Karambolage (ARTE) das Gesetz: das BAföG

von: Felicitas Schwarz (Text), Dagmar Weiss (Bild)

Quelle: Arte Karambolage 317, Sendung vom 24. November 2013

Inhalt

Wie unterstützt der Staat Studenten in Deutschland und in Frankreich? Felicitas Schwarz erklärt es uns:

Ich habe vor kurzem einen Brief aus Deutschland bekommen, der mich ganz und gar nicht erfreut hat. Lassen Sie mich erklären warum: Dass ich sorglos studieren konnte, auch wenn bei meiner alleinerziehenden Mutter, einer freien Künstlerin, das Geld mal wieder knapp war, verdanke ich dem BAföG. Zur Erklärung für unsere französischen Zuschauer: BAföG steht für Bundesausbildungsförderungsgesetz – ein Wortungetüm dessen Abkürzung allen Deutschen ein Begriff ist. Richtig, dieses Gesetz regelt in der Bundesrepublik die staatliche Ausbildungsförderung von Schülern und Studenten aus weniger betuchten Elternhäusern.

Das BAföG ist den deutschen Studenten nicht einfach so zugeflogen. Bis in die 1960er Jahre bekommen nur die Besten der Besten staatliche Stipendien. Die Studenten müssen erst auf die Straße gehen, bevor 1971 das Bundesausbildungsförderungsgesetz in Kraft tritt. Eine kleine Revolution: Im föderalen Deutschland waren nämlich bis dahin ausschließlich die Länder für die Bereiche Bildung und Wissenschaft zuständig. Für ein bundesweites Gesetz zur Ausbildungsförderung musste erst einmal das Grundgesetz geändert werden. Zu Anfang bekommt fast die Hälfte der Studenten BAföG. Nicht alle kommen dabei aus armen Elternhäusern. Auch der ein oder andere "68er-Revoluzzer", dem seine hoffnungslos reaktionären Eltern den Geldhahn abgedreht haben, hat Anspruch auf Unterstützung. In solchen Fällen holt sich der Staat dann anschließend das Geld von den Eltern wieder zurück, zur Not auch vor Gericht. Von den wirklich bedürftigen Studenten und ihren Familien verlangt der Staat hingegen nichts zurück.

In den 1980er Jahren weht plötzlich ein anderer Wind. Die Regierung unter Helmut Kohl beschließt, dass die Studenten das erhaltene Geld nach dem Studium bis auf den letzten Pfennig zurückzahlen müssen. Daraufhin beantragen sehr viel weniger die staatlichen Förderung. Klar, wer kann, versucht nun seinen Lebensunterhalt durch Taxifahren oder andere Nebenjobs zu verdienen. Wer will schon hochverschuldet ins Berufsleben eintreten? Die BAföG-Rüchzahlungen können sich nämlich auf mehrere zehntausend DM belaufen. Anfang der 1990er Jahre können die Studenten dann wieder etwas aufatmen, von nun an müssen BAföG-Empfänger nur noch die Hälfte der Förderung zurückzahlen. Das ist aber immer noch viel Geld und aus Angst vor den Schulden entscheiden sich weiterhin viele Abiturienten gegen ein Studium. Also wird 2001 die Höhe der Rückzahlung auf 10.000 Euro begrenzt. Ein Student, der acht Semester lang den Höchstsatz von 670 Euro im Monat also insgesamt 32.160 Euro bekommt, muss so nicht mehr die Hälfte, also 16.080 Euro zurückzahlen, sondern nur noch 10.000 Euro.

Ein guter Deal sagen Sie? Tja, dass dachte ich auch, bis ich nach Frankreich kam. Hier gibt es auch Stipendien, die allen Franzosen ein Studium ermöglichen sollen. Sie heißen "bourses sur critères sociaux" – also wörtlich Stipendien nach sozialen Kriterien. Während heute weniger als 20 % aller Studenten in Deutschland BAföG beziehen, bekommen mehr als 30 % der französischen Studenten die staatliche Förderung. Je nach Einkommen der Eltern liegt diese bei bis zu 390 Euro monatlich. Verglichen mit dem BAföG-Höchstsatz von 670 Euro hört sich das wenig an, aber keine Sorge: Französische Studenten, die nicht mehr bei ihren Eltern leben, können zusätzlich noch Wohngeld beantragen. Damit stehen sie finanziell im Endeffekt nicht schlechter da als die deutschen Studenten. Der große Unterschied: Der französische Staat fordert keinen Cent der Ausbildungsförderung zurück, während bei den BAföG-Empfängern, fünf Jahre nach Auszahlung der letzten Rate, ein Rückzahlungsbescheid ins Haus flattert. Tja, Sie ahnen es, eben diesen Brief habe ich jetzt auch bekommen.

Weitere Informationen

  • Redaktion: Claire Doutriaux

  • Produktion: 24.11.2013

  • Spieldauer: 00:04:39

  • hrsg. von: ARTE

 
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