von Menschen mit Lern- oder Leseschwierigkeiten. Leichte Sprache ist auch eine Forderung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Sie ist ein wesentlicher Schlüssel für mehr Teilhabe und Selbstbestimmung. Bevölkerungsgruppen wie Migrantinnen und Migranten, Menschen mit Hörbeeinträchtigungen, ältere Menschen oder funktionale Analphabeten sind ebenfalls von Ausgrenzung betroffen, wenn es um komplizierte Schriftstücke und Sachverhalte geht. Leichte Sprache erreicht nicht nur Menschen mit Leseschwierigkeiten, sondern auch Otto Normalverbraucher. Viele Menschen haben ein Bedürfnis nach kurzen und einfachen Informationen im Alltag und diese können in bestimmten Bereichen große Gefahrenquellen ausschließen.

Der Anspruch von Menschen mit Lernschwierigkeiten auf die Nutzung einer Leichten Sprache hat etwas mit ihrem veränderten Selbstbewusstsein und Engagement zu tun. Unter dem Schlagwort Independent Living treten Menschen mit Lernschwierigkeiten an die Öffentlichkeit und fordern Selbstbestimmung und Selbstvertretung für sich ein. Angebote in Leichter Sprache sollen bisherige Texte und auch literarische Werke nicht ersetzen, sondern sie sind ein zusätzliches Angebot für bestimmte Zielgruppen. Die Level-One-Studie der Universität Hamburg (2011) hat aufgezeigt, dass in der deutschsprechenden Bevölkerung über 2,3 Millionen Menschen nur einzelne Wörter lesen oder schreiben können. Hinzu kommen etwa 5,2 Millionen Menschen, die zwar einzelne Sätze lesen können, aber keine Texte. Leichte Sprache hilft auch Migrantinnen und Migranten, für die Deutsch eine Fremdsprache ist. Auch viele gehörlose Menschen können Leichte Sprache besser verstehen, da die Gebärdensprache meist ihre erste erlernte Sprache ist. Aufgrund einer Vielzahl von Barrieren beim Zugang zu politischen Informationen kann das grundlegende Recht auf politische Teilhabe oft nicht wahrgenommen werden. Vielen Menschen, denen der Zugang zu politischen Prozessen aufgrund von sprachlichen Barrieren verwehrt bleibt, wird ein politisches Grundrecht abgesprochen. Vereine gründen, wählen gehen, mitentscheiden, mitgestalten, teilhaben, sich beschweren können, all diese Bereiche sind wesentlich für die Demokratie. Denn sie lebt von der Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen. Eine politische Grundbildung ermöglicht Teilhabe. Grundbildung ist ein Querschnittsthema – ein Thema, das über Bildung hinaus an andere Handlungsfelder anschließt, z. B. Gesundheit, Arbeit, Ökonomie, Familie, Partnerschaft, Justiz, Kultur und Bürgerengagement (Grundbildungszentrum Berlin). Oft fehlt Fachkräften das Wissen darüber, wie man Informationen einfach und verständlich für bestimmte Zielgruppen formuliert. Dies kann an einer geringen Beteiligung und Einbeziehung der Nutzergruppe liegen. Vorerst ist zu klären, was Einfachheit im Kontext Sprache bedeutet. Wann ein Text leicht lesbar ist und wann eine leichte Sprachgestaltung angemessen ist, definieren Freyhoff und Mitautoren wie folgt: "Ein leicht lesbares Dokument kann somit als ein Text definiert werden, der nur die wichtigste Information enthält und auf die direkteste Weise präsentiert wird, so dass er die größtmögliche Zielgruppe erreicht." Hierbei ist zu beachten, dass in der Regel die Zielgruppe der erwachsenen Menschen mit Lernbeeinträchtigungen gemeint ist und daher vermieden werden sollte, eine kindliche Ausdrucksweise zu benutzen. Wann ein Text leicht lesbar ist, hängt also in aller Regel von der Leserin bzw. vom Leser ab. Einen Text an die Lesekompetenz aller Menschen anzupassen, ist schlicht unmöglich. Leichte Sprache weist eine subjektive Komponente auf und kann nicht als ein universales Medium bezeichnet werden.



 

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