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Inklusion - Definitionen einer Aufgabe

18.5.2016
Was heißt eigentlich Inklusion? Und welche Aufgabe verbindet sich mit dem Begriff "Inklusion" für die politische Bildung? Drei Autoren kommen mit prägnaten Erklärungen und Aufgabenbeschreibungen zu Wort. Es zeigt sich: Unter Inklusion ist mehr zu verstehen als die Verwendung dieses Begriffes im Alltag nahelegt.


Anja Besand/ David Jugel



Definition des Begriffes "Inklusion"
"Fasst man die Erkenntnisse [...] zusammen lässt sich festhalten,
  • dass Inklusion in der politischen Bildung Zugang, Teilhabe und Selbstbestimmung für alle Menschen ermöglichen sollte und mit diesem Begriff nicht speziell behinderte Menschen gemeint sind oder angesprochen werden sollen;
  • dass der Begriff »Inklusion« nicht auf einen Zustand, sondern auf einen Prozess gerichtet ist und eine scharfe Abgrenzung vom Begriff »Integration« in diesem Zusammenhang nicht zielführend ist;
  • dass dieser Prozess den Bildungsbereich und damit auch die politische Bildung zwar betrifft, aber untrennbar auch mit anderen gesellschaftlichen Teilbereichen verbunden ist.
Als Definition ergibt sich damit folgende Formulierung:
Inklusion ist ein in allen gesellschaftlichen Teilbereichen vernetzt verlaufender Wandlungsprozess, der darauf abzielt, jedem Menschen in allen gesellschaftlichen Lebensbereichen auf Grundlage seiner individuellen Bedarfe Zugang, Teilhabe und Selbstbestimmung zu ermöglichen." (Besand/Jugel S.52 f.)

Inklusion und (politische) Bildung
"Eine inklusive politische Bildung wird an ihre Grenzen stoßen, wenn Kommunikation und Habitus von politischen Akteuren weiterhin große Teile der Gesellschaft ausschließen. Ein inklusives Bildungssystem bleibt wirkungslos, wenn einige Menschen von Erwerbsarbeit ausgeschlossen bleiben und separiert werden. Nur wenn gesellschaftliche Teilbereiche aufeinander abgestimmt sind, ist ein gesamtgesellschaftlicher Inklusionsanspruch denkbar. Folglich muss auch inklusive politische Bildung den Anspruch haben, über ihre Grenzen hinaus inklusive Impulse zu setzen und selbst empfänglich für solche Impulse zu sein." (Besand/Jugel S.52)

Karl Ernst Ackermann



"Für das Verständnis von Inklusion lassen sich also die folgenden Perspektiven voneinander abheben:

Aus soziologischer Sicht geht es eher darum, die soziale Faktizität gesellschaftlicher Spaltungen und die sich daraus ergebenden illegitimen Schließungen zu erkennen und zu verstehen, um davon ausgehend nach realen Ansatzpunkten für die Überwindung illegitimer sozialer Spaltungen zu suchen. Inklusion stellt aus dieser Sicht eine gesellschaftspolitische Aufgabe dar.

Aus behindertenpädagogischer Sicht wird Inklusion hingegen vor allem als ein durch die UN-Konvention legitimierter Anspruch gegenüber der Gesellschaft, Menschen mit Behinderung in ihren Menschenrechten anzuerkennen, aufgefasst. Inklusion ist so eher ein Mittel oder Medium, das dazu dient, die Anerkennung von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft dadurch zu erreichen, dass man eine normative Basis hat. Die UN-Konvention wird zum normativen Bezugspunkt – mit dem Zweck, die Anerkennung von Menschen mit Behinderung innerhalb der Gesellschaft durchzusetzen. Inklusion im Sinne der UN-Konvention wird also als ein Menschenrecht postuliert." (Ackermann S.34 f.)

Martin Kronauer



Politische Bildung und ihre inklusive Aufgabe:
Ermächtigung zu gesellschaftsveränderndem Handeln

"Eine »inklusive Gesellschaft« kann per definitionem nie vollendet sein. Das liegt nicht zuletzt am grundlegend historischen Charakter gesellschaftlicher Verhältnisse und Institutionen. Politische Bildung, die sich bewusst ist, dass Demokratie ihr zentrales Anliegen darstellt, und deshalb aus guten Gründen Inklusion zu fördern sucht, kann daher auch auf keine jemals verwirklichten oder vorgezeichneten Vorbilder zurückgreifen. Sie kann aber, ausgehend von einer kritischen Auseinandersetzung mit dem, was »der Fall ist«, zentrale Problembereiche benennen, die für die Realisierung einer jeweils historisch möglichen »inklusiveren«, somit demokratischeren Gesellschaft angegangen werden müssten. Zwei solcher Problembereiche [...]: das Spannungsfeld von sozialen Rechten, Demokratie und kapitalistischer Ökonomie; die notwendige Vermittlung von individuellen mit sozialen Rechten der Inklusion. Weitere kritische Punkte müssten thematisiert werden: die Reichweite einer »inklusiven Gesellschaft«, somit die Legitimität, aber auch notwendige Durchlässigkeit von äußeren Grenzen (Migration); die Unterscheidung zwischen sozialen Schließungen, die unter Umständen berechtigt oder gar notwendig sind, weil sie Personengruppen schützen (zum Beispiel das Verbot von Kinderarbeit), und sozialen Schließungen, die überwunden werden müssen, weil sie die Lebenschancen und die Lebensqualität von Menschen beeinträchtigen.
Mit der Aufklärung über die anstehenden Probleme und die Voraussetzungen einer »inklusiveren« Gesellschaft wäre bereits ein wichtiger Schritt getan, Menschen, die sich nicht abfinden wollen mit dem, was »der Fall ist«, zu ermächtigen, exkludierende Grenzen aufzubrechen und legitime soziale Schließungen zu gestalten. Politische Bildung müsste dabei aber auch ihre eigenen fachlichen Grenzen durchlässig machen, sich öffnen für die beim Verändern von Verhältnissen gemachten neuen Erfahrungen, sich bilden lassen von ihren Adressaten. Wenn es bei Inklusion um Teilhabe geht, dann muss sich das auch in den partizipativen Formen wiederfinden, in denen sie angegangen wird. Das gilt auch und gerade für die Partizipation von Menschen mit Behinderungen." (Kronauer S.26 f.)

Die zitierten Aufsätze:
  • Besand, Anja / Jugel, David: Inklusion und politische Bildung – gemeinsam denken! (S.45-59)
  • Ackermann, Karl-Ernst: Politische Bildung im inklusiven Bildungssystem – grundsätzliche Fragen (S.30-44)
  • Kronauer, Martin: Politische Bildung und inklusive Gesellschaft (S.18-29)
veröffentlicht in dem Kapitel "Inklusive politische Bildung – inklusive Gesellschaft" des 2015 erschienen Schriftenreihe Bandes 1617 PDF-Icon PDF: Didaktik der inklusiven politischen Bildung



 

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