Jamal 7

16.5.2019

Eine Projektvorstellung

Das Internet spielt eine zentrale Rolle dabei, dass Jugendliche mit religiös begründeten extremistischen Inhalten in Berührung kommen. Vor diesem Hintergrund versucht das Projekt alternative Narrative zu jihadistischer Propaganda zu vermitteln. Hier erfahren Sie mehr über die Hintergründe des Projekts.

Die Webvideoserie zeigt Radikalisierung und Ausstieg aus der islamistischen Szene anhand der fiktiven Figur Jamal al-Khatib.Die Webvideoserie zeigt Radikalisierung und Ausstieg aus der islamistischen Szene anhand der fiktiven Figur Jamal al-Khatib. (© Turn – Verein für Gewalt- und Extremismusprävention)
"Ich will ein Buch schreiben, um andere Jugendliche davon abzuhalten, nach Syrien zu gehen und sich dem Islamischen Staat anzuschließen", so die Worte eines inhaftierten Jugendlichen im Gespräch mit einem Mitarbeiter von Turn – Verein für Gewalt- und Extremismusprävention vor wenigen Jahren. Nach seinem Ausstieg aus der jihadistischen Szene wollte sich der junge Mann dafür einsetzen, andere Jugendliche davor zu bewahren, die gleichen Fehler zu machen, die er in der Vergangenheit begangen hatte. Weitere Jugendliche schlossen sich an.

Hintergrund

Seit Mitte der 1990er Jahre verbreiten sunnitische Extremist/-innen Videoaufnahmen, Bilder und vor allem Schriften (kurze Flyer bis hin zu mehrere tausend Seiten umfassende Bücher) über das Internet. Lange Zeit war es hauptsächlich al-Qa'ida, mittlerweile ist es allen voran der sog. Islamische Staat (IS), der mit seinen Medienzentren wie "Al Hayat" oder "Amaq" diese Tradition fortsetzt und Inhalte in unterschiedlichen Formaten, aber hauptsächlich über Videos entwickelt und online verbreitet.

Vor allem das sog. Web 2.0, die Social Media, werden konsequent von Sympathisant/-innen und (virtuellen) Führern des Jihads systematisch und professionell genutzt, um auf möglichst vielen Ebenen des Internets präsent zu sein. Das ermöglicht eine Interaktion mit potentiellen Befürworter/-innen und dient neben der aktiven Rekrutierung vor allem der Verbreitung jihadistischer Inhalte. Jihadistische Propagandamedien können mittlerweile kaum mehr offen über offizielle Accounts auf Social Media ihre Inhalte propagieren, daher werden innerhalb geschlossener Telegram-Kanäle und -Gruppen Medien-Operationen organisiert. Inhalte, aufbereitet in unterschiedlichen Formaten, werden von diesen geschlossenen Kommunikationsräumen aus durch unterschiedliche Accounts auf Plattformen wie Twitter, YouTube und Facebook hochgeladen und zum Download bereitgestellt. Auch wenn die Plattformen die Inhalte wieder löschen, werden diese bis dahin hundertfach geteilt, von Sympathisant/-innen heruntergeladen und unter anderen Accounts wieder online gestellt.

Die jihadistischen Propagandavideos sind speziell auf die Sehgewohnheiten Jugendlicher bzw. junger Erwachsener ausgerichtet, professionell produziert und mit Spezialeffekten animiert. Das zentrale Narrativ jihadistischer Propaganda ist dabei die angebliche Bedrohung der konstruierten Eigengruppe, durch die alle Muslime verpflichtet werden sollen, sich dem Kampf gegen diese Bedrohung anzuschließen. Dieser "Call to Action", der Appell, Verantwortung zu übernehmen und sich den jeweiligen transnationalen jihadistischen Gruppierungen anzuschließen, ist auch eines der Hauptattraktivitätsmomente der Propaganda des sog. IS.

Gerade bei bestimmten Themenfeldern und Fragen dominieren neosalafistische Positionen online. Sie agieren meist im legalen Rahmen und knüpfen mit ihrem ideologischen Framing an (muslimischen) Mainstream-Diskursen bzw. der Lebenswelt (muslimischer) Jugendlicher an. Auf diese Weise können sie Social Media mit ihren Inhalten direkt bespielen und mit der Zielgruppe in Interaktion treten, ohne dazu geschlossene Telegram-Gruppen nutzen zu müssen. So können Jugendliche bereits durch harmlose, unpolitische Suchanfragen auf ihre Inhalte, Online-Kanäle und Netzwerke gelangen – und insofern spielt das Internet eine zentrale Rolle dabei, dass Jugendliche mit extremistischen Inhalten in Berührung kommen.

Vor diesem Hintergrund besteht großer Bedarf an innovativen Projekten sowie lebensweltorientierten Angeboten der politischen Bildung auf Social Media. In diesem Sinne setzt das Projekt "Jamal al-Khatib – Mein Weg" genau hier an, um auf Social Media-Plattformen eine Auseinandersetzung mit eben jenen Themenfeldern und Fragen zu fördern, zu denen im Internet Antworten von extremistischen Positionen dominieren und für deren Reflexion es offline oft keinen Raum gibt, wodurch eine Hinwendung zum Extremismus befördert werden kann.

Das Projekt

An dem Projekt arbeiten sowohl Mitarbeiter/-innen des Vereins Turn – Verein für Gewalt- und Extremismusprävention als auch Jugendliche, die aus der jihadistischen Szene ausgestiegen sind oder die sich in der "Hochphase" des sogenannten Islamischen Staates (IS) 2014/2015 resilient gegenüber jihadistischen Narrativen gezeigt und damals in ihrer Peer Group eine kritische Position bezogen haben. Entsprechend des Peer-to-Peer Ansatzes bilden ihre Erfahrungen, Erlebnisse und Gedanken die Grundlage für die Projektinhalte.

Mittels der Methode der Narrativen Biographiearbeit werden gemeinsam mit den Jugendlichen Texte erarbeitet und darauf basierend Videos mit alternativen Narrativen zu jihadistischer Propaganda produziert. Diese Videos werden im Rahmen der Webvideoreihe auf eigenen Kanälen der Social Media-Plattformen YouTube, Facebook, Instagram und Twitter veröffentlicht. Über die Figur Jamal al-Khatib werden alternative Narrative zu jihadistischer und islamistischer Online-Propaganda an die Dialoggruppe herangetragen und mit der Methode des Online-Streetworks vermittelt und diskutiert. Der Grund für die Wahl einer fiktiven Figur als Erzähler ist einerseits der Schutz der beteiligten jugendlichen Aussteiger, andererseits bietet die fiktive Figur durch die Möglichkeit einer "comichaften Überhöhung" breitere Identifikationsmöglichkeiten als Role Model für die jugendliche Dialoggruppe an. Zudem dient er als Projektionsfläche für Jugendliche, die seine wechselnden Funktionen als Beobachter, Täter, Betroffener und Beisteher aus der eigenen Lebensrealität in allen Schattierungen kennen und die widersprüchlichen Konfliktsituationen in europäischen Gesellschaften nachempfinden können.

In der ersten Staffel mit vier Videos wurden 192.806 Views und 16.309 Interaktionen erzielt. Die dazu entwickelten pädagogischen Materialien werden mittlerweile von Multiplikator/-innen in unterschiedlichen pädagogischen Settings, wie zum Beispiel im Gefängnis, im Bereich der Offenen Jugendarbeit, in der Bewährungshilfe, aber auch im schulischen Kontext verwendet.

In Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht Turn – Verein für Gewalt- und Extremismusprävention ab dem 16. Mai die zweite Staffel von "Jamal al-Khatib – Mein Weg" online. Insgesamt werden fünf Hauptvideos und mehrere Nebenformate zur Vertiefung der Inhalte publiziert. Jihadistische Diskurse haben sich seit der Veröffentlichung der ersten Staffel wesentlich verändert. Vor allem der sogenannte IS hat aufgrund des massiven Gebietsverlustes und der Dezimierung seiner Kämpfer auch die Strategie der Propaganda verändert. Muslim/-innen werden nicht mehr dazu aufgerufen nach Syrien zu kommen, es erfolgen jedoch vermehrt Aufrufe zur Gewalt und zu Attentaten im "dar al-harb", also in den "Ländern des Krieges": Im Zuge dieser Strategie könnte die Indoktrinierung intensiviert werden – vor allem unter Jugendlichen. Das Erstarken der extremen Rechten und autoritärer – zum Teil repressiver – Politik in Westeuropa, erleichtert den Rekrutierer/-innen hierbei die klassischen Narrative von "Ihr seid als Muslime hier nicht willkommen" und ohnehin sei "der Islam" mit "dem Westen" nicht vereinbar – eine Position, die sowohl in rechten als auch in islamistischen Kreisen zu finden ist. Als ideologischer Unterbau dienen für dieses Vorhaben, das auf die Isolation der Jugendlichen abzielt, auch vermehrt Versatzstücke der jihadistischen und salafistischen Ideologie. Ganz zentral ist hierbei der "Demokratie ist Shirk"-Diskurs. Ein gottgefälliges Leben nach Koran und Sunna wird dabei als unvereinbar mit der demokratischen Ordnung in westlichen Gesellschaften betrachtet. Bei diesem und ähnlichen Diskursen setzen die Inhalte der zweiten Staffel von "Jamal al-Khatib" an: thematisiert und dekonstruiert bzw. reframed werden unter anderem das "takfir"-Konzept (und damit Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit), das Prinzip "al-wala wa-l-bara" (und damit der Wunsch nach vermeintlich homogenen Gemeinschaften) und das Konzept des "kufr bit taghut" bzw. der "Demokratie ist Shirk"-Diskurs (und damit Autoritarismus). Außerdem wird es ein Video zum dem Themenkomplex "Ehre und Ehrkonzepte" geben.

Im Zuge der Arbeit an der zweiten Staffel von Jamal al-Khatib wird als Teilprojekt auch ein eigenes Videoformat in der Zusammenarbeit mit Mädchen und jungen Frauen erarbeitet und online etabliert werden. Damit soll die, aus genderspezifischer Sicht, eingeschränkte Perspektive der ersten Staffel erweitert werden.

Das Projekt und die beteiligten Jugendlichen versuchen alternative Antworten auf diese Fragen zu geben und damit die Online-Dialoggruppen zu erreichen. Ziel ist es, Reflexionsprozesse und Diskussionen über diese Themen anzuregen, alternative Narrative zu jihadistischer Propaganda zu vermitteln, Jugendliche im Umgang mit Konflikten, Kompromissen und Widersprüchen zu stärken und ihre Ambiguitätstoleranz zu fördern. Die eigenen Kanäle auf den Social Media-Plattformen werden dabei in erster Linie als Diskussionsplattformen für Jugendliche und junge Erwachsene gesehen, die Figur "Jamal al-Khatib" und seine Geschichten als Projektionsfläche, über die Diskurse (online) ausverhandelt werden können. Sowohl die Videos als auch gesamte Reihe als solche beinhalten einen "Call to Action", d.h. einerseits die Aufforderung in Diskussion über die Inhalte zu treten und sich kritisch damit auseinanderzusetzen, andererseits die Aufforderung, selbst Formen des (progressiven) Widerstandes gegen Ungerechtigkeiten zu finden. Die Alternativen Narrative der Videos sollen also von der Online-Dialoggruppe nicht einfach übernommen, sondern diskutiert und kritisch hinterfragt werden. Die Narrative und Geschichten sollen mit lokalen Diskursen in Verbindung gebracht, transformiert und mit eigener Bedeutung gefüllt werden.

Online-Interventionen alleine können im Bereich der Extremismusprävention allerdings nicht nachhaltig wirkungsvoll sein, weshalb der Transfer von Online- zu Offline-Settings ein wesentlicher Bestandteil des Projektes ist. Daher bestehen Vernetzungen mit relevanten Einrichtungen aus der Austiegshilfe und/oder der Sozialen Arbeit, um Jugendliche aus der Online-Zielgruppe im Bedarfsfall regional vermitteln zu können. Nach Abschluss der Webvideoreihe Ende Juni sind zudem diskursive Settings in einer österreichischen und einer deutschen Stadt geplant, bei denen offline mit Jugendlichen über die Inhalte der Kampagne diskutiert werden soll.


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