Jamal 7

16.5.2019

Die Methode des Online-Streetworks

Die Jamal al-Khatib-Videos sind als Diskussionsanreiz zu verstehen, um mit schwer erreichbaren Zielgruppen eine Ebene der Kommunikation aufzubauen. Dabei werden sozialarbeiterische, religionspädagogische, islamwissenschaftliche und Peer-to-Peer-Interventionen miteinander kombiniert.

Die Webvideoserie soll vor allem online Raum für Diskussion mit radikalisierungsgefährdeten Jugendlichen anbieten.Die Webvideoserie soll vor allem online Raum für Diskussion mit radikalisierungsgefährdeten Jugendlichen anbieten. (© Turn – Verein für Gewalt- und Extremismusprävention)

Die jugendlichen Projektteilnehmer/-innen zeichnen sich durch ihre Texte, autobiografischen Erzählungen und Gedanken nicht nur verantwortlich für die Geschichte der fiktiven Figur Jamal al-Khatib – sie sind auch Teil des "Team Jamals" bzw. des Teams, welches als Teilprojekt ein eigenes Format für junge Frauen erarbeitet. Das heißt, sie werden unter Beratung und Begleitung der Mitarbeiter/-innen von Turn – Verein für Gewalt- und Extremismusprävention auch in den Kommentarspalten unter den jeweiligen Videos mit den Online-Dialoggruppen in Diskussionen treten.

Wer soll erreicht werden?

Jugendliche, die sich im Netz innerhalb von Echoräumen und Blasen bewegen, laufen im besonderen Ausmaß Gefahr hermetisch geschlossene Weltbilder zu entwickeln und Radikalisierungsprozesse zu durchlaufen. Zum einen sollen Jugendliche und junge Erwachsene erreicht werden, die vulnerabel für jihadistische Online-Propaganda sind und Gefahr laufen über Suchanfragen zu Themen ihrer Lebenswelt auf extremistische Inhalte, Online-Kanäle und Netzwerke zu stoßen. Ebenso sollen Jugendliche angesprochen werden, die bereits mit jihadistischen Gruppen und Narrativen sympathisieren, sich in szenespezifischen Social Media-Blasen aufhalten (sekundäre bis tertiäre Prävention), und in deren Online-Lebenswelten extremistische Inhalte dominieren. Diese Gruppe von Jugendlichen befindet sich zudem möglicherweise bereits in geschlossenen Messengerkanälen und -gruppen (insbesondere Telegram) sowie szenespezifischen Social Media-Blasen. Folglich setzt das Projekt im Bereich der Extremismusprävention auf primärer, sekundärer und tertiärer Präventionsebene an.

Eine weitere Dialoggruppe sind die jugendlichen Projektteilnehmer/-innen, mit denen offline gearbeitet wird. Ihnen wird die Möglichkeit geboten, ihre eigenen Biografien zu reflektieren (Biografiearbeit), diese Erfahrungen mit denen anderer Jugendlicher zu vergleichen, ihre Schlüsse daraus an Gleichaltrige weiterzugeben (Peer Education) und damit in einem für sie relevanten Diskurs öffentlich sprechmächtig zu werden (Empowerment).

Zudem sollen Multiplikator/-innen angesprochen werden, die die Videos und die pädagogischen Materialien, die dazu erstellt werden, in ihren jeweiligen pädagogischen Handlungsfeldern nutzen können. Dazu werden auch Workshops und Schulungen angeboten.

Die Methode Online-Streetwork

Analog zum Streetwork im öffentlichen Raum, ist die Methode des Online-Streetworks dazu in der Lage, im Netz mit schwer erreichbaren Zielgruppen eine Ebene der Kommunikation aufzubauen, indem gezielt entsprechende Inhalte an Jugendliche herangetragen werden und über diese Inhalte der Dialog gesucht wird. Entscheidend für die Verbreitung der Videos und für das Erreichen der Dialoggruppen sind eine durchdachte digitale Distributionsstrategie und gezieltes Targeting im Hinblick auf ihre Interessen, um die Videos in die Online-Lebenswelt der Dialoggruppe zu tragen. Sie dienen als eine Art "digitaler Flyer" (mit recht viel Inhalt) mit dem Interesse geweckt und zum Dialog über die Inhalte der Videos auf den Kanälen von Jamal al-Khatib eingeladen wird.

Die eigenen Jamal al-Khatib-Kanäle auf den unterschiedlichen Social Media-Plattformen sind dabei in erster Linie als Diskussionsplattformen für Jugendliche und junge Erwachsene zu verstehen, die Figur Jamal al-Khatib und seine Geschichten als Projektionsfläche, über die Diskussionspunkte (online) ausverhandelt werden können. Sowohl die Videos als auch die Kampagne beinhalten also einen "Call-to-Action": Einerseits die Aufforderung, in Diskussion über die Inhalte zu treten und Kritik daran zu üben, andererseits den Aufruf, selbst Formen des progressiven Widerstands gegen Ungerechtigkeiten zu finden bzw. vorzuschlagen.

Die Message von Jamal, die auch vom "Team Jamal" als erster Kommentar unter den Videos veröffentlicht wird, ist: „Eure Meinung ist sehr wichtig. Schreibt hier, was ihr von den Videos haltet und diskutiert miteinander. Ihr könnt auch streiten. Wichtig ist, dass ihr mit Respekt miteinander umgeht.“ Die alternativen Narrative der Videos sollen also von der Online-Dialoggruppe nicht einfach übernommen, sondern diskutiert und kritisch hinterfragt werden. Im besten Falle werden die Narrative und Geschichten mit lokalen Diskursen in Verbindung gebracht, transformiert und mit eigener Bedeutung gefüllt.

Ziel ist es, dass sowohl die jugendlichen Projektteilnehmer/-innen als auch die Online-Dialoggruppe eine Innere Autonomie in dem Sinne entwickeln, dass das Denken und Handeln von eigenen Überlegungen geleitet wird. Jugendlichen Spielräume für Verhandlungen und eigene Meinungsbildung zuzugestehen, sie dabei zu unterstützen, den Mut zu haben, nicht zu gefallen und sich vom Gruppendruck zu lösen, sind wichtige Faktoren politischer Bildung. Sie immunisieren gegen die Anziehungskraft fanatischer Gruppierungen, denn diese sind meist autoritär strukturiert. Jugendliche sollen dabei die Inhalte politischer Bildung nicht eins zu eins in ihr Weltbild übernehmen, sondern sich ihre eigene Meinung dazu bilden.

Im Rahmen der Online-Kampagne tritt das Projektteam mit der Methode des Online-Streetworks auf den eigenen Kanälen der Social-Media-Plattformen mit den Online-Dialoggruppen in Interaktion. Dabei werden sozialarbeiterische, religionspädagogische, islamwissenschaftliche und Peer-to-Peer-Interventionen miteinander kombiniert. Welche diskursive Intervention gewählt wird und wie die Diskussionen geführt werden, entscheiden die an der Onlinephase beteiligten Mitarbeiter/-innen immer auch gemeinsam mit den jugendlichen Projektteilnehmer/-innen. Kommuniziert wird dabei innerhalb des gesamten Projektteams über verschlüsselte Messenger-Dienste, um schnell auf Diskussionsbeiträge der Online-Dialoggruppen reagieren zu können. In vielen Fällen kommen die Vorschläge für Diskussionsbeiträge also von den am Projekt beteiligten Jugendlichen.

Den Online-Dialoggruppen wiederum wird die Möglichkeit gegeben, auf unterschiedliche Arten mit dem Projektteam in Interaktion zu treten, einerseits in der Öffentlichkeit der Kommentarspalten, aber z.B. auch über persönliche Nachrichten oder verschlüsselte Kommunikationswege, um für sensiblere Themen auch ein beratendes Gesprächsangebot anbieten zu können. Im Bedarfsfall und je nach Thema, Offline-Sozialraum und Präventionsstufe vermitteln wir Jugendliche an geeignete Einrichtungen unseres Netzwerks, denn weder die primäre, sekundäre, noch die tertiäre Prävention kommt in diesem Fall ganz ohne Face-to-Face Settings aus.

Beispiel einer Intervention aus Staffel 1

Im Folgenden sollen anhand einer Diskussion, die in der Kommentarspalte unter dem "Jamal al-Khatib - Mein Weg!"-Video "Jihad an-Nafs" aus Staffel 1 zwischen dem Projektteam und einem Facebook-User geführt wurde, exemplarisch einige Ansätze der Online-Streetwork-Intervention illustriert werden:

Zunächst wird Jamal auf den Jihad-Begriff angesprochen, außerdem äußert der User die Kritik, dass Demonstrationen (wie sie im Video als alternative Handlungsoptionen für das Bedürfnis nach politischer Beteiligung und dem Kampf gegen Ungerechtigkeit angesprochen werden) auf denen "Männer und Frauen gemischt sind" ineffektiv und erniedrigend seien. Das Team Jamal reagiert kritisch ("Ich finde nicht, dass […]"), aber zugewandt ("Was genau findest du daran erniedrigend?"). Gleichzeitig wird hier nach dem Verunsicherungsansatz gearbeitet: Der User soll nicht nur seine Meinung wiedergeben, sondern diese auch begründen, um ihn auf Widersprüche aufmerksam machen zu können ("Was genau findest du daran erniedrigend?"). Auch wird an dieser Stelle die Aussage des Users reframed (sinngemäß: (1) Du sagst, Menschen die demonstrieren gehen, sind weicher als Kuscheltiere. (2) Viele Männer und Frauen die z.B. in Ägypten an Demonstrationen teilgenommen haben, sitzen im Gefängnis. (3) Sind also auch diese Leute, die für ihre Überzeugung sogar eine Gefängnisstrafe, Folter und Ermordung in Kauf nehmen weicher als Kuscheltiere?).

Der User reagiert daraufhin, indem er auf das andere von ihm angesprochene Thema, den Jihad-Begriff, zu sprechen kommt und nach Quellen für die Aussagen von Jamal verlangt. Team Jamal kombiniert daraufhin die jugendarbeiterische Intervention mit einer islamwissenschaftlichen, nennt mehrere theologische Quellen (inklusive weiterführendem Link) und wiederholt die Frage nach einer Begründung für die Aussage des Users. Dieser reagiert mit einem Beispiel, woraufhin Team Jamal wiederum Position bezieht ("also ich fühle mich durch frauen die gemeinsam mit uns gegen ungerechtigkeiten auf die straße gehen nicht erniedrigt!"), bleibt jedoch zugewandt, indem es bei dem Beispiel des Users bleibt und nachhakt. An dieser Stelle bricht der User die Diskussion ab. Daraufhin tritt ein weiterer User der Online-Dialoggruppe in die Diskussion ein und argumentiert ähnlich wie das Team Jamal. Daraufhin endet die Diskussion.

Hier wird ein Unterschied zwischen Online-Streetwork und herkömmlichem Streetwork deutlich: Durch das Online-Setting entsteht eine größere Distanz und eine geringere Verbindlichkeit, die es viel einfacher macht, sich einer Diskussion zu entziehen bzw. nicht zu reagieren. Auf der anderen Seite bietet das Online-Setting auch einen großen Vorteil. Durch die große Reichweite, die die Online-Videos haben, können auch viel mehr Personen aus der Dialoggruppe mit den diskursiven Interventionen erreicht werden. Immerhin werden die Interventionen auf öffentlichen Social Media-Plattformen angewendet. Dass auch andere Personen bei den Diskussionen mitlesen, wird z.B. am Ende der Diskussion deutlich, wo ein weiterer User mit einem Kommentar einsteigt. Durch die Anonymität im Netz, und das Fehlen eines Face-to-Face-Settings wird es mitunter für manche Jugendliche auch leichter bestimmte Themen anzusprechen (siehe Settings der Onlineberatung).

In ähnlicher Weise wird auch das Online-Streetwork in Staffel 2 erfolgen, wobei die projektbeteiligten Jugendlichen noch stärker in den Prozess der Interventionen einbezogen werden als während der Onlinephase von Staffel 1.

Letztlich können mit der Methode des Online-Streetworks sowohl bei den direkt am Projekt beteiligten Jugendlichen als auch der Online-Dialoggruppe Reflexionsprozesse und Diskussionen über die behandelten Themen angeregt und ihnen alternative Narrative zu jihadistischer Propaganda vermittelt werden, um sie im Umgang mit Konflikten, Kompromissen und Widersprüchen zu stärken und ihre Ambiguitätstoleranz zu fördern.


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